Standardsituationen der Ökonomiekritik: Für und Wider den Mainstream

Leonhard Dobusch, 5. Jänner 2015

Leonhard DobuschTrotz einer seit Jahren wachsenden Bewegung für mehr Pluralismus in der Ökonomie ist die ökonomische Forschung und Lehre weiterhin von theoretischer und methodischer Einseitigkeit gekennzeichnet. Zur Verteidigung dieser Forschungsausrichtung gegenüber internen und externen KritikerInnen folgt die etablierte ökonomische Forschung einem standardisierten Muster der Kritikabwehr. Dieser Blogeintrag widmet sich deshalb einer Auswahl der häufigsten Standardsituationen der Ökonomiekritik.

Bewegung für Pluralismus in der Ökonomie

Die wachsende Kritik am herrschenden ökonomischen Diskurs in Forschung und Lehre ist, unter anderem, auch eine Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise. Im Zentrum der Kritik steht dabei theoretische und methodische Engführung der ökonomischen Disziplin, die sowohl zu einer verkürzten Analyse der Krisenursachen als auch zu einem eingeschränkten Blick auf mögliche Lösungswege führt. Initiativen wie das von Volkswirtschaftsstudierenden gegründete „Netzwerk Plurale Ökonomik“ und die „International Student Initiative for Pluralism in Economics“ versuchen deshalb mittels selbstorganisierter Ringvorlesungen zu zeigen, dass es auch ökonomische Ideen und Konzepte jenseits des neoklassisch fundierten Mainstreams gibt – Videos dieser Vorlesungen finden sich in einem eigenen YouTube-Kanal.


In Diskussionen mit ihren ProfessorInnen stoßen die Studierenden mit ihren Wünschen nach mehr Vielfalt in der Lehre jedoch zumeist auf taube Ohren. Den Einwänden der Studierenden wird dabei in der Regel mit sehr ähnlichen Antworten begegnet – zusammen bilden diese Diskussionen das, was man Standardsituationen der Ökonomiekritik nennen könnte. Im Folgenden ein persönliches Best-of ökonomischer Kritikabwehr auf Basis eigener Erfahrungen und Fragen von Studierenden samt Versuch, Antworten auf die Antworten zu geben.

Standardsituation: Lehre vs. Forschung

Gerade Studierenden wird auf die Forderung nach mehr Theorien- und Methodenvielfalt oft entgegengehalten, dass Lehre und Lehrbücher zwar neoklassisch ausgerichtet sein mögen, die aktuellste Forschung jedoch längst weit darüber hinausgehen würde. Deren formal-mathematisch oder ökonometrisch fundierte Erkenntnisse könne aber nur verstehen, wer zuvor viel Zeit in die Einübung von Grundlagen investiere. Die Beschränkung auf neoklassische Theorie wird so als notwendige Vereinfachung präsentiert; fortgeschrittene (Doktorats-)Studierende könnten dann das enge neoklassische Korsett verlassen.

Mit dieser Antwort sind gleich eine Reihe von Problemen verbunden:

  1. Dieses Argument erklärt nicht, warum alternative Theorien und Methoden in der Lehre de facto völlig ausgeblendet werden. In anderen sozialwissenschaftlichen Studienrichtungen wie Soziologie oder BWL sind Einführungskurse mit einer größeren Zahl an Theorien eine Selbstverständlichkeit. Auch in methodischer Hinsicht gehören Grundlagen in quantitativ-statistischen und qualitativ-fallstudienbasierten Methoden dort zum Kerncurriculum.
  2. Der enge Fokus auf neoklassische Theorie und formale bzw. ökonometrische Methoden in der Lehre verhindert mittelfristig auch größere Theorienvielfalt in der Forschung: wie soll jemand eine Doktorarbeit auf Basis evolutionär- oder institutionell-ökonomischer Theorie verfassen, wenn er oder sie von diesen Theorien noch nie zuvor gehört hat?
  3. Mit der Theorienvielfalt in der Forschung is es dann doch nicht so weit her, wie die Replik vieler ÖkonomInnen glauben lassen möchte: hier bilden lehrbuchartige Modelle und deren Annahmen zumeist den zentralen Referenzrahmen.

Standardsituation: Feigenblätter vs. Strohmänner

In der Regel handelt es sich bei Beispielen für „alternative“ theoretische Ansätze in der ökonomischen Forschung um rhetorische Feigenblätter. Einzelne Studien, die in einzelnen Punkten vom neoklassischen Standardmodell abweichen, werden als Beleg für die vorhandene Pluralität der Ökonomie bemüht.

Das Problem ist jedoch, dass Erkenntnisse dieser abweichenden Studien nicht in den Kernbestand neoklassisch fundierter Ökonomie zurückwirken. Mehr noch, gilt das standardisierte Lehrbuchmodell zumeist als Referenzmaßstab empirischer Beobachtungen: so arbeiten etwa verhaltensökonomische Studien ihre Resultate regelmäßig in Referenz zum Rationalitätsverständnis des neoklassischen Homo Oeconomicus ab. Letzteres wird damit in seiner Rolle als zentrale Säule ökonomischer Theoriebildung weiter gefestigt.

Umgekehrt wird dann der Kritik an ökonomischer Theorie und Lehre entgegengehalten, sie arbeite sich an Strohmännern ab: die KritikerInnen der Ökonomie machten es sich zu einfach, der herrschende ökonomische Mainstream sei inzwischen viel breiter und pluralistischer. „Belegt“ wird das mit einer stetig wachsenden Zahl an Modellen, die von unterschiedlichen Annahmen ausgehen.

Standardsituation: Modellvielfalt vs. Theorienvielfalt

Der Verweis auf die große Vielfalt an formalen Modellen wirft tatsächlich die Frage auf, inwieweit Modellvielfalt der geforderten Theorienvielfalt entspricht. Mit anderen Worten, sind Modelle mit anderen Annahmen nicht auch andere Theorien und damit per se Beleg eines vielfältigen ökonomischen Denkens? Eine derartige Replik bleibt jedoch unzureichend:

Erstens führt die Anrufung einer großen Modellvielfalt zu einer systematischen Infragestellung der internen Konsistenz mainstreamökonomischer Theoriebildung, da die hier referenzierten unterschiedlichen Modelle mit teils widersprüchlichen Annahmen und Ergebnissen aufwarten, die nicht so ohne weiteres miteinander vereinbar sind. Ohne weitere Annahmen und Aussagen darüber, wie diese Widersprüche in weiterer Folge aufgelöst werden, lässt sich hier keine kohärente Theorie mehr erkennen.

Zweitens zeigt das Generieren immer komplexerer Variationen ökonomischer Standardmodelle, dass hier vor allem solche alternativen Annahmen und Hypothesen Verwendung finden, die verhältnismäßig leicht in das Standardmodell zu inkorporieren sind. Umgekehrt werden Annahmen, die die neoklassischen Rahmenheuristiken grundlegend in Frage stellen würden – wie etwa Annahmen über nicht-optimierendes Verhalten, endogene Geldschöpfung oder Ungleichheit als verursachende Variable – zumeist weiträumig umschifft.

Selbst wenn man eine gewisse Öffnung hinsichtlich zulässiger Modellannahmen konzedieren mag, ändert dies nur wenig an der methodischen Engführung der Disziplin auf Basis von mathematisch lösbaren Gleichgewichtsmodellen und ökonometrischen Studien. Eine zentrale Rechtfertigung für diesen methodischen Fokus wiederum verweist auf die Präzision mathematischer Beschreibung und die Genauigkeit ökonometrischer Analysen.

Standardsituation: Präzision vs. Relevanz

Bis zu einem gewissen Grad lassen sich Theorie und Methode nicht völlig voneinander trennen. Evolutionär-ökonomische Ansätze in der Tradition Joseph A. Schumpeters lehnen Gleichgewichtsmodelle grundsätzlich ab und erfordern alleine schon deshalb andere Methoden (wie beispielsweise agentenbasierte Computersimulationen oder historische Fallstudien).

Gerade gegen derartige Ansätze werden dann jedoch fehlende Präzision und mangelnde Verallgemeinerbarkeit eingewandt. Würde man umgekehrt die analytische Adäquatheit der ahistorischen Universalität mathematisch formulierter Zusammenhänge genauso kritisch in den Blick nehmen, würde wohl klar werden, dass dieser Ansatz mit mindestens ebenso großen Operationalisierungsproblemen zu kämpfen hat. Auch hier gilt: ein sowohl-als-auch von formal-mathematisch und historisch-qualitativen Ansätzen würde helfen, die jeweiligen blinden Flecken und analytischen Grenzen dieser Methoden aufzudecken und zu verstehen.

Fazit

Natürlich entwickelt sich der ökonomische Mainstream weiter, wenn auch in den Lehrbüchern und Hörsälen bislang kaum etwas davon angekommen ist. Kritik an der Mainstream-Ökonomie ist deshalb gut beraten, möglichst differenziert und nicht nur gegen Strohmänner zu argumentieren: natürlich ist es ein Fortschritt, wenn auch neoklassische ÖkonomInnen wie Thomas Piketty sich Verteilungsfragen widmen. Die Aufmerksamkeit für sein Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ gerade auch im ökonomischen Mainstream zeigt, dass die Krise nicht völlig spurlos an der ökonomischen Disziplin vorbeigegangen ist.

Gleichzeitig gilt es aber auch, VerfechterInnen des ökonomischen Status quo nicht mit Standardeinwänden davon kommen zu lassen. Pluralismus in der Ökonomie muss letztlich in der Lehre anfangen – nur so kann er auch in der Forschung ankommen.