Unterschätzte Vermögenskonzentration

Benjamin Ferschli und Rafael Wildauer, 3. Oktober 2017

Wildauer, Krise, Ungleichgewichte, Exporte, Wettbewerbsfähigkeit, Löhne, VermögenskonzentrationVermögenskonzentrationZu Jahresbeginn veröffentlichte die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) neue Daten zur Vermögensverteilung in Österreich. Besonders reiche Haushalte sind darin allerdings nur unzureichend erfasst, womit die tatsächliche Vermögenskonzentration noch größer ist als die in den Daten gemessene. Versucht man diese Untererfassung an der Spitze zu berücksichtigen, so ergibt sich für das reichste 1% der Haushalte ein Vermögen von 534 Mrd. Euro. Das entspricht einem Anteil von 41% des Gesamtvermögens – und damit mehr als das 16-fache der ärmeren Hälfte der Bevölkerung.

Anfang 2017 veröffentlichte die Europäische Zentralbank (EZB) die zweite Welle des Household Finance and Consumption Survey (HFCS). Dies ist eine repräsentative Erhebung der Einkommens- und Vermögenssituation der privaten Haushalte der Eurozone in den Jahren 2013/2014. Der HFCS stellt die umfassendste und beste Datenquelle zur Erforschung der Vermögensverteilung in Österreich dar. Generell gelten Steuerstatistiken als eine alternative Informationsquelle, da jedoch Vermögenssteuern in Österreich nicht mehr existieren (Abschaffung der Vermögenssteuer 1994 und Auslaufen der Erbschaftssteuer 2008) lassen österreichische Steuerdaten keine Rückschlüsse auf die aktuelle Vermögensverteilung zu.

Ein zentrales Problem von Haushaltserhebungen von Einkommens- und Vermögensdaten besteht in der Schwierigkeit die Vermögen der ärmsten und reichsten Bevölkerungsgruppen korrekt zu erfassen, da die Methode der Zufallsziehung bei einer kleinen Stichprobe nicht gewährleistet, den oberen und unteren Rand der Vermögensverteilung ausreichend abzudecken. Darüber hinaus besteht das Problem, dass reichere Haushalte oft weniger dazu bereit sind an Befragungen dieser Art teilzunehmen, selbst wenn die Antworten anonymisiert werden. Sofern beide Probleme unberücksichtigt bleiben, führen sie in der Praxis zu einer Unterschätzung des Vermögens der privaten Haushalte – und speziell zu einer Unterschätzung des „oberen“ Endes der Vermögensverteilung.

Eine Unterschätzung des oberen Endes einer Verteilung ist jedoch bei sehr ungleich verteilten Merkmalen besonders problematisch. Diese so genannten „power-law distributions“ (Potenzgesetze) zeichnen sich dadurch aus, dass einige wenige Beobachtungen die Gesamteigenschaften der zugrundeliegenden Population entscheidend prägen. Dies steht im krassen Gegensatz zur weitläufig bekannten Normalverteilung, bei der die große Mehrheit der Population um den Mittelwert verteilt liegt und starke Ausreißer extrem unwahrscheinlich sind.

Schätzung der Privatvermögen mit Hilfe der Paretoverteilung

Grundsätzlich können die im HFCS erhobenen Daten zum Haushaltsvermögen einfach addiert werden, um einen repräsentativen Schätzwert für die privaten Vermögen in Österreich zu errechnen. Sofern jedoch die beiden oben diskutierten Probleme der Untererfassung vermögender Haushalte nicht behoben werden, unterschätzt diese Herangehensweise aber das private Haushaltsvermögen.

Eine solche Untererfassung zeigt sich unter anderem daran, dass der vermögendste Haushalt in den Daten des HFCS über rund 40 Millionen Euro verfügt, jedoch diverse Listen der reichsten ÖsterreicherInnen existieren (etwa vom „Trend“), in denen die „ärmsten“ über mehrere hundert Millionen Euro Vermögen verfügen. In einer aktuellen Studie versuchen wir, diese Lücke zu schließen. Dabei gehen wir von der etablierten Annahme aus, dass die Spitze der Vermögensverteilung tendenziell einer sogenannten Paretoverteilung folgt. Die grundlegende Idee besteht darin, im ersten Schritt – basierend auf den reichsten Haushalten im HFCS und unter Einbeziehung der Trendliste der reichsten ÖsterreicherInnen – eine Paretoverteilung zu schätzen, die die zur Verfügung stehenden Daten bestmöglich beschreibt. Im zweiten Schritt ermitteln wir basierend auf dieser geschätzten Verteilung das Vermögen der nicht erfassten Haushalte. Daraus ergibt sich im dritten Schritt ein neuer Schätzwert des Privatvermögens der österreichischen Haushalte. Diese Methode stellt im Wesentlichen eine Verfeinerung eines von der EZB entwickelten Verfahrens dar.

Zu berücksichtigen ist darüber hinaus, dass wir uns auf das Nettovermögen der privaten Haushalte beziehen. Dies bedeutet, dass vom Gesamtwert aller Vermögensgegenstände eines Haushalts der Wert aller ausstehenden Verbindlichkeiten abgezogen wird. Eine Hausbesitzerin, deren Haus 300.000 Euro wert ist, die aber eine Hypothek in Höhe von 100.000 Euro ausstehen hat, verfügt somit über ein Nettoimmobilienvermögen von 200.000 Euro.

Zusammenfassung der Ergebnisse

Das Gesamtvermögen der privaten Haushalte in Österreich liegt nach unserer Schätzung bei 1.317 Milliarden Euro. Diese Summe liegt um 32% über den Befragungsdaten der OeNB. Dies legt eine starke Unterschätzung des Gesamtvermögens durch die hohe Antwortverweigerung reicher Haushalte und die geringe Stichprobengröße nahe.

Vermögensverteilung in Österreich zu Marktpreisen (Erhebung 2013/14)

Originaldaten Schätzung auf Basis einer Paretoverteilung
Gesamtvermögen 998 Mrd. Euro 1.317 Mrd. Euro
Medianvermögen 86.000 Euro 86.000 Euro
Anteil Top 1% (relativ) 25% 41%
Anteil Top 1% (absolut) 255 Mrd. Euro 534 Mrd. Euro
Anteil ärmsten 50% (relativ) 3,2% 2,5%
Anteil ärmsten 50% (absolut) 32 Mrd. Euro 33 Mrd. Euro

Quelle: eigene Berechnungen basierend auf den Daten der OeNB.

Das zweite zentrale Ergebnis ist der starke Anstieg des Anteils der reichsten 1% der Haushalte (das entspricht etwa 38.600 Haushalte) am Gesamtvermögen. In den Daten des HFCS II verfügt das oberste Prozent über 25% des Gesamtvermögens, während dieser Anteil in unserer Schätzung bei 41% liegt. In absoluten Zahlen ausgedrückt entspricht das Gesamtvermögen des reichsten 1% der österreichischen Haushalte 534 Milliarden, also mehr als das Doppelte der 255 Milliarden Euro in den Befragungsdaten.

Drittes zentrales Ergebnis ist die extrem ungleiche Verteilung des Vermögens. Das Ausmaß der Ungleichverteilung wird durch eine Gegenüberstellung des reichsten 1% aller Haushalte mit den ärmsten 50% aller Haushalte deutlich: Während das oberste 1% über 41% des Gesamtvermögens verfügt, teilt sich die ärmere Hälfte aller Haushalte gerade einmal 2,5% des Gesamtvermögens (siehe Abbildung).

Verteilung des Nettovermögens in Österreich

Quelle: eigene Berechnungen basierend auf den Daten der OeNB.

Schlussfolgerungen zur Vermögenskonzentration in Österreich

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Verteilung privater Vermögen in Österreich durch starke Ungleichheit geprägt ist. Wird mit der Hilfsannahme paretoverteilter Vermögen die Untererfassung besonders vermögender Haushalte im HFCS berücksichtigt, verdoppelt sich das Vermögen der reichsten 1% der Haushalte und deren Anteil am Gesamtvermögen steigt von 25% auf 41%.

Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die Schwankungsbreite dieser Schätzung nicht unerheblich ist. Für den Anteil des reichsten 1% am Gesamtvermögen ergibt sich ein 95% Konfidenzintervall, mit der unteren Grenze von 35% und einer oberen Grenze von 49%. Dies bedeutet, dass bei der Verwendung dieser Werte für weitere Analysen die Schwankungsbreite einbezogen werden muss. Das zentrale Ergebnis ist die sehr starke Ungleichverteilung der Privatvermögen in Österreich.

Dieser Beitrag basiert auf der soeben veröffentlichten ausführlicheren Studie „Bestände und Konzentration privater Vermögen in Österreich“, die die beiden Autoren gemeinsam mit Bernhard Schütz und Jakob Kapeller erstellten.

Wer mehr zum Thema Reichtum und Verteilung hören möchte, ist recht herzlich zu der Veranstaltung „Kapitale Möglichkeiten – Präsentation des Handbuch Reichtum“ morgen (4.10.) von 14.00-17.00 im Bildungszentrum der AK Wien eingeladen.