Wohnen und Urbanität

Michael Gehbauer, 17. Mai 2017

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Das Bevölkerungswachstum in Wien – durchschnittlich wächst die Stadt derzeit um 20.000 bis 40.000 EinwohnerInnen pro Jahr – ist nur mit einer massiven Erhöhung der Wohnbauleistung zu bewältigen. Es erübrigt sich, an dieser Stelle festzuhalten, dass die Versorgung überwiegend mit leistbaren Wohnungen durch eine Steigerung des geförderten Mietwohnungsneubaus erfolgen müsste.

Die Stadt Wien und der dafür zuständige Stadtrat für Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung Michael Ludwig haben darauf mit einer Wohnbauoffensive reagiert, die pro Jahr 13.000 neue Wohneinheiten vorsieht. Von diesen sollen 9.000 gefördert errichtet werden. Eine große Herausforderung, die es zu bewältigen gilt.

Ausbau der Infrastruktur

Es ist aber nicht nur der Wohnbau, der zu forcieren ist, sondern die gesamte Infrastruktur ist auszubauen. Dies betrifft die soziale Infrastruktur, wie Schulen, Kindergärten, Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen. Es betrifft aber auch die Entwicklung neuer Stadtgebiete: Diese müssen technisch erschlossen werden, und zwar mit Straßen, öffentlichem Verkehr, Kanalbau oder Elektrizität – um nur einige Aspekte zu nennen.

Ganz wichtig ist auch, das Entstehen neuer Arbeitsplätze zu fördern, schließlich benötigen die neuen BewohnerInnen der Stadt auch Arbeitsplätze. Das Bevölkerungswachstum bietet somit die Chance, die Stadt weiterzuentwickeln – oder wie es so schön heißt: die Stadt weiter zu bauen.

Natürlich geht dies nicht friktionsfrei. Viele BürgerInnen der Stadt sehen diese Entwicklung mit Sorge und Skepsis. Sie gilt es zu überzeugen, abzuholen und für diese Entwicklungspotenziale zu gewinnen.

Begleitung und Moderation

Dabei stellt sich die Frage, wie die Politik damit umgehen kann. Ihr kommt die Rolle zu, diese Prozesse zu begleiten und zu moderieren. Es muss vermittelt werden, dass es um ein sinnvolles Wachstum geht, das für alle Vorteile hat. Man muss sich im Gegenzug nur schrumpfende Städte und ihre Probleme vor Augen halten. Veränderungen finden statt – nichts bleibt so, wie es ist.

Der viel zu früh verstorbene frühere Bezirksvorsteher der Donaustadt Norbert Scheed hat einmal sinngemäß gesagt: „Wenn dieser Bezirk so weitergebaut wird, wie er derzeit strukturiert ist, dann wären bald alle Flächen verbaut. Deshalb ist es sinnvoll, an bestimmten Stellen höher zu bauen – nämlich dort, wo die Infrastruktur schon vorhanden ist und wo die Anbindung an den öffentlichen Verkehr schon gegeben ist.“ Besser kann man es eigentlich nicht ausdrücken.

Auch der Hinweis, dass das Grün zu erhalten ist, darf nicht fehlen. Wien ist eine Stadt, die rund zur Hälfte verbaut und zur Hälfte Grünraum ist. Das macht die Qualität dieser Stadt aus. Urbanität bedeutet also auch die Lebensqualitäten verbessern und weiter ausbauen. Dies betrifft einerseits das Wohnumfeld neu zu schaffender Quartiere, aber auch im großen Zusammenhang Parks, Spielplätze und zusammenhängende Grünflächen mit zu entwickeln.

Ein wichtiger Aspekt darf nicht vergessen werden: Dort, wo sich Menschen neu ansiedeln, entstehen neue Gemeinschaften und neue soziale Strukturen. Es ziehen aber auch Menschen an Orte, wo schon andere wohnen. Auch diese Prozesse brauchen eine Begleitung und viel Information.

Bewährte Stadtteilarbeit

Als bewährtes Instrument bietet sich hier die Stadtteilarbeit an, die durch Gebietsbetreuungen der Stadt Wien in gründerzeitlich geprägten Stadtgebieten bereits seit Langem erfolgreich praktiziert wird und zunehmend auch auf Neubauquartiere ausgeweitet wird.
Wachstum bietet viele Chancen. Bei einer guten Stadtentwicklung geht es darum, diese zu nützen, Urbanität zu schaffen und Neues zu kreieren. So können Defizite beseitigt und neue Potenziale entwickelt werden.

Dieser Beitrag ist als Kommentar in Arbeit&Wirtschaft 4/2017 erschienen. Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe ist das Thema Großstadt.
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