Praxistest Freizeitoption: Erfahrungen von Beschäftigten

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Stefanie Gerold, Michael Soder, Michael Schwendinger, 21. April 2017

Seit nunmehr drei Jahren haben Beschäftigte in mehreren Branchen in Österreich die Möglichkeit, die kollektivvertragliche Lohnerhöhung gegen mehr Freizeit einzutauschen. Zeit, sich die Auswirkungen auf Work-Life-Balance, Lebensqualität und Arbeitsbedingungen einmal genauer anzuschauen.

Im Jahr 2013 wurde die Freizeitoption erstmals im Kollektivvertrag der Elektro- und Elektronikindustrie (EEI) eingeführt. Seitdem fand diese Möglichkeit auch Eingang in andere Kollektivverträge und wurde 2015 in der EEI für einen Zeitraum von zehn Jahren vereinbart. Vor dem Hintergrund dieser langsamen, aber stetigen Ausweitung werden in diesem Blogbeitrag die bisherigen Erfahrungen von Beschäftigten mit dem innovativen Arbeitszeitinstrument genauer beleuchtet. Die hier präsentierten Ergebnisse beruhen auf Befragungen von 18 Beschäftigten in einem Unternehmen der EEI, welches die Freizeitoption bereits seit 2013 anbietet. Im Fokus der qualitativen Interviews standen die Auswirkungen auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Lebensqualität, Arbeitsbelastung und Aufstiegschancen.

Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Arbeitszeitverkürzung generell und die Freizeitoption im Speziellen werden oft im Kontext einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie diskutiert. Tatsächlich geben die meisten der Befragten an, dass sie die Freizeitoption überwiegend für gemeinsame Tätigkeiten mit Kindern und Familie konsumieren. Vor allem an schulautonomen Tagen oder während der Schulferien wird die Freizeitoption gerne verwendet, um gemeinsamen Aktivitäten nachzugehen bzw. Kinderbetreuung zu gewährleisten. Sieht man sich die Aussagen von Frauen und Männern genauer an, sind jedoch deutliche Unterschiede erkennbar. So sehen Frauen in der Freizeitoption oft die Möglichkeit, Beruf, Haushalt und Betreuungspflichten leichter unter einen Hut zu bringen. So meint eine Arbeiterin, dass sie sich die Freizeitoption genommen hätte, damit sie sich „tageweise einen Urlaubstag nehmen kann, um Sachen zu erledigen. Oder wenn das Kind keine Schule hat. […] Das ist angenehm, ich habe dann nicht so einen Stress.“

Auch Männer verwenden die Freizeitoption oft, um mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen. Allerdings scheint es bei Männern nicht so sehr um die Übernahme regelmäßiger Betreuungsleistungen zu gehen, sondern vielmehr um gemeinsame Freizeitaktivitäten. Zwar ist die verstärkte Teilnahme von Männern am Familienleben durchaus positiv zu bewerten. Ob es dadurch automatisch zu einer verstärkten Übernahme unbezahlter Tätigkeiten von Männern kommt, ist jedoch anzuzweifeln. In diesem Kontext ist einmal mehr auf die Relevanz hinzuweisen, die ein Ausbau öffentlicher Kinderbetreuungs– und Pflegeeinrichtungen sowie Ganztagsschulen auf die Gleichstellung von Frauen und Männern hätte.

Verbesserte Work-Life-Balance durch höhere Flexibilität

Weniger Stress, sinkende Krankenstandstage, bessere Work-Life-Balance – kürzere Arbeitszeiten werden mit einer Reihe von positiven Auswirkungen für Beschäftigte in Zusammenhang gebracht. Wie ist die Freizeitoption diesbezüglich einzuschätzen? Hier muss selbstverständlich berücksichtigt werden, dass das Ausmaß der zusätzlichen Freizeit sich auf maximal fünf Stunden pro Monat beläuft und direkte Auswirkungen auf das tägliche Wohlbefinden daher nur beschränkt zu erwarten sind. Trotzdem nehmen die Befragten positive Effekte auf Lebensqualität und Work-Life-Balance wahr. Diese ergeben sich hauptsächlich aus der zusätzlichen Flexibilität in der eigenen (Arbeits-)Zeitgestaltung. So meint ein Angestellter, dass er die Freizeitoption nicht genommen hätte, weil er weniger arbeiten wollte, „sondern einfach um etwas mehr Flexibilität zu haben.“ Eine andere Interviewpartnerin schätzt die Freizeitoption, weil deren Konsum im Gegensatz zu Urlaub und Zeitausgleich von der Firma nicht angeordnet bzw. abgelehnt werden kann. Diese und andere Interviewaussagen verdeutlichen einmal mehr den hohen Stellenwert von selbstbestimmten, flexiblen Arbeitszeiten für die Work-Life-Balance von Beschäftigten. Viele ArbeitnehmerInnen schätzen die Freizeitoption aber auch aufgrund der Erholungswirkung, die ein verlängertes Wochenende oder eine zusätzliche Urlaubswoche mit sich bringt.

Intensivierung der Arbeit oder höhere Motivation?

Und wie sieht es mit dem Arbeitsalltag der Beschäftigten aus? Führt die Freizeitoption zu einer Verdichtung der Arbeit und höherem Stressniveau oder wirkt die zusätzliche Freizeit positiv auf Arbeitsmotivation und Jobzufriedenheit? Eine Intensivierung der Arbeit ist insbesondere dann zu erwarten, wenn im Zuge einer Arbeitszeitverkürzung keine Neueinstellungen oder Umstrukturierungen erfolgen und somit von einer Person die gleiche Arbeit in kürzerer Zeit geleistet werden muss. Hier deuten die Ergebnisse darauf hin, dass die Auswirkungen auf den Arbeitsalltag stark vom jeweiligen Tätigkeitsbereich und der Arbeitsorganisation abhängen. So ist davon auszugehen, dass das Risiko einer Arbeitsverdichtung bei SchichtarbeiterInnen geringer ist als bei Angestellten, die hauptsächlich aufgabenbasiert arbeiten. Ausschlaggebend ist auch, ob gewisse Tätigkeiten zu einem späteren Zeitpunkt selbst erledigt werden können oder termingetreu durchgeführt werden müssen. In letzterem Fall ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass eine Aufgabe auf KollegInnen abgewälzt wird, was wiederum deren Arbeitsbelastung erhöht.

Obwohl die Freizeitoption den Befragten zufolge keine Neueinstellungen im Betrieb mit sich brachte, hat sich der Arbeitsalltag für die meisten Beschäftigten nicht verändert. Dies dürfte zum einen darauf zurückzuführen sein, dass das zusätzliche Freizeitkontingent von maximal fünf Stunden pro Monat im Vergleich zu den ohnehin vorgehenden Umstrukturierungen der Arbeitsprozesse eher untergeht. Zudem werden die Zeitguthaben teilweise angespart und wurden somit noch nicht konsumiert. Alles in allem lässt sich festhalten, dass die Befragten die Freizeitoption tendenziell positiv in Bezug auf ihren Arbeitsalltag beurteilen. So wird die zusätzliche Freizeit beispielsweise als Ausgleich für lange Arbeitstage oder als Erholungsphase wahrgenommen, was sich wiederum positiv auf die Befindlichkeit am Arbeitsplatz auswirkt.

Freizeitoption als Hemmschuh für die Karriere?

Zuletzt stellt sich die Frage, ob sich die Wahl der Freizeitoption möglicherweise negativ auf die Aufstiegschancen von Beschäftigten auswirkt. Schließlich könnte dies von Vorgesetzten als negatives Signal gewertet werden und auf eine geringe Arbeitsmotivation schließen lassen. Hier sind sich die Befragten einig – keineR befürchtet für sich persönlich negative Auswirkungen auf die Karriere. Allerdings geben einige zu bedenken, dass es auch Vorgesetzte geben dürfte, bei denen die Freizeitoption nicht so gut ankommt. Auch für Beschäftigte, die den Aufstieg ins höhere Management anstreben, könnte die Freizeitoption hinderlich sein.

Die Freizeitoption: Ein Erfolgsmodell innovativer Arbeitszeitpolitik

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sich die Freizeitoption in den letzten Jahren in der betrieblichen Praxis sowohl auf Seiten der ArbeitnehmerInnen als auch der Unternehmen bewährt hat. Sie bietet prinzipiell die Möglichkeit, Beschäftigten ein Stück mehr Zeitsouveränität zu gewähren und die Arbeitszufriedenheit positiv zu beeinflussen. Ob dieses Potential auch tatsächlich verwirklicht werden kann, hängt natürlich von mehreren Faktoren ab, allen voran der Art und Weise der betrieblichen Umsetzung. So zeigt sich, dass flexible Arbeitszeiten dann eine Verbesserung darstellen, wenn sie für die Beschäftigten ein Mehr an Selbstbestimmung bringen und nicht nur eine erhöhte Verfügbarkeit. Obwohl die Freizeitoption sicherlich nur begrenzt dazu imstande ist, Probleme wie Genderunterschiede am Arbeitsmarkt zu lösen, kann sie dennoch als Good-Practice-Beispiel einer innovativen Arbeitszeitpolitik gesehen werden.


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