Haltung bewahren: Marie Jahoda als Vorbild

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Georg Hubmann, 27. Juni 2017

Marie Jahoda ist ein Vorbild für Sozialwissenschaftler und Sozialwissenschaftlerinnen. Sie war nicht nur Wissenschaftlerin und an der Erforschung von Fakten alleine interessiert, sondern richtete ihren Fokus immer auch auf die Betroffenen und deren reale Probleme. Diese Einstellung zur Arbeit als Wissenschaftlerin ist im heutigen Wissenschaftsbetrieb selten geworden. Unter dem Titel „Lebensgeschichtliche Protokolle der arbeitenden Klassen 1850–1930“ erscheint demnächst im Studienverlag ihre Dissertation aus dem Jahr 1932 mit einer umfangreichen Würdigung von Marie Jahoda und ihrer Arbeit.

Engagement für den Fortschritt

Die Biografie von Marie Jahoda erklärt, warum sie immer unter einem breiteren, oft auch politischen Blickwinkel geforscht hat. Aufgewachsen und sozialisiert im Roten Wien der 1920er-Jahre, engagierte sie sich schon mit fünfzehn Jahren beim Verband sozialistischer Mittelschüler. Das Thema der gerechten Bildungschancen unabhängig von der individuellen Herkunft war eines ihrer ersten politischen Interessenfelder. Ein Auftritt als Rednerin zum Thema der Schulreform – Ziel war die allgemeine Mittelschule – beim großen Maiaufmarsch der Wiener Sozialdemokratie im Jahr 1926 auf dem Rathausplatz brachte ihr eine Rüge der Schuldirektorin und in weiterer Folge eine negative Betragensnote im Abschlusszeugnis ein. Diese Begebenheit steht für ihren Mut bereits als Jugendliche, für eine Sache öffentlich einzutreten. Schon früh zeigt ihr Einsatz für eine gerechte Gesellschaft und einen gerechten Umgang im Zwischenmenschlichen ihren inneren politischen Antrieb. Als Vorsitzende des sozialistischen Mittelschülerverbandes kam sie zwanglos in Kontakt mit den führenden Sozialdemokraten der Zeit. Besonders prägend waren für sie damals Otto Neurath und Otto Bauer.

Bildungsarbeit ist das Wichtigste

Die Idee, dass „es nichts Wichtigeres als die allgemeine Erziehung gibt“, war Jahodas Motivation für ihre Studienwahl. Sie belegte das Fach Psychologie an der Universität Wien und begann eine Ausbildung zur Volksschullehrerin. Ihr eigentliches Lebensziel zu der Zeit war, Unterrichtsministerin zu werden, um am Aufbau einer neuen, sozialdemokratisch geprägten Gesellschaft mitzuwirken, gerade dafür schien ihr die Ausbildung zweckmäßig. Sie war während ihrer Studienzeit stets in der politischen Bildungsarbeit aktiv, jedoch spitzten sich in den 1930er-Jahren die politischen Verhältnisse in Österreich immer weiter zu. In der Diktatur von Engelbert Dollfuß wurde sie mit ihrem Engagement für die Sozialdemokratie zuerst in die Illegalität und dann ab 1937 ins Exil gezwungen.

Marie Jahoda nach der Entlassung aus dem Gefängnis 1937

Aktivistin und Sozialforscherin

Die Aktivistin Marie Jahoda ist erst durch den politischen Umsturz in Österreich und ihre Vertreibung zu einer Sozialforscherin geworden, die diesen Beruf auch als Lebensaufgabe betrachtete. Die Prägung durch das politische Engagement und den damit verbundenen Fokus auf die realen Probleme der Gesellschaft hat sie in ihren Forschungsarbeiten immer behalten. In einem Artikel für die damals verbotene sozialdemokratische Schrift „Der Kampf“ schrieb sie unter einem Pseudonym: „Tatsachen sind nur an Hand von Kenntnissen und Wissen erkenntnismäßig bewältigbar, Wissen führt nur in ständiger Konfrontation mit den Tatsachen von der Interpretation zur Handlung“. Auch wenn das Zitat in diesem Artikel einen politischeren Bezugspunkt hat, steht es rückblickend für die Geisteshaltung, die Jahoda in ihrer Forschungsarbeit angeleitet hat.

Die Dissertation von Marie Jahoda mit einer umfangreichen Würdigung ihres Wirkens erscheint demnächst im Studienverlag.

Die realen Probleme der Menschen im Blick

Heute fokussiert sich gerade die Sozialwissenschaft immer mehr auf die Erforschung von Detailfragen, die ohne weiteren Kontext untersucht werden, und damit kommen auch die Situation der Betroffenheit sowie die Analyse gesellschaftlicher Auswirkungen zu kurz. Marie Jahoda wählte für ihre Forschungsarbeit einen anderen Weg.

Schon die Auswahl des Untersuchungsgegenstandes ihrer Dissertation zeugt von Jahodas Bemühen, ihre persönlichen Überzeugungen in der wissenschaftlichen Arbeit unterzubringen. Sie erforschte die Lebensverläufe von Menschen, die um 1930 in den Versorgungshäusern lebten. Zu diesem Zweck erweiterte sie den methodischen Zugang ihrer Betreuerin Charlotte Bühler, die ihre Theorie über systematische Aspekte des menschlichen Lebenslaufes vorwiegend aus Biografien gut situierter Männer erarbeitet hatte, um zu überprüfen, ob diese Theorie auch unter den Lebensbedingungen der einfachen Leute funktioniert. Dazu führte sie Interviews mit 52 Menschen in Wiener Versorgungshäusern. Das verdeutlicht das Interesse Marie Jahodas an der konkreten Lebenssituation der Menschen, eine durchgängige Haltung in ihrer wissenschaftlichen Arbeit.

Nicht nur beobachten

Ähnliches gilt für die Forschungsarbeit in Marienthal. Schon der Schritt, wie es schlussendlich zur Wahl des Themas kam, zeigt Jahodas starken Bezug zu politisch-gesellschaftlichen Fragestellungen. Ursprünglich wollte die Forschungsgruppe um Paul Lazarsfeld das Freizeitverhalten der Menschen untersuchen, schließlich war gerade die Arbeitszeit verkürzt worden, und sie planten zu erforschen, was die Menschen mit der neu gewonnenen Freizeit anfingen. In einem Gespräch mit Otto Bauer, dem Vordenker der Sozialdemokratie, schlug dieser jedoch vor, gerade in Zeiten der wachsenden Arbeitslosigkeit die konkreten Auswirkungen der Arbeitslosigkeit zu untersuchen und dies in Marienthal zu tun. Auch die Methodik zur Durchführung der Studie war nie ein bloßes Beobachten der Zustände, sondern mit verschiedenen Initiativen zur Unterstützung der Betroffenen in Marienthal verbunden. So organisierte die Forschungsgruppe Schnittkurse und Kleideraktionen sowie Gesundheitsuntersuchungen für Kinder im Zuge der Feldarbeit in Marienthal.

Mut beweisen

Ein anderes Beispiel für Jahodas Zugang zur wissenschaftlichen Arbeit findet sich in den 1950er-Jahren, als sie an der New York University forschte. Es war der Höhepunkt der McCarthy-Ära, benannt nach dem Senator Joseph McCarthy, der im beginnenden Kalten Krieg Wortführer der antikommunistischen Bewegung in den USA war. Marie Jahoda schien als sozialistischer Flüchtling aus Österreich sicherlich nicht unverdächtig und wurde möglicherweise selbst überwacht, was sie aber nicht daran hinderte, sich als eine der ersten Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler systematisch mit den Auswirkungen dieser Politik und der gesellschaftlichen Stimmung in den USA auseinanderzusetzen. Sie kritisierte in einer Studie gemeinsam mit Stuart W. Cook die Schaffung eines geistigen Klimas, das ideologische Unterwürfigkeit und Konformität erzeuge. Hier zeigt sich, dass Marie Jahoda auch als politischer Flüchtling nicht von ihrer politischen Grundhaltung und dem Fokus auf ganz konkrete, gesellschaftlich relevante Fragestellungen in ihrer Arbeit als Wissenschaftlerin abrückte.

Folgenabschätzung

Marie Jahoda vertrat mit ihrem Zugang zur Forschung eine Nützlichkeitsperspektive für die Lebensrealität derer, die erforscht werden. Dieses Selbstverständnis zeigte sich auch, als sie in England tätig war und eine Studie über asiatische Flüchtlinge aus Uganda, einer ehemaligen englischen Kolonie, nicht veröffentlichte, weil die Ergebnisse zeigten, dass die Geflüchteten gegenüber den Schwarzafrikanern und Schwarzafrikanerinnen rassistisch eingestellt waren. Es bestand die Gefahr, dass eine Publikation Schaden in der englischen Öffentlichkeit anrichten würde, und das war für sie der Beweggrund, diese Forschungsarbeit nicht zu veröffentlichen.

Marie Jahoda als Vorbild

Marie Jahoda zeichnen ihre besondere Haltung gegenüber dem Forschungsgegenstand und die Kreativität in der Methodenwahl als Wissenschaftlerin aus – Eigenschaften, die im heutigen Wissenschaftsbetrieb aus systemischen Zwängen immer seltener werden, aber gerade der sozialwissenschaftlichen Forschung im Sinne ihrer Praxisrelevanz sehr guttäten. Auch die zentrale Frage ihrer Dissertation nach der sozialen Absicherung und Teilhabe an der Gesellschaft hat nichts an Aktualität verloren und bleibt auch heute eine immanent politische und gesellschaftliche Herausforderung.

Das muss uns gerade dann bewusst sein, wenn wir Marie Jahoda folgen wollen und danach streben, dass eines Tages die Lebenschancen so verteilt sind, dass allen Menschen unabhängig von ihrer Herkunft ein gutes Leben ermöglicht wird. Wenn wir die damit verbundenen politischen Herausforderungen bewältigen wollen, dann wird klar, wie wichtig es heute ist, dass sich Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler Marie Jahoda zum Vorbild nehmen und mit den gleichen Haltungen an die realen gesellschaftlichen Problemstellungen herangehen. Marie Jahoda ist und bleibt mit ihren Forschungsthemen, dem methodischen Zugang und ihrer politischen Haltung ein großes Vorbild.

Weiterführende Literatur:

Bacher, Johann/Kannonier-Finster, Waltraud/Ziegler, Meinrad (Hrsg.) (2017): Marie Jahoda. Lebensgeschichtliche Protokolle der arbeitenden Klassen 1850–1930. Dissertation 1932, Studienverlag.

Fleck, Christian (2001): Marie Jahoda – ein Rollenmodell für heutige Sozialwissenschaftler oder Sozialwissenschaftlerinnen? Unveröffentl. Transkript eines Vortrages an der Johannes Kepler Universität Linz im Juni 2001.

Jahoda, Marie (o. J.) [2008]: Interview mit Hubert Christian Ehalt in Keymer (Sussex), 1996. In: Ich stamme aus Wien. Kindheit und Jugend von der Wiener Moderne bis 1938. Hrsg. v. Hubert Christian Ehalt, Weitra: Bibliothek der Provinz, 116–130.

Jahoda, Marie (1997): Biografisches Interview mit Marie Jahoda. In: „Ich habe die Welt nicht verändert.“ Lebenserinnerungen einer Pionierin der Sozialforschung. Hrsg. v. Steffani Engler und Brigitte Hasenjürgen, Frankfurt a. M.: Campus, 101–169.

Knight, Robert (1985): Interview mit Marie Jahoda am 28. August 1985. Quelle: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands, zitiert nach: http://agso.uni-graz.at/jahoda/1024+/index.htm.

Mautner, M. [i. e. Marie Jahoda] (1937): Die Intellektuellen und die revolutionäre Bewegung in Österreich. In: Der Kampf N.F. 4 (1), 16–22.

Rothschild, Thomas (2003): Anachronistisch und vorbildlich – Marie Jahoda: ein Leben für die Unterprivilegierten. In: Wien und der Wiener Kreis. Orte einer unvollendeten Moderne. Ein Begleitbuch. Hrsg. v. Volker Thurm unter Mitarbeit von Elisabeth Nemeth, Wien: Facultas WUV, 230-232.


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