Schule lagert Lernerfolg an Eltern aus!

Vucko Schüchner/Ulrike Gollonitsch-Gehmacher, 2. Juni 2017

Die Nachhilfestudie der Arbeiterkammer 2017 zeigt: Schule ist für viele nur mit Nachhilfe und durch Unterstützung der Eltern schaffbar. 41% der SchülerInnen brauchen zu Hause fast täglich Unterstützung der Eltern beim Lernen und Hausübung machen. Viele Eltern sind damit zeitlich und inhaltlich überfordert. Deswegen brauchen 226.000 SchülerInnen Nachhilfe. Besonders bei Kindern, deren Eltern max. Pflichtschulabschluss haben ist der Nachhilfebedarf besonders hoch. Ihre Eltern können kaum helfen.  Das Familienbudget ist dadurch stark belastet: 710 € pro Jahr müssen Eltern im Schnitt für Nachhilfe ausgeben.

Eltern unterstützen Kinder, damit sie die Schule schaffen

Lernen findet oft nicht in der Schule statt. Mit einem Viertel aller Schulkinder müssen die Eltern so gut wie täglich lernen bzw. ihnen bei den Aufgaben helfen. Bei 16% ist dies zumindest zwei bis drei Mal in der Woche nötig. In der Volksschule sind es sogar 68%, die zumindest zwei bis drei Mal oder täglich mit ihren Kindern lernen.

Und das wirkt sich auf das Familienleben aus. Ist Nachhilfe notwendig, erhöht das den Druck in der Familie. Zeitliche Belastung, Stress, Konflikte und Ärger nehmen zu. Besonders betroffen davon: die Mütter. Denn sie übernehmen zu einem Großteil (83%) diese Aufgaben.

Viele Eltern schaffen Unterstützung nicht

Viele Eltern können aber die Fragen ihrer Kinder nicht beantworten. Für 21% ist das Lernen mit Kindern generell schwierig. In der Volksschule schaffen es noch relativ viele Eltern. Je höher die Schulstufe, desto schwieriger. Und wenn Eltern max. einen Pflichtschulabschlusshaben wird dies noch verstärkt: Für 52% ist es generell schwierig, sie können fachlich beim Lernen nicht helfen.

Können die Eltern nicht mehr helfen, wird zur Nachhilfe gegriffen. Generell zeigt sich, dass 62% der Eltern, deren Kinder Nachhilfe bekommen, fachlich mehr oder weniger überfordert sind.

Nachhilfe für 226.000 Schüler/innen nötig

Knapp ein Fünftel der Schüler/innen (18 %) hat im laufenden Schuljahr oder in den letzten Sommerferien eine externe Nachhilfe bekommen. Notwendig war dies um den Lernstoff zu verstehen bzw. zu vertiefen, da dieser im Unterricht nicht ausreichend vermittelt wurde. Ein Drittel wollte eine negative Note verhindern, die Hälfte eine bessere Note. Dafür bekam jedes zweite Kind eine regelmäßige Nachhilfe. Bei 45% erfolgte diese punktuell vor Schularbeiten und Tests.

Und auch hier wirkt sich der Bildungshintergrund der Eltern aus. Mehr als ein Drittel (35%) der Kinder von Eltern mit nur neun Jahren Schule brauchen Nachhilfe. Für alle ist das nicht möglich: Nur 27% dieser Kinder bekommen tatsächlich Nachhilfe, bezahlt oder unbezahlt. Und die Nachhilfe wird hauptsächlich dafür organisiert, dass das Kind durchkommt.

Der Nachhilfebedarf bei Akademikerkinder ist umgekehrt mit 17 Prozent deutlich niedriger. Die Nachhilfe ist dann auch für den Großteil unter ihnen selbstverständlich bezahlt. Das Motiv ist hier auch anders gelagert. Es geht hauptsächlich darum, dass das Kind eine Note verbessert.

Der Bedarf ist auf jeden Fall enorm. Knapp ein Viertel, also ca. 226.000 SchülerInnen benötigen zusätzlich zur Schule Nachhilfe. 178.000 davon haben diese auch erhalten – bezahlt oder unbezahlt.  48.000 SchülerInnen hatten trotz Bedarf keine Nachhilfe.

Nachhilfe erhalten: ca. 226.000 Schüler/innen (18%)
bezahlte Nachhilfe: ca. 138.000 Schüler/innen (14%)
unbezahlte Nachhilfe: ca. 40.000 Schüler/innen (4%)
Nachhilfe nicht möglich: ca. 48.000 Schüler/innen (5%)
Österreich gesamt: ca. 987.000 Schüler/innen (100%)

Eltern durch Nachhilfekosten stark belastet

Diese Situation belastet nicht nur das Familienleben, sondern auch das Familienbudget. Im Schnitt geben Eltern 710 Euro während des Schuljahres und in den Sommerferien für Nachhilfe pro Kind aus. Das sind rund 100 Mio € die in Nachhilfe investiert werden. Um diese 100 Millionen könnten etwa 1.800 LehrerInnen bezahlt werden. Eltern greifen also jedes Jahr tief in die Tasche, damit ihre Kinder die Schule schaffen. Sogar in der Volksschule müssen bereits 8,0 Mio € investiert werden um den Lernerfolg zu ermöglichen. In der Neuen Mittelstufe und der AHS Unterstufe sind es dann schon 23,8 Mio € und in der Oberstufe bzw Berufsbildenden Schulen sogar 54.6 Mio €.

Die Eltern sind dadurch sehr stark und spürbar belastet. Je geringer das Haushaltseinkommen, desto größer die Belastung. Ein Viertel mit einem Haushalteinkommen unter 2.000 € ist stark belastet. Liegt das Haushaltseinkommen über 3.000 € ist es nur jeder zehnte Haushalt.

stark belastet
Haushaltseinkommen bis 1.600 €: 24%
Haushaltseinkommen bis 2.000 €: 24%
Haushaltseinkommen bis 2.500 €: 23%
Haushaltseinkommen bis 3.000 €: 19%
Haushaltseinkommen über 3.000 €: 10%

Das Haushaltseinkommen wirkt sich auch darauf aus, ob die Kinder bezahlte Nachhilfe bekommen. Hier gilt die Formel: Je höher das Haushaltseinkommen, desto eher bezahlte Nachhilfe.

Bezahlte Nachhilfe
Haushaltseinkommen bis 1.600 €: 6%
Haushaltseinkommen bis 2.000 €: 8%
Haushaltseinkommen bis 2.500 €: 11%
Haushaltseinkommen bis 3.000 €: 15%
Haushaltseinkommen über 3.000 €: 32%

Und gerade jene, die besonders hohen Bedarf haben, bekommen aus finanziellen Gründen keine Nachhilfe. Im Schnitt ist Nachhilfe trotz Bedarf bei 38% aus finanziellen Gründen nicht möglich. Bei einem Haushaltseinkommen bis 1.600 € oder haben die Eltern max. Pflichtschulabschluss sind mehr als die Hälfte, die keine Unterstützung bekommen, weil es sich die Eltern nicht leisten können.

Regelmäßiger Förderunterricht reduziert Nachhilfebedarf

Durch regelmäßigen bzw. intensiven Förderunterricht an der Schule ist weniger bezahlte Nachhilfe nötig. 11 Prozent der SchülerInnen, die einen regelmäßigen Förderunterricht an den Schulen nutzen können, benötigen eine bezahlte Nachhilfe. Es zeigt sich, dass dieser über das ganze Jahr angeboten werden muss, damit er erfolgreich ist. Punktuelle Angebote am Ende der Semester um auf Frühwarnungen zu reagieren, zeigen nur wenig Erfolg. Sie reduzieren den Nachhilfebedarf nicht ausreichend.

Ganztagsschule: Kinder brauchen Hilfe beim Lernen und bei Hausaufgaben

Es zeigt sich, dass die echte, verschränkte Ganztagsschule einen sehr positiven Effekt hat. Hier muss deutlich weniger mit den Kindern gelernt werden und es wird auch deutlich seltener zu Nachhilfe gegriffen. Nur 12 Prozent der Eltern lernen so gut wie täglich mit Ihren Kindern und bei Ganztagsschulen benötigen lediglich 14 Prozent der Kinder Nachhilfe.

Schule braucht Veränderung

Trotz punktueller positiver Entwicklungen zeigt sich, dass es grundlegender Veränderungen in der Schule braucht. Lernen muss in der Schule stattfinden. Damit der Bildungserfolg nicht von den Eltern und ihren (finanziellen) Möglichkeiten abhängig ist. Deswegen braucht es entsprechende Gestaltung des Unterrichtes. Das erfolgt durch einen regelmäßigen Förderunterricht in allen Schulen der in einer verschränkten Ganztagsschule mit qualitativ gutem Angebot stattfindet. Damit genug Zeit zum Lernen und Entwickeln von Talenten in der Schule ist. Und die Kinder nach der Schule nach Hause gehen und mit ihren Eltern die Freizeit genießen können.

Dafür braucht es ein qualitätsvolles, an die Bedürfnisse der Standorte angepasstes Angebot. Das kann aber nur mit einer an den Rahmenbedingungen orientierten Mittelausstattung erfolgen. Deswegen braucht es die Finanzierung nach dem Chancen-Index (www.chancenindex.at). Schulen mit mehr Förderbedarf bekommen mehr PädagogInnen. So können die Talente jedes Kindes, unabhängig vom Geldbörsel der Eltern, gefördert werden.

Zur Nachhilfestudie 2017 der Arbeiterkammer


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