Kein Fortschritt beim sozialen Zusammenhalt in Europa

Michael Dauderstädt und Cem Keltek, 5. August 2016

Cem_Keltek_100x100michael-dauderstaedtEuropas politischer Zusammenhalt bröckelt – nicht zuletzt angesichts der Krise des sozialen Zusammenhalts. Menschen aus armen Ländern strömen in reichere, in denen viele ihre Einkommens- und Lebenschancen durch die Immigration bedroht sehen. Diese Befürchtungen vermischen sich mit Zorn und Frustration über die steigende gesellschaftliche Polarisierung. In der Europäischen Union (EU) bestätigen die aktuellen Daten für 2014 den besorgniserregenden Trend, der seit 2011 zu beobachten ist: Die Einkommensungleichheit hält sich hartnäckig auf dem Niveau, auf das sie 2010 angestiegen war. 2009 hatte sie nach deutlichen Fortschritten in den Vorjahren ihren niedrigsten Wert erreicht.

Die hier erfassten Einkommensdaten beruhen auf Haushaltsbefragungen und geben verfügbare Einkommen an, also nach Abzug der Steuern und unter Berücksichtigung von Transferzahlungen (z.B. Rente, Arbeitslosenunterstützung oder Sozialhilfe). Die S80/S20-Quote, die das Verhältnis dieser Einkommen im reichsten Quintil (=Fünftel) zum ärmsten Quintil angibt, lag damals bei einem Wert von etwa 8,5 (gemessen in Euro zu jeweiligen Wechselkursen) und 5,6 (gemessen in Kaufkraftstärken – KKS). Seit 2011 bewegen sich die Werte zwischen neun und zehn in Euro bzw. sechs und sieben in KKS (vgl. Grafik 1). Gegenüber 2013 ist ein minimaler Anstieg zu beobachten.

Grafik 1: Entwicklung der Einkommensungleichheit in der EU (S80/S20 Einkommensquoten)

Quelle: Eurostat; eigene Berechnungen; KKS= Kaufkraftstärken; der Vergleichbarkeit wegen wurde darauf verzichtet, Kroatien zu berücksichtigen.

Quelle: Eurostat; eigene Berechnungen; KKS= Kaufkraftstärken; der Vergleichbarkeit wegen wurde darauf verzichtet, Kroatien zu berücksichtigen.

Dieser Wert liegt deutlich höher als der von Eurostat für die gesamte EU in ihren offiziellen Statistiken angegebene Wert von etwa fünf (unterste Kurve in Grafik 1). Letzterer ist der Durchschnitt der S80/S20-Quoten aller Mitgliedstaaten unter Vernachlässigung der gewaltigen Einkommensunterschiede zwischen diesen Ländern. Er unterschätzt daher das tatsächliche Einkommensverhältnis des reichsten zum ärmsten Fünftel der EU insgesamt erheblich. Auch beim Ausweis des längerfristigen Entwicklungstrends der Einkommensungleichheit (eine relative Konstanz seit 2005) liegt Eurostat daher oft falsch.

Der in ihren offiziellen Statistiken ausgewiesene jüngste Anstieg von fünf auf 5,2 spiegelt nur die wachsende Einkommensungleichheit innerhalb vieler Mitgliedstaaten wider, die aber EU-weit durch das höhere Wachstum in den ärmeren Mitgliedstaaten teilweise kompensiert wird. Um die tatsächliche europaweite Ungleichheit abzuschätzen, müssen beide Dimensionen, die Ungleichheit zwischen und innerhalb von Ländern, berücksichtigt werden. Dies geschieht mit der hier verwandten Methode, die gesamteuropäische Quintile (jeweils ca. 100 Millionen Menschen; vgl. Tabelle 1) und deren Einkommen  berechnet und ins Verhältnis setzt.

Tabelle 1: Die ärmsten (rot) und reichsten (grün) Quintile der EU (in Euro)

Quelle: Eurostat und eigene Berechnungen Bemerkungen: die schwach schattierten Quintile gehen nur anteilig ins entsprechende EU-Quintil ein; Großbritannien wurde aufgrund mangelnder Daten für 2014 mit seinen Vorjahreswerten berücksichtigt.

Quelle: Eurostat und eigene Berechnungen
Bemerkungen: die schwach schattierten Quintile gehen nur anteilig ins entsprechende EU-Quintil ein; Großbritannien wurde aufgrund mangelnder Daten für 2014 mit seinen Vorjahreswerten berücksichtigt.

Die mehrdimensionale Ungleichheit in Europa

Für den Zeitraum, für den die letzten verfügbaren Daten von Eurostat vorliegen (2014), ist gegenüber 2013 vor allem die Einkommensungleichheit innerhalb der meisten Länder gestiegen. Die höchsten Zuwächse verzeichnet (neben Estland, der Slowakei und Großbritannien) Deutschland, wo die S80/S20-Quote um mehr als zehn Prozent anstieg (der Gini-Koeffizient um 3,4 Prozent). Im EU-Durchschnitt lagen die Zunahmen bei vier bzw. 1,3 Prozent.

 Die Einkommensungleichheit zwischen Ländern hat in der EU dagegen seit Jahren tendenziell abgenommen, da das Wachstum in den ärmeren, neuen Mitgliedstaaten aus Mittel- und Osteuropa meist stärker ausfiel als im reicheren Nordwesten der Alt-EU. Diese Konvergenz war zwar nicht durchgängig und klar zu beobachten, aber in der Tendenz eindeutig. So sank etwa das Verhältnis des durchschnittlichen Prokopfeinkommens des reichsten Mitgliedstaates (Luxemburg) zum ärmsten (Bulgarien) relativ stetig.

 Vergleicht man das Wachstum der in Tabelle 1 sichtbaren nationalen Quintile zwischen 2013 und 2014, so stellt sich heraus, dass im EU-Durchschnitt die Einkommen umso schneller zunahmen, je höher sie bereits vorher waren. Die Einkommen der ärmsten Quintile (Q1) wuchsen nur um 0,2 Prozent, der zweitärmsten (Q2) schon um 1,6 Prozent, Q3 um 2,1 Prozent, Q4 um 2,5 Prozent und die der reichsten (Q5) um 3,5 Prozent. Vom insgesamt eher schwachen Wachstum profitierten also die reicheren Schichten am meisten.

 Diese ungleiche Verteilung des Wachstums ist noch ausgeprägter in den ärmeren Mitgliedstaaten. Dort stiegen die durchschnittlichen Wachstumsraten von null Prozent für die ärmsten Haushalte (Q1) auf 4,3 Prozent für die reichsten Einkommen (Q5). Einzelne nationale Entwicklungen sind hervorzuheben: In Deutschland sanken die Einkommen im untersten Quintil um fast zehn Prozent, während sie in allen anderen Quintilen stiegen. In Ländern mit allgemein schrumpfenden Einkommen (Programmländer Spanien, Griechenland, Portugal, Zypern, aber auch Tschechien) sanken die Einkommen der Ärmsten in der Regel (Ausnahme Griechenland) am meisten. Im Gegensatz dazu schnitten in Österreich, Dänemark und Malta die ärmsten Fünftel überraschend gut ab.

Stagnierende europaweite Ungleichheit trotz wachsender nationaler Ungleichheit

Trotz der gestiegenen innerstaatlichen Einkommensungleichheit hat sich der Wert für die EU insgesamt dank der Konvergenz der Prokopfeinkommen zwischen den Mitgliedstaaten kaum verändert. Um die Entwicklung besser zu verstehen, lohnt es sich die Zusammensetzung der europäischen Quintile (vgl. Tabelle 1) genauer zu betrachten. Deren Struktur hat sich über die Jahre kaum verändert. Zum ärmsten europäischen Fünftel gehören vor allem viele nationale Quintile aus Osteuropa (z.B. fast ganz Rumänien), während zum reichsten EU-Quintil meist nur die reichsten nationalen Quintile (Q5) der wohlhabenderen EU-Länder gehören. Einige Länder tragen sowohl zum ärmsten als auch zum reichsten EU-Fünftel bei (z.B. Spanien, Italien).

 Seit 2011 hat sich die EU-weite Einkommensungleichheit sowohl in Euro als auch in KKS kaum verändert (vgl. Grafik 1). Im jüngsten, hier vorgestellten Beobachtungszeitraum 2013-2014 stieg die EU-weite Ungleichheit in KKS minimal auf 6,25 und in Euro auf 9,41. Doch warum reduzieren die höheren Wachstumsraten der ärmeren Länder nicht die EU-weite Ungleichheit, wie sie es vor 2010 taten? Kurz und zugespitzt beantwortet: weil die Einkommen im ärmsten EU-Quintil nicht schneller wuchsen als die Einkommen im reichsten. Tatsächlich veränderten sich beide nur sehr gering (unter einem halben Prozent), was den Raum für Fortschritte schon per se begrenzt. In KKS nahm der Wert des ärmsten EU-Quintils sogar gegenüber 2013 leicht ab.

Die Krise des sozialen Zusammenhalts

Das hier vorgestellte Bild einer sozial auf der Stelle tretenden EU ist geprägt vom gewählten Indikator des EU-weiten Quintilverhältnisses (S80/S20-Quote). Er blendet Entwicklungen im Mittelfeld der europäischen Einkommenspyramide aus, das vor allem aus den Mittelmeerländern besteht. Ihr Einkommen ist in den letzten Jahren geschrumpft, und zwar meist über alle Quintile hinweg. Das Prokopfeinkommen im ursprünglich etwas reicheren Italien ist inzwischen auch unter den EU-Durchschnitt gefallen.

 Der Abstieg dieser Staaten seit 2009 ist das krasse Gegenbild zur vorherigen Wohlstandsdynamik, die etwa acht Millionen Einwanderer anzog. Seit der Krise sind sie zu Auswanderungsländern mit sinkenden Einkommen, hoher Arbeitslosigkeit, zunehmender Armut und schrumpfenden Sozialausgaben geworden. In den EU-Programmländern wie etwa Griechenland sanken die Sozialausgaben absolut – trotz zunehmender Zahl an Bedürftigen. Damit sind sie auch für die wachsende Ungleichheit mitverantwortlich, da die hier betrachteten Einkommen die verfügbaren Einkommen nach Steuern einschließlich Transferzahlungen sind.

Fortschritte beim sozialen Zusammenhalt erfordern einen kombinierten Politikansatz. Das Wachstum muss wiederbelebt werden und die zunehmenden Einkommen müssen stärker den unteren Schichten zukommen. Beides hängt eng miteinander zusammen, da bei steigenden Einkommen in ärmeren Haushalten die Nachfrage stärker wächst als bei reichen Haushalten. Umverteilung innerhalb von Ländern (etwa durch höhere Besteuerung von Spitzeneinkommen, Erbschaften und Vermögen), aber auch zwischen den Mitgliedstaaten der EU (durch einen gewichtigeren, autonom finanzierten und redistributiven EU-Haushalt) kann dazu beitragen. Aber auch die Verteilung der Markteinkommen sollte und kann verbessert werden – z.B. durch angemessene Mindestlöhne oder eine Wettbewerbspolitik, die überhöhte Gewinneinkommen abbaut.

 Fazit

Die schwache Wachstumsdynamik der EU, vor allem der Eurozone, hängt zu sehr am unsicheren Tropf der Exportüberschüsse. Ein großer Wirtschaftsraum wie Europa sollte eigene produktive Kreisläufe in Gang setzen, bei denen für die heimische Nachfrage produziert wird, wobei die Beschäftigung und Einkommen entstehen, aus denen die notwendige innere Kaufkraft resultiert. Wohlstand entsteht nicht durch die Anhäufung von Forderungen ans Ausland, sondern durch Investitionen und Konsum zuhause.

 Dieser Text ist eine gekürzte Version einer Kurzstudie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung.