Die Wiener Grätzloase setzt auf Nachbarschaft

Romana Brait und Katharina Hammer, 28. Juli 2017

Romana Brait, AK, Budget, öffentliche Haushalte, FinanzausgleichDas Grätzloase-Programm der Stadt Wien möchte öffentliche Räume beleben und dabei die Nachbarschaft stärken. Die breite Teilhabe scheint aber nicht immer gegeben.

Öffentlicher Raum ist knapp – vor allem in Städten

Öffentlicher Raum ist in Städten nur beschränkt vorhanden. Besonders vor dem Hintergrund einer anwachsenden Bevölkerung wird es eng. Im öffentlichen Raum treffen viele Funktionen und Aktivitäten aufeinander. Die StadtbewohnerInnen sporteln hier und Kinder brauchen Platz zum Spielen. U-Bahn, Bus und Bim sind unterwegs, daneben noch die AutofahrerInnen. Nicht selten gibt es auch private Interessen am öffentlichen Raum: So werden Werbetafeln platziert und LokalbesitzerInnen errichten Schanigärten. Parks und Spielplätze sind nur in begrenzter Zahl vorhanden und verbleibende Flächen werden zu großen Teilen von Verkehrsfunktionen vereinnahmt. Darüber hinaus zeigen sich mitunter auch Verödungstendenzen im Bereich nicht kommerzieller Nutzungen des öffentlichen Raumes.

Die Wiener Grätzloase

Umso entscheidender ist es, den öffentlichen Raum so zu gestalten, dass vielfältige Nutzungen möglich sind und lebenswerte Grätzl entstehen. Die Grätzloase ist eine Initiative der Stadt Wien. Ziel ist die Belebung von öffentlichen Räumen, der Nachbarschaft und die Aktivierung von StadtbewohnerInnen. Mit dem Programm sollen Orte der Begegnung entstehen, die zum Mitmachen anregen. Die StadtbewohnerInnen ebenso wie lokale Unternehmen und Vereine können dabei selbst aktiv werden und ihre eigene Grätzloase gestalten. Mit dem Grätzloase-Programm geht die Stadt Wien bei der Umgestaltung öffentlicher Räume durch die Einbindung der StadtbewohnerInnen neue Wege. Bei näherer Betrachtung zeigen sich die Stärken und Chancen, aber auch die Schwächen der Initiative.

Gemeinsam das Grätzl verändern

Vom Weihnachtsfest über den Gemeinschaftsgarten bis hin zum Gassenfest wurden in den Jahren 2015 und 2016 unterschiedliche Grätzloase-Projekte umgesetzt. Immer wieder fanden Treffen im öffentlichen Raum statt, um dann einer gemeinsamen Aktivität nachzugehen. Häufig ist es das Betreiben von Sport, aber auch gemeinsames Kochen, Essen, Spielen, Musizieren oder Möbelbauen.

Im Projektverlauf zeigt sich eine zunehmende Beliebtheit für Initiativen, mit denen öffentliche Räume sichtbar und für eine längere Zeitspanne umgestaltet werden. Konkret wurden von 2015 auf das Jahr 2016 immer häufiger sogenannte Parklets umgesetzt. Hier werden Parkplätze für eine beschränkte Dauer zur Grätzloase umgestaltet und mit Sitzgelegenheiten, Tischen und Bepflanzungsmöglichkeiten ausgestattet.

Nachbarschaftlicher Nutzen

Der gemeinsame Nenner aller Grätzloase-Projekte ist die Nutzbarmachung öffentlicher Räume für die Ideen der Bewohnerinnen und Bewohner. Damit diese auch tatsächlich umgesetzt werden können, gibt es für genehmigte Grätzloasen neben einer öffentlichen Förderung bis maximal 4.000 Euro (in Ausnahmefällen bis zu 8.000 Euro) auch organisatorische Unterstützung durch das Team des Grätzloase-Programms. Aufgrund der Einbindung der Verwaltung in das Grätzloase-Programm sollen Behördenwege möglichst reibungslos ablaufen.

Grätzloasen räumlich konzentriert?

Eine Analyse der räumlichen Verteilung entlang der bis dato verwirklichten Grätzloasen zeigt, dass diese stark innerstädtisch und in Gürtelnähe konzentriert sind, während im 10., 11., 21. und 22. Bezirk, gemessen an deren Fläche, kaum Grätzloasen zu finden sind.

Auch die Bewilligung von Grätzloasen mit kommerziellem Charakter, zum Beispiel Parklets vor Geschäftslokalen, ist kritisch zu sehen. Jedenfalls sollte sichergestellt werden, dass notwendige Schanigarten-Bewilligungen nicht mittels Grätzloasen umgangen und zusätzlich noch mit einer öffentlichen Förderung ausgestattet werden.

Grätzloase-Programm ausbauen und nachschärfen

Initiativen zur Belebung des öffentlichen Raumes sind sehr wichtig in einer wachsenden Stadt. Es braucht bürokratische und juristische Erleichterungen, um öffentliche Räume vielseitig nutzbar zu machen. Hier erfüllt das Programm Grätzloase eine wichtige Brückenbaufunktion zwischen Verwaltung und BürgerInnen und bietet Unterstützung bei der Umsetzung von Projekten.

Nichtsdestotrotz bleibt das Verfahren relativ voraussetzungsvoll. Vor Realisierung der einzelnen Projekte sind einige Hürden zu nehmen, um entsprechende Bewilligungen zu erhalten. Die Antragstellenden müssen gewisse Kompetenzen mitbringen, wie die Ideen entwickeln, den Projektantrag schreiben, Zeit für die Umsetzung der Grätzloase zur Verfügung haben, allfällige Versicherungen für die Grätzloase organisieren etc.

Diese Hürden verschließen den Zugang für weniger gut ausgebildete Personen, Menschen mit wenig freier Zeit und jene, die im Umgang mit Antragsformulierungen und Verhandlungen mit der städtischen Verwaltungsebene keine Erfahrungen haben. Hier sollte sichergestellt werden, dass sozioökonomisch schlechter Gestellte nicht strukturell ausgeschlossen werden.

Breite Teilhabe ermöglichen

Verfolgt man den Anspruch, die Grätzloase als breites Programm auch in peripheren Stadtteilen umzusetzen und auch sozioökonomisch benachteiligte Bevölkerungsschichten aktiv einzubinden, gilt es, noch an einigen Schrauben zu drehen.

Es braucht die direkte Ansprache von weniger gut ausgebildeten Personen mit geringen Zeitbudgets und kleineren sozialen Netzen und auch den weiteren Abbau bürokratischer Hürden sowie die Ausweitung des Programms in jene Gegenden, wo es derzeit noch keine Grätzloasen gibt.

Mit dem Grätzloase-Projekt versucht die Stadt Wien, die Bewohnerinnen und Bewohner anzuregen, sich in die Gestaltung der Stadt einzubringen. Dadurch gelingt es, dass öffentliche Räume im Sinne der AnrainerInnen umfunktioniert bzw. umgestaltet werden. Eine Ausweitung des Grätzloase-Programms bei gleichzeitigem Nachschärfen, um aktuelle Schwächen zu beheben, wäre daher wünschenswert.

Dieser Artikel beruht auf einer Analyse des Grätzloase-Programms unter dem Gesichtspunkt der Gemeingüter (Commons). Der zugehörige Artikel kann hier nachgelesen werden.


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