Mit der Lehre auf der Überholspur

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Wolfgang Fronek, 18. Juli 2017

Der Beitrag des Programms Lehre mit Matura zur sozialen Durchlässigkeit im Wiener Bildungssystem.

Im internationalen Vergleich erinnert das Ranking zu blockierter Bildungsmobilität an ein Ergebnis im Schifahren: Österreich ist immer vorne dabei! Es zeigt sich deutlich, dass die Bildungsvererbung hierzulande sehr stark ist und durch das Bildungssystem nur in geringem Ausmaß kompensiert werden kann. Umso wichtiger ist es, Möglichkeiten zu schaffen, dem entgegenzuwirken, wenn uns Chancengerechtigkeit im Bildungssystem ein Anliegen ist. Eine Maßnahme dazu ist das Programm Lehre mit Matura (Berufsmatura Wien). Eine 2016 in Wien durchgeführte Evaluierungsstudie zeigt, dass das Programm deutlich zu einer Erhöhung der sozialen Durchlässigkeit und zur positiven Bildungsmobilität beiträgt. Der folgende Beitrag stellt die Berufsmatura Wien vor und fasst die Befunde dieser Studie zusammen. An der Onlinebefragung haben sich 1179 Teilnehmende und 213 AbsolventInnen beteiligt.

Die „Berufsmatura Wien“ – Worum handelt es sich dabei?

Das Programm „Lehre mit Matura“ wird in Wien vom KUS-Netzwerk als Trägerorganisation in einer Arbeitsgemeinschaft mit VHS, Bfi und WIFI sowie Partnerschulen, die als Prüfungskommissionen fungieren, umgesetzt. Die Kosten für Kurse, Prüfungen und Unterlagen werden vom Bundesministerium für Bildung getragen. Daraus ergibt sich die Möglichkeit, auch über die Lehre ohne zusätzlichen finanziellen Aufwand zu einer Reifeprüfung zu gelangen und somit einen uneingeschränkten Hochschulzugang zu erhalten. Derzeit nehmen rund 1700 TeilnehmerInnen nach bestandener Eingangsphase an Hauptmodulen teil. Das entspricht etwa 8 Prozent der Lehrlinge in Wien. Kann man davon ausgehen, dass die aktuellen Abschlusszahlen konstant bleiben, werden etwa 200 Teilnehmende pro Jahr in Wien die Berufsreifeprüfung im Zuge des Programms absolvieren, was etwa vier Prozent der Lehrlinge in Wien entspricht. Durch die AbsolventInnen der Berufsmatura erhöht sich die MaturantInnenquote in Wien um insgesamt zwei Prozentpunkte. Etwa 100 Personen (also knapp die Hälfte der AbsolventInnen) beginnen pro Jahr ein Studium mit der Berufsmatura als Zugangsberechtigung.

Natürlich handelt es sich bei diesem Programm um eine Maßnahme, die zu einem späteren Zeitpunkt im Bildungsverlauf einsetzt. Die Teilnehmenden haben bei Programmeinstieg bereits zuvor häufig negative Erfahrungen und Assoziationen mit der Schule gemacht. Durch die Lehre und den damit neu aufgezeigten Möglichkeiten eröffnen sich jedoch oft neue Perspektiven. Zudem verlangt die Dreifachbelastung Arbeit/Berufsschule/Berufsmaturakurse ausgeprägtes Durchhaltevermögen, gutes Zeitmanagement und ein hohes Maß an Selbstorganisation. Allesamt Fähigkeiten, die den Teilnehmenden später im Studium oder im Beruf wieder zugutekommen.

Dichtes Unterstützungsangebot sichert erfolgreiche Abschlüsse

Um dieser Belastung Rechnung zu tragen, arbeitet man in Wien mit hohen Qualitätsstandards in den Kursen und einem sehr dichten Betreuungssystem. Zusätzlich zu fachlichen Hilfsangeboten in Form von Übungskursen (Tutorien) gibt es seit Beginn das System der Pädagogischen Betreuung, bei dem Unterrichtende an den Berufsschulen den Teilnehmenden zur Seite gestellt werden. Ziel ist eine zeitnahe „Hilfe zur Selbsthilfe“ bei Problemen und rasche Unterstützung bei Schwierigkeiten, die den Programmerfolg gefährden könnten. Das Angebot wird insgesamt von den TeilnehmerInnen positiv wahrgenommen, wie die Erfahrungsberichte zeigen.

Ergänzend wurde 2015 das Mentoringprogramm ins Leben gerufen. AbsolventInnen der Berufsmatura Wien geben ihr erworbenes Wissen und ihre Erfahrungen an neue TeilnehmerInnen weiter. Zu diesem Zweck erhalten interessierte AbsolventInnen eine Ausbildung, in der sie zahlreiche Schlüsselqualifikationen (Grundlagen der Kommunikation, Motivationstechniken etc.) und notwendige Rahmenbedingungen des Programms vermittelt bekommen. In einem zweiten Teil betreuen die AbsolventInnen bereits ein bis drei Teilnehmende und werden durch Supervisionen begleitet. Nach Abschluss des Lehrgangs (Theorie- und Praxisphase) dürfen sie dann selbständig TeilnehmerInnen betreuen. Derzeit stehen 35 MentorInnen aktiven TeilnehmerInnen mit Rat und Tat zur Seite. Im Herbst 2017 ist bereits der dritte Lehrgang geplant.

Das Mentoring bringt insgesamt einen Nutzen für alle: für die MentorInnen eine Erhöhung ihrer Social Skills, die auch im Berufsleben wichtig sind sowie die Erweiterung ihres Netzwerks – für die Teilnehmenden eine Unterstützung auf Augenhöhe, mit enormer Vorbildwirkung. Letztlich ermöglicht es auch der Organisation, weiterhin in Verbindung mit den AbsolventInnen zu bleiben und deren weiteren Bildungs- und Karriereweg zu verfolgen.

Positive Karriereverläufe der AbsolventInnen: ein Portrait in Zahlen

Die Auswertung der weiteren Karriereverläufe der AbsolventInnen im Rahmen einer 2016 vom Autor durchgeführten Onlinebefragung (n=1700) bestätigt, dass das Programm deutlich zu einer Erhöhung der sozialen Durchlässigkeit und zur positiven Bildungsmobilität beiträgt.

Bei mehr als der Hälfte der Teilnehmenden kann man von Bildungsaufstieg im Vergleich zu den eigenen Eltern sprechen, bei einem weiteren Teil trägt das Programm zumindest zur Vermeidung von Abwärtsmobilität bei. Die Lehrlinge, die zum größten Teil aus Familien mit Lehrabschluss als höchstem Bildungsabschluss kommen, haben durch die Möglichkeit zur kostenlosen Reifeprüfung zusätzlich zu ihrer Berufsausbildung erhöhte Chancen am Arbeitsmarkt. 45 Prozent der befragten AbsolventInnen geben an, dass sich durch die Absolvierung der Berufsmatura berufliche Vorteile ergeben haben. Die Matura bietet die Möglichkeit, nach der Lehre bei falschen Ausbildungsentscheidungen Korrekturen vornehmen zu können oder sich in ihrem erlernten Beruf weiter im tertiären Bildungsbereich zu spezialisieren. Gut 45 Prozent der AbsolventInnen haben studiert oder studieren gerade, weitere 30 Prozent geben an, noch nicht zu studieren, dies aber noch vorzuhaben. Der Bildungshintergrund der Eltern der AbsolventInnen hat keinen Einfluss darauf, ob ein Studium begonnen wird. Der Anteil jener AbsolventInnen aus bildungsfernen Familien und derer aus bildungsnahen Familien ist in Relation ausgeglichen. Von jenen AbsolventInnen, die studieren, geben 41 Prozent an, dass das Studium mit ihrem ursprünglichen Lehrberuf zu tun hat. Weitere 38 Prozent geben an, sich außerhalb der Universität in ihrem Beruf weiterzubilden. Man sieht, dass „die Lust auf Bildung“ nach der Berufsmatura durchaus bestehen bleibt, was ein weiterer bedeutender Effekt des Programms ist.

Berufsmatura Wien – Vergleich mit anderen Schulstufen (Wien)

1) inkl. Gesundheitsschule. 2) inkl. Kolleg. 3) inkl. Akademie. 4) eigene Berechnungen (n=910, höchste abgeschlossene Ausbildung des Vaters)
Quelle: Statistik Austria, Abgestimmte Erwerbsstatistik 2014.

Lehre mit Matura – Nachweislicher Beitrag zu sozialer Durchlässigkeit und Bildungsaufstieg

Zusammenfassend wird deutlich, dass es sich beim Programm Lehre mit Matura um ein gelungenes Beispiel für Bildungsprogrammentwicklung handelt. Es zeigt auf, wie neue Wege im Bildungsbereich entstehen und im Spannungsfeld zwischen bestehenden Strukturen und der Forderung nach neuen Bildungsstandards etabliert werden können. Die Ergebnisse der Evaluierung zeigen, dass das Programm neben der Erhöhung sozialer Durchlässigkeit und positiver Bildungsmobilität auch einen wertvollen Beitrag zur Frauenförderung leistet. Denn der Anteil an weiblichen Teilnehmenden im Programm Berufsmatura (etwa 50/50) in Relation zur Grundgesamtheit der Lehrlinge (etwa 1/3 weiblich) ist höher als jener der männlichen Teilnehmenden. Besonders hervorzuheben ist dabei, dass gerade weibliche Teilnehmende zu einem größeren Teil aus bildungsferneren Familien kommen. Einen wesentlichen Beitrag zum Erfolg leisten die oben erwähnten Betreuungsstrukturen. Abschließend kann festgehalten werden, dass sich durch kostenlose Angebote dieser Art für Lehrlinge auch eindeutig bessere Chancen am Arbeitsmarkt ergeben. Entscheidend für den Erfolg des Programms ist nicht zuletzt der kostenfreie Zugang. So hätten immerhin die Hälfte aller TeilnehmerInnen (50 Prozent) das Programm „Berufsmatura“ nicht besucht, wenn sie die Kosten selber tragen müssten, nur gut ein Fünftel (22,6 Prozent) hätte es definitiv selbst finanziert.

Wenn es in Österreich Ziel sein soll, die soziale Ungleichheit zu verringern und Chancengerechtigkeit zu fördern, wird es letztlich ein Bündel an sinnvollen Maßnahmen brauchen, die über das Bildungssystem hinausgehen. Zusammenfassend kann trotzdem festgehalten werden, dass staatliche Bildungsmaßnahmen – wie das Beispiel der Berufsmatura verdeutlicht – die soziale Durchlässigkeit, die Jobaussichten und somit auch die Einkommensmöglichkeiten erhöhen können und damit die Lebenschancen vieler Menschen hierzulande positiv verändert werden können.

Link zur Studie (Dissertation): https://www.kusonline.at/de/downloadcenter


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