MERCER Pensionsstudie: Und ewig grüßt das Murmeltier

Wie nicht anders zu erwarten, hat auch die neue Fassung des MERCER Pensionsindex ergeben, dass die finanzielle Nachhaltigkeit des österreichischen Pensionssystems nicht gegeben ist. Die Auswertungen zu Österreich liegen nun zum zweiten Mal vor und wurden vom wirtschaftsliberalen PR-Institut Agenda Austria unterstützt. Da Rankings beliebt sind, hier gleich das Ergebnis: 2015 liegt Österreich auf Platz 18 von 25, letztes Jahr auf Platz 17. Dieses Ergebnis wird medial inszeniert, ist aber für sich genommen nicht beunruhigend. Denn wenn man einen Blick in die Indexzusammensetzung wagt, wird man feststellen, dass er völlig ungeeignet ist, die Angemessenheit und Nachhaltigkeit eines Pensionssystems zu beurteilen.

Genau dieser Blick in die zweifelhafte Methodik unterbleibt aber meistens.

MERCER ist eigentlich ein Beratungsunternehmen, das Unternehmen u.a. zu betrieblicher Altersvorsorge berät. Mittlerweile gibt man auch der Regierung beratende Hinweise und erklärt den „Pensionsreformkommissionen der österreichischen Ministerien“ welchen Themen sie sich annehmen sollen:  Koppelung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters an die Lebenserwartung, flexibler Übergangs in den Ruhestand und schnellere Erhöhung des Pensionsantrittsalters für Frauen. Aber ganz selbstlos erfolgt dies nicht, wird doch als Konsequenz so wie letztes Jahr eine bessere steuerliche Förderung von Privatpensionen gefordert. Also jener Produkte, zu denen Mercer als Beratungsunternehmen tätig ist. „Wir benötigen endlich eine attraktive Unterstützung für Unternehmen in Österreich – zum Beispiel durch steuerliche Anreize, um Gesundheits- und Altersversorgung anbieten und den demografischen Wandel bewältigen zu können.“ so Josef Papousek, Geschäftsführer von Mercer in Österreich.

David Knox, Autor der Studie und Senior Partner bei Mercer meint, dass es der „Melbourne Mercer Global Pension Index“ Verantwortlichen in der Politik ermöglicht, von den angemessensten und nachhaltigsten Systemen der Welt zu lernen. Genau das kann der Index aber unserer Meinung nach nicht leisten. Denn der MERCER Index ist vor allem eine Bewertung von privaten Pensionssystemen anhand von vielen Indikatoren. Das öffentliche Pensionssystem ist in den Indizes völlig unterrepräsentiert. Für tiefergehende Aussagen über die Qualität des öffentlichen Pensionssystems kann das Ranking daher keinesfalls herangezogen werden, weil sich von insgesamt über 30 Indikatoren nur 3 dem öffentlichen Pensionssystem widmen. Der schlechte Wert für Österreich liegt u.a. darin, dass für MERCER ein Pensionssystem dann nachhaltig ist, wenn es auf der Kapitaldeckung und weit verbreiteten privaten Pensionen beruht und nicht nachhaltig, wenn es im Umlageverfahren finanziert wird.

Die Indikatorenreihe zur Angemessenheit des Pensionssystems sollte ehrlicherweise „Angemessenheit von privaten und betrieblichen Pensionen“ bezeichnet werden, da sich nur 2 von 11 Fragen auf das öffentliche Pensionssystem beziehen. Da dieses aber in den meisten Ländern die wichtigste Rolle in der Alterssicherung spielt, ist das eine völlig unpassende Indexkonstruktion. Die Qualität des Pensionssystems wird überwiegend mit Fragestellungen über Zusatzpensionen erhoben, wie etwa deren steuerliche Förderung, die Übertragbarkeit der Ansprüche oder der in Aktien investierte Anteil des Vermögens. Hinzu kommen Faktoren, wie die Verbreitung von Wohneigentum und die Höhe der Sparquote. Wie schon im letzten Jahr ergibt der angebliche Angemessenheitsindex absurderweise für Deutschland einen weitaus besseren Wert als für Österreich.  Das ist angesichts des weitaus schlechteren Leistungsniveaus der öffentlichen Rentenversicherung in Deutschland verblüffend. Wenn man ab dem 20. Lebensjahr bis zum Regelpensionsalter das Durchschnittseinkommen verdient, erhält man laut OECD-Berechnungen in Österreich zum Alter 65 eine Pension von knapp 77 % des Einkommens, in Deutschland bei einem  Pensionsantritt mit 67 Jahren nur 42 %.

Letztlich hängt die „Angemessenheit“, die der Index wiedergibt, maßgeblich davon ab, wie die drei Säulen des Pensionssystems gewichtet sind und nicht welches Sicherungsniveau und welche Qualität das gesamte Pensionssystem aufweist.

Dimension Nachhaltigkeit: Wie man riskante Systeme schönrechnet

Der Nachhaltigkeitssubindex soll die langfristige Finanzierbarkeit der Pensionssysteme abbilden, leistet dies aber nicht im Geringsten. Insofern ist es auch nicht beunruhigend, dass Österreich gleich nach Italien in den Studienergebnissen das Schlusslicht bildet.

Der Subindex ist so konstruiert, dass Pensionssysteme automatisch umso nachhaltiger erscheinen, je höher der Anteil und das Ausmaß der Kapitaldeckung ausfallen. Es ist aber ein Trugschluss zu glauben, dass ein Pensionssystem umso sicherer ist, je mehr Geld auf Kapitalmärkten veranlagt wird. Die Annahme, dass ein Pensionssystem volkswirtschaftlich günstiger sei, wenn die Pensionen aus kapitalgedeckten Pensionsplänen kommen und nicht aus umlagefinanzierten, ist nicht haltbar.

Mercer unterliegt dem Irrglauben, man kann die künftigen Pensionen heute vorfinanzieren. So wird zur Bewertung der Nachhaltigkeit berücksichtigt, „welche Mittel heute zurückgelegt werden, um zukünftige Leistungen zu gewähren und die nachfolgenden Generationen zu entlasten.“ (siehe OTS). Das ignoriert, dass eine Gesellschaft die Pensionen immer aus der laufendem Volkseinkommen bedienen muss und nicht aus dem aus der Vergangenheit. Ob dies nun im Umlageverfahren aus einem Teil der Löhne über Sozialversicherungsbeiträge oder Steuern auf Gewinne und Kapitalerträge passiert oder im Kapitaldeckungsverfahren über Dividenden, Zinserträge und durch den Verkauf von Wertpapieren ist unerheblich.

Für die künftige Finanzierbarkeit des Pensionssystems kommt es grundsätzlich nicht darauf an, ob man Pensionen aus Umlage- oder kapitalgedeckten Systemen erhält, sondern ob man heute die Rahmenbedingungen so gestaltet, dass künftig eine hohe Erwerbsbeteiligung und Wertschöpfung pro Kopf erzielt werden kann, um den Transfer von Erwerbstätigen zu PensionistInnen, auf dem jedes Pensionssystem basiert, ermöglichen zu können.

Die Finanzmarktkrise hat auch eindrücklich vor Augen geführt, dass mehr Säulen keineswegs (automatisch) mehr Sicherheit bringen, sondern kapitalgedeckte Pensionen mit erheblichen zusätzlichen Risikofaktoren belastet sind.

Fazit

Generelle Aussagen über die Qualität eines Pensionssystems lassen sich aus dem Index nicht ableiten, da die öffentlichen Pensionen in dem Indikatoren Set nur eine untergeordnete Rolle spielen, einige Indikatoren keinen sinnvollen Bezug zum Pensionssystem haben, manche Annahmen unplausibel sind und viele wichtige Qualitätsmerkmale von Pensionssystemen gar nicht erfasst werden.

Die Indexkonstruktion ist damit für die Messung finanzieller Nachhaltigkeit ebenso wie der Angemessenheit von Pensionssystemen gänzlich ungeeignet, sie spiegelt im Wesentlichen lediglich die Bedeutung kapitalgedeckter Pensionen im jeweiligen Land wider. Die Vermarktung dieser Indikatoren als „Angemessenheits- und Nachhaltigkeitsindex“ ist offenbar geschäftspolitisch motiviert, aber wissenschaftlich bzw. sachlich unhaltbar.

Eine detaillierte Kritik des Mercer Index findet man hier: David Mum und Erik Türk: Pensionsstudie von Mercer und Allianz: je Privater, desto nachhaltiger?, .