Erwerbslose wünschen echte Qualifizierung – Ergebnisse einer Arbeitslosenbefragung

Die Ergebnisse einer Erhebung unter Erwerbslosen in Oberösterreich aus 2016 stellen dem AMS und seinen Mitarbeiter/-innen grosso modo ein positives Zeugnis aus. Kritisch werden allerdings Vermittlungsversuche in prekäre Beschäftigung wie zum Beispiel Leiharbeit und kurzfristige, wenig qualifizierende Kursmaßnahmen gesehen. Längerfristigen, wirklich qualifizierenden (Um-)Schulungsmaßnahmen stehen viele Erwerbslose dagegen ausgesprochen positiv gegenüber.

Zuweisungspraxis spiegelt aktuellen Arbeitsmarkt wieder

59 % von 480 befragten Erwerbslosen in Oberösterreich gaben an, bereits zumindest einmal eine Stellenzuweisung des AMS erhalten zu haben. Je älter der/die Erwerblose, desto seltener gibt es Stellenzuweisungen. So gaben in der Subgruppe der 50 plus nur mehr 53 % an, bereits einen Bewerbungsvorschlag bekommen zu haben. Bei den unter 25-Jährigen lag dieser Anteil bei 77 % und bei den 25- bis 49-Jährigen lag er bei 64 %. Die Altersdiskriminierung am Arbeitsmarkt findet auch in der Zuweisungspraxis des AMS ihren Widerhall.

Die Analyse der Art der zugewiesenen Stellen zeigt, dass der oberösterreichische Arbeitsmarkt bereits beträchtlich flexibilisiert ist. So gaben zwar einerseits 56 % der Befragten an, dass es sich dabei häufig bzw. sehr häufig um Beschäftigungsverhältnisse direkt bei einem Arbeitgeber handelt. Andererseits gibt es aber auch 26 %, die davon sprachen, dass häufig bzw. sehr häufig Leiharbeitsverhältnisse zugewiesen werden. Bemerkenswert ist, dass den Befragten, die vor der Arbeitslosigkeit in Leiharbeit tätig waren – in unserem Sample zwölf Prozent –, zu 58 % häufig bzw. sehr häufig ein solches Beschäftigungsverhältnis vorgeschlagen wurde. Bei jenen Erwerbslosen, die vor der Arbeitslosigkeit in einem regulären Beschäftigungsverhältnis tätig waren, lag dieser Anteil „nur“ bei 20 %. In diesen Daten deutet sich ein pendelförmiger Berufsverlauf zwischen Arbeitslosigkeit und prekärer Beschäftigung an. Mit diesen Hervorhebungen wollen wir nicht vermitteln, dass Leiharbeit prinzipiell schlecht sein muss, aber der anhaltend prekäre Charakter dieser Beschäftigungsform wurde in den letzten Jahren mehrfach nachgewiesen (siehe dazu http://www.isw-linz.at/gleichbehandlung).

Auch in anderer Hinsicht reproduziert die Zuweisungspolitik die Strukturierungen des österreichischen Arbeitsmarkts: Während bei den Männern zu 80 % häufig bzw. sehr häufig versucht wurde, in Vollzeitarbeitsverhältnisse zu vermitteln, lag dieser Anteil bei den Frauen bei 52 %. Es ist aber davon auszugehen, dass das AMS hier auch auf die Wünsche der Betroffenen reagiert, denn zwischen der Frage, ob in Teilzeit und Vollzeit vermittelt wird und der – insgesamt recht hohen – Zufriedenheit mit dem/der AMS-Berater/-in gibt es keinen Zusammenhang. Anders stellt sich dies bei Vermittlungsversuchen in Leiharbeit dar: Die Zufriedenheit mit der AMS-Beratung sinkt signifikant.

Qualität der zugewiesenen Stellen aus Sicht der Betroffenen

Die Bewertung der beworbenen Stellen, bei denen letztlich keine Beschäftigungsaufnahme zustande kam, stellt sich aus der Sicht der Erwerbslosen wie folgt dar.

Hinsichtlich Wahrung der Qualifikation und Rücksichtnahme auf die persönliche Situation stellen die Betroffenen dem AMS mehrheitlich ein positives Zeugnis aus. Allerdings nehmen die Betroffenen auch kritische Aspekte wahr: Immerhin 42 % der Befragten stimmten der Aussage voll bzw. eher zu, dass die zugewiesenen Stellen unsicheren Charakter haben und 37 % sehen sich durch die Mobilitätsanforderungen des AMS tendenziell überfordert. Dass es sich dabei nicht um willkürliche Einschätzungen handelt, zeigen die Korrelationen mit der Art des Beschäftigungsverhältnisses: Gibt es häufige Vermittlungsversuche in Leiharbeit, dann wurde der Aussage „AMS berücksichtigt Qualifikationen“ weniger häufig und der Aussage „Stellen unsicher“ häufiger zugestimmt. Bei der Aussage „Stellen schwer erreichbar“ gibt es im Unterschied zu den vorhergehenden eine starke Differenzierung nach dem Geschlecht: 29 % der erwerbslosen Männer im Unterschied zu 46 % der erwerbslosen Frauen stimmten dieser Aussage eher bzw. voll zu.

Nicht erhoben wurde, weshalb letztlich kein Beschäftigungsverhältnis zustande kam. Aus den erhobenen Daten kann jedoch indirekt geschlossen werden, dass es in der Mehrheit der Fälle nicht am Willen der Erwerbslosen liegen dürfte. Wenn Vorbehalte gegenüber Stellen vonseiten der Erwerbslosen bestehen, dann sind diese auch gut begründet, wie sich am Beispiel des Themas unsichere oder de-qualifizierende Beschäftigung oder bei der geforderten Mobilität zeigt. Falls die Mobilitätsanforderungen für Arbeitslose weiter erhöht werden sollten, würde dies vor allem Frauen treffen, wie die vorliegenden Daten belegen.

55 % der Befragten gaben an, mindestens einmal einen Kurs aus dem Angebot des AMS besucht zu haben oder gerade einen zu besuchen. In diesem Zusammenhang gilt es, zu erwähnen, dass zwischen dem Lebensalter und der Frage der Teilnahme an einem AMS-Kurs kein statistisch signifikanter Zusammenhang festgestellt werden konnte.

Bewerbungstraining vs. Qualifizierung

Die Befragten wurden aufgefordert, den letzten AMS-Kurs, den sie besucht hatten, mit Schulnoten (1 = sehr gut, 5 = nicht genügend) zu bewerten.

49 % der Befragten benoteten den letzten besuchten Kurs mit sehr gut oder gut – das entspricht ungefähr jener Gruppe von Befragten, die angegeben haben, die Kurse auch als sinnvoll erlebt zu haben. 23 % stellen dem letzten besuchten Kurs ein „Befriedigend“ aus, elf Prozent ein „Genügend“ und 16 % ein „Nicht genügend“. Um die Beurteilung der absolvierten Weiterbildungsmaßnahmen durch die Befragten zu konkretisieren, wurden die Befragten gebeten, den zuletzt oder aktuell besuchten Kurs zu nennen und in Stichworten zu beschreiben.

Aus den Antworten konnten die Subkategorien „Aufqualifizierung“ (Form von Ausbildung, Höherqualifizierung oder Zertifizierung), „Bewerbung“ (alle Arten von Bewerbungstraining) und „IT-Basiswissen“ (PC-Schulungen) gebildet werden.

Im Vergleich mit dem Gesamtdurchschnitt aller Maßnahmen zeigt sich, dass längerfristige qualifizierende Maßnahmen deutlich positiver beurteilt werden als kurzfristige Kursmaßnahmen, die das Bewerbungsverhalten optimieren sollen. Die Bewertungen der Qualifizierungsmaßnahmen im EDV-Bereich liegen in etwa im Gesamtdurchschnitt.

Arbeitslose wünschen substanzielle Weiterbildung

In weiterer Folge wurden die Befragten gebeten, ihr Wünsche und Bedürfnisse bezüglich der angebotenen Kurse kurz darzustellen. Die Wünsche nach Bildungsangeboten waren vielfältig und folgten keiner klaren Systematik. Deutlich sichtbar ist, dass ein Großteil der Befragten einen konkreten Bildungswunsch hat und diesen auch artikuliert. Hier sind die Antworten der Befragten visuell dargestellt:

Visuelle Darstellung der genannten Weiterbildungswünsche
(Größenverhältnisse geben Häufigkeiten wieder)

Quelle: AK OÖ Arbeitslosenbefragung 2016, n = 258

Diese Grafik verdeutlicht, dass viele konkrete, fachspezifische Wünsche geäußert wurden. Mit 33 Nennungen ist Weiterbildung das am häufigsten genannte Wort.

EDV und PC sind in den meisten Fällen inhaltsgleich und damit die größten Pole innerhalb der Kategorie Computerkenntnisse mit insgesamt 52 Nennungen.

Die drei zentralen Diskussionspunkte, die aus der oben vorgestellten Studie hervorgehen, betreffen die Bildungswünsche arbeitsloser Menschen, die Altersdiskriminierung am Arbeitsmarkt sowie den Wunsch nach Normalarbeitsverhältnissen. Besonders deutlich wurde der Wunsch nach konkreter, langfristig nützlicher Weiterbildung. Die Teilnehmer/-innen der Befragung haben in aller Deutlichkeit und an mehreren Stellen artikuliert, dass sie gerne Bildung und Kurse hätten, die „auch etwas bringen“. Es besteht auch eine hohe Bereitschaft für Umschulungen. Rund 60 % der Befragten waren zu einer Umschulung – also zum Erlernen eines neuen Berufes – bereit. Gleichzeitig machen die Antworten deutlich, dass die wahrgenommene Strategie des AMS, in Leiharbeit oder prekäre Beschäftigungsverhältnisse zu vermitteln, die weder auf die Berufsbiographie noch auf die persönliche Situation und Interessen eingehen, nicht positiv bewertet wird. Sprich, der Wunsch nach einem Normalarbeitsverhältnis ist vorherrschend, dafür würde auch längerfristige Weiterbildung, das Nachholen von Abschlüssen oder gar eine Umschulung in Kauf genommen werden.

Exakt 48 % der an der Befragung Teilnehmenden war älter als 50 Jahre und der Anteil der Menschen in längerer Arbeitslosigkeit (mehr als sechs Monate) lag bei 71 %. Die vorherrschende Altersdiskriminierung am Arbeitsmarkt und die sich daraus entwickelnde Dynamik spiegeln sich in dieser Befragung wieder. Damit ist die „Aktion 20.000“ ein wichtiger Meilenstein sozialpolitischer Planung, der dieser Situation entgegenwirkt. Gleichzeitig ist es wichtig, auf die Summe der Erfahrungen und Wünsche jener Menschen, die vermittelt werden, Rücksicht zu nehmen, denn die Selbstwahrnehmung älterer Arbeitsuchender als „Verschubmasse“ kommt in dieser Studie klar zum Ausdruck.

Über Matthias Specht-Prebanda

Matthias Specht-Prebanda ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften (ISW). Seine Arbeitsschwerpunkte sind Leiharbeit und andere Formen atypischer Beschäftigung. Er betreut zudem die ISW-Betriebsrätebefragung.

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