Jung in Wien

Katharina Hammer, 16. Juni 2015

Foto_Kathi Hammer - Kopie

Wien gehört zu den lebenswertesten Städten der Welt. Auch die Jungen schätzen die Stadt, jedoch gibt es einige die mit Benachteiligungen zu kämpfen haben. Derzeit leben rund 386.000 Menschen im Alter zwischen 15 und 30 Jahren in Wien. Diese Gruppe wird in den kommenden zehn Jahren um etwa fünf Prozent wachsen, die Gruppe der unter 15-Jährigen sogar um 16 Prozent. Damit wird Wien zum jüngsten Bundesland Österreichs. Um die hohe Lebensqualität in der Stadt auch für künftige BewohnerInnen zu gewährleisten, ist es entscheidend, die Lebensverhältnisse und Bedürfnisse junger StadtbewohnerInnen gut zu kennen.

Dazu hat hat das Institut SORA im Auftrag der AK eine Studie durchgeführt, die die Lebenssituation der 15 bis 30-Jährigen WienerInnen beleuchtet. Datenbasis bildeten die Sozialwissenschaftlichen Grundlagenstudien der Stadt Wien aus den Jahren 2003, 2008 und 2013.

Während man früher meist bis zum neunzehnten Lebensjahr als jung galt wird der Jugendbegriff heute bis auf die dreißig Jährigen ausgedehnt. Das liegt daran, dass sich Lebensumstände verändert haben, Ausbildungszeiten dauern heute meist länger, der Auszug aus dem elterlichen Haushalt, der Einstieg in die Arbeitswelt und die Gründung eines eigenen Haushalts verschieben sich in spätere Lebensphasen.

Arbeiten in Wien

Der Einstieg ins Berufsleben stellt einen wichtigen Umbruch im Leben junger Menschen dar. Von den jungen WienerInnen sind laut Sozialwissenschaftlicher Grundlagenstudie bereits 45 Prozent berufstätig. Weitere 46 Prozent befinden sich in Ausbildung (28 Prozent SchülerInnen, 18 Prozent StudentInnen). Weder berufstätig noch in Ausbildung sind 9 Prozent – diese Gruppe setzt sich vor allem aus Menschen in Arbeitslosigkeit und Karenz zusammen. Mit 30 Jahren üben knapp 80 Prozent einen Beruf aus. Davon sind 37 Prozent Teilzeitbeschäftigt, Aus- und Fortbildung ist dafür der häufigste Grund. Unzufriedener mit ihrer Tätigkeit zeigen sich junge Menschen, die überqualifiziert sind (25 Prozent). 17 Prozent haben ein befristetes Dienstverhältnis. Besonders schwer haben es jene, die ohne Job sind oder nur ein geringes Einkommen haben. Etwa ein Fünftel der Jungen gibt an, dass das Einkommen nur knapp oder gar nicht zum Leben ausreicht. Besonders junge Eltern mit Kindern sagen, dass das Einkommen oft nur knapp ausreicht.

Junge wohnen befristet

Im Jahr 2013 wohnte genau die Hälfte der jungen WienerInnen noch bei den Eltern, mit 30 Jahren leben 9 von 10 in den eigenen vier Wänden. Zwar ist die Situation am Wohnungsmarkt in Wien, besonders dank des breiten sozialen Wohnbauangebots, besser als in anderen Städten, allerdings gibt es auf dem Weg zur eigenen Wohnung einige Hürden. So sind zum Beispiel befristete Mietverträge besonders für Junge ein Problem. Entlang der Sekundärdatenauswertung zeigte sich, dass im privaten Segment 37 Prozent einen befristeten Vertrag haben. Betrachtet man alle privaten Neuvermietungen aus dem Jahr 2011 sind sogar 54 Prozent der Verträge befristet. Auch sind die Mieten im privaten Segment seit 2005 deutlich überproportional gestiegen. Diese Steigerung trifft junge Menschen mit voller Härte, neue Mietverträge verschlingen laut Statistik Austria ein Drittel des Haushaltseinkommens. Besonders betroffen sind armutsgefährdete Junge, sie müssen sogar 40 Prozent ihres Haushaltseinkommens für Wohnkosten aufwenden.

Freizeit und öffentlicher Raum

Beliebte Freizeitaufenthaltsorte der Jungen sind Plätze und Parks. 45 Prozent wünschen sich mehr Grünflächen und Innenhofbegrünung in ihrer Wohnumgebung. Auch vermissen mehr als ein Drittel Sportplätze und Sporthallen in ihrer Nähe die auch ohne Vereinsmitgliedschaft zugänglich sind. Besonders in dicht verbauten Stadtgebieten fehlen oft Parks oder Freiflächen. Hier wäre es sinnvoll, wenn Schulen ihre Sportplätze und Hallen öffnen und den jungen WienerInnen nach dem Unterricht zur Verfügung stellen. Wünschenswert wäre zum Beispiel auch freier Eintritt in die Wiener Hallen- und Freibäder für junge Menschen bis zu 16 Jahren und ermäßigte Tarife bis zur Volljährigkeit. In dicht verbauten Gebieten sollten mangels Alternativen Kleinsträume (Mikrofreiräume) für die allgemeine Nutzung ausgestattet werden. Neben Sitzgelegenheiten sollten auch wettergeschützte Bereiche geschaffen werden. Während der kalten Jahreszeit braucht es In-Door Angebote etwa Räumlichkeiten, die für kostenloses Kino, jugendgerechtes Theater, Auftritte lokaler Bands und zur freien Nutzung bereitgestellt werden. Auch der Bau neuer Jugendzentren ist begrüßenswert. Die Lernplätze in der Wiener Hauptbücherei sind schon jetzt sehr beliebt und gut genutzt. Lernplätze dieser Art, die mit PC und Internet ausgestattet sind, sollten in Wien ausgebaut werden, insbesondere in Gebieten, wo junge Menschen verstärkt in überbelegten Wohnungen leben.

Junge StadtbewohnerInnen brauchen für ihre Aktivitäten Freiräume und Plätze, die kein Geld kosten. FreundInnen treffen, Sport betreiben, Musik machen oder einfach in Wien abhängen muss auch ohne Konsumzwang möglich sein. Deshalb sind öffentliche Räume wichtig, die nicht überreguliert werden und Möglichkeiten für freie Gestaltung bieten. Der Yppenplatz in Ottakring etwa ist ein Stadtraum, der unterschiedlich genutzt wird. Rund um den Markt finden sich Lokale und Bars, der vordere Bereich des Platzes ist besonders im Sommer mit Schanigärten besetzt. Hinter der Zone des dichten Konsums befindet sich eine freie Fläche mit einem kleinen Kinderspielplatz, Sitzbänken und Basketballkörben – dieser Ort wird besonders von Kindern und Jugendlichen fürs Ballspielen, zum erlaubten Graffiti Malen auf der Wiener Wand oder als Treffpunkt genutzt. Diese ohnehin schon begrenzte Fläche ist ein wichtiger Freiraum. Doch nun wurde ein weiteres Lokal gebaut und bereits eröffnet, das den ohnehin schon engen freien Bereich einem weiteren Konsumort opfert. Von alternativen Lösungen, wie einem In-Door Aufenthaltsort oder einem Jugendzentrum, hätten junge Menschen mehr profitiert. Auch am Donaukanal soll ein sehr gut genutzter und beliebter öffentlicher Grünraum von einem weiteren riesigen Gastronomie-Projekt namens „Sky & Sand“ verdrängt werden. Äußerst fragwürdig, denn die Fläche wurde in den erst Ende 2014 beschlossenen Leitlinien für die Gestaltung des Donaukanals als wichtige konsumfreie Grünfläche in der urbanen Mitte des Kanals vorgesehen.

Als Verkehrsmittel wird das Auto für die Jungen immer weniger wichtig. Der Anteil für Arbeits- und Ausbildungswege mit dem PKW ist um 12 Prozent gesunken, dafür benutzen immerhin 76 Prozent der jungen WienerInnen öffentliche Verkehrsmittel, seit dem Jahr 2003 fahren damit um 12 Prozent mehr junge Menschen mit den Öffis in die Arbeit. Vor allem der Ausbau von Radwegen ist mit 39 Prozent erwünscht, 22 Prozent wollen mehr Tempo-30-Zonen, 21 Prozent würden eine bessere Anbindung an den öffentlichen Verkehr begrüßen und 20 Prozent mehr Fußgängerzonen schätzen.

Prekäre Verhältnisse?

Der Großteil der jungen WienerInnen ist mit dem Leben in der Stadt sehr zufrieden oder zufrieden. Es gibt aber junge StadtbewohnerInnen die mit schwierigen Lebenslagen konfrontiert sind. Leider zeigt sich, dass Junge häufig mehreren Benachteiligungsfaktoren gleichzeitig ausgesetzt sind. In der Studie wurden unterschiedliche Belastungsfaktoren untersucht, im Bereich Arbeit: Befristete Dienstverhältnisse, Teilzeitbeschäftigung und Überqualifizierung. Im Wohnbereich: Überbelag, befristete Mietverträge und erhöhte Wohnkostenanteile. Dazu kommt der Faktor Armutsgefährdung. In der Gruppe Berufstätiger sind 69 Prozent von mindestens einem der genannten Faktoren betroffen, 34 Prozent von mindestens zwei und 15 Prozent von mindestens drei. Bei den nicht berufstätigen jungen WienerInnen (in Ausbildung, sonstige Tätigkeit) wurden Überbelag, befristete Mietverhältnisse und erhöhte Wohnkostenanteile untersucht. Ganze 48 Prozent sind zumindest von einer Form betroffen, 10 Prozent von mindestens zwei Formen.

Das braucht die junge Stadt

Ziel einer sozial ausgerichteten Stadtentwicklung müssen ausgeglichene und gerechte Lebensverhältnisse für alle jungen WienerInnen sein. Junge Menschen, die von Mehrfachbenachteiligung betroffen sind, haben ein Recht darauf, besonders unterstützt zu werden.

Allem voran muss ein Bildungssystem geschaffen werden, das den sozialen Ausgleich fördert und hochwertige Ausbildungen für alle Schichten gewährleistet. Doch das gelingt nur durch ausreichende Investitionen in Bildungsinfrastruktur, die Mittelzuteilung für Schulen muss soziale Faktoren und benachteiligte Bezirke berücksichtigen (sozialindizierte Mittelzuteilung). Außerdem muss ein flächendeckendes Angebot an qualitativ hochwertigen, gebührenfreien ganztägigen Schulen geschaffen werden. Es müssen ausreichend überbetriebliche Ausbildungslätze gewährleistet werden. Auch private Betriebe sollten ihre Verantwortung wahrnehmen und wieder mehr Lehrlinge ausbilden. Das Ziel ist, möglichst alle Jugendlichen zu einem Ausbildungsabschluss zu führen, der ihnen eine zukunftssichere Voraussetzung in der Arbeitswelt bietet.

Im Sinne gesamtgesellschaftlicher Verantwortung gilt es, faire und wertschätzende Arbeitsverhältnisse für junge WienerInnen zu schaffen, die auch ausreichend entlohnt werden. Befristete Arbeitsverträge, Schein-Praktika, unbezahlte Praktika und All-In Verträge sind abzulehnen. Die Jugend hat ein Recht auf qualitativ hochwertige Arbeitsplätze, die Sicherheit und mittel- bis langfristige Perspektiven bieten und Lebensplanungen ermöglichen.

Leistbarer und qualitativ hochwertiger Wohnraum ist ein zentrales Kriterium für eine lebenswerte Stadt. Bei der Gründung eines eigenen Haushalts sind Junge in voller Härte von hohen Mieten und befristeten Mietverträgen im privaten Segment betroffen. Es gilt hier Maßnahmen zu setzen, um auch zukünftigen StadtbewohnerInnen den Zugang zu leistbarem Wohnraum zu ermöglichen. So muss die Stadt Wien mit einer höheren Neubauförderungstätigkeit reagieren, es braucht zumindest 8.000 geförderte Wohnungen pro Jahr. Befristete Mietverträge sollten bis auf wohlbegründete Ausnahmen (z.B.: Eigenbedarf) verboten werden.

Nicht zuletzt gilt es öffentliche Räume für junge Menschen zu erhalten und zu schaffen, die auch konsumfreie Nutzungen ermöglichen. Junge Menschen brauchen Orte die vielfältige Nutzungen und Platz zur Entfaltung ohne Konsumzwang ermöglichen.

Die Langfassung des Artikels ist in der Zeitschrift AK Stadt: „Arbeit, Wohnen und Freiraum – Junge WienerInnen brauchen Platz!“ erschienen. Nachzulesen unter:

http://wien.arbeiterkammer.at/service/zeitschriften/akstadt/AK_Stadt,_Nr._1,_2015.html