Lohnender Kampf für ein gutes Leben

Es gab wohl kaum eine Zeit, in der so viel über das gute, das glückliche Leben geredet und geschrieben wurde wie heute. Es gibt Ratgeber und Rezepte für alles und jedes – für eine gute Erziehung, eine geglückte Partnerschaft, die optimale Ernährung usw. Trotz dieser vielen Rezepte klappt das mit dem „guten Leben“ nicht so recht.

Obwohl es mehr Wissen über individuelles Lebensglück gibt als je zuvor, leiden auch mehr Menschen als je zuvor unter Zukunfts- und Existenzängsten. Das liegt meiner Meinung nach daran, dass die meisten dieser „Glücksratgeber“ am Individuum ansetzen und der Blick auf die gesellschaftliche und materielle Basis fehlt. Mich interessiert aber vor allem dieser Blick.

Frei von Angst

Ein Leben, das möglichst frei von Angst ist und in dem ich mich durch sinnvolle Tätigkeit verwirklichen kann, ist wohl die wichtigste Basis für ein gutes Leben. Angst muss man dann nicht haben, wenn Frieden herrscht und es keinen Terror gibt.
Angst muss man dann nicht haben, wenn man selbst und die Menschen, die man liebt, darauf vertrauen können, dass man das Leben nach seinen Vorstellungen gestalten kann. Angst muss man dann nicht haben, wenn man darauf vertrauen darf, dass auch die Kinder und Enkelkinder in einer lebenswerten Welt leben werden.

Solidarisches Handeln

In Österreich gilt das immer noch für sehr viele Menschen. Dazu trägt auch unser moderner Sozialstaat bei. Dennoch macht sich auch bei uns – und das nicht nur bei den ärmsten und in prekären Verhältnissen Lebenden – eine massive Lebensangst breit. Eine Wurzel dieser Lebensangst war und ist die Finanz- und Wirtschaftskrise, die sich zunehmend zu einer politischen Systemkrise auswächst. Dazu kommt, dass so viele Menschen wie schon lange nicht mehr vor Krieg und Verfolgung und auch vor den Folgen des Klimawandels flüchten.
Der Anspruch auf ein gutes Leben muss auch für die Menschen, für die Not und Angst ständige Lebensbegleiter sind, gelten.
Die Bedürfnisse und Sehnsüchte nach einem guten Leben stellen heute auch einen der wichtigsten Rohstoffe zur weiteren Profitvermehrung dar. Gerade die Digitalisierung schafft neue Möglichkeiten, in unser Privatleben einzudringen und unsere Lebensgewohnheiten für neue, gewinnbringende Geschäftsmodelle zu nutzen.
Bedürfnisse und Sehnsüchte sind aber auch der Rohstoff für solidarisches politisches Handeln, weil sehr viele Menschen sehr konkrete Vorstellungen von und Sehnsucht nach einer besseren Welt haben.
Die Krisenfolgen und die größer werdende Lebensangst sollten uns daher nicht in Agonie und Hoffnungslosigkeit treiben. Wir müssen unseren Blick auf jene Ungerechtigkeiten und Missstände lenken, auf denen man politisches Handeln aufbauen kann.
Letzten Endes geht es wie immer um Verteilung des im Übermaß vorhandenen Reichtums. Und auch die Arbeitsbelastung und damit die Arbeitszeit sind ein wichtiges Feld für politisches Handeln. Die Bedürfnisse der Menschen nach Selbstverwirklichung, nach Gesundheit und Glück stehen im Widerspruch zu einer unglaublichen Arbeitsverdichtung. Gleichzeitig haben Hunderttausende keine Arbeit. Es geht also auch um die Verteilung bezahlter Arbeit – und daher um Arbeitszeitverkürzung.

Gutes Leben – gerechte Verteilung

Letztendlich ist der Kampf um ein gutes Leben immer ein Kampf um die gerechtere Verteilung der Ressourcen und damit Lebenschancen.
Denn eines ist sicher: Mit dem derzeit angehäuften Reichtum wäre ein gutes Leben für sehr viel mehr Menschen als jetzt nicht nur Utopie, sondern eine reale Möglichkeit. Dafür zu kämpfen ist eine lohnende Aufgabe.

Dieser Beitrag ist als Kommentar in der DezemberAusgabe 2015 von „Arbeit&Wirtschaft: Das gute Leben“ erschienen.
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