Die wahren – und falschen – Kosten der Ungleichheit

image_pdfimage_printDrucken

Kate Pickett und Richard Wilkinson, 8. November 2017 (Erstveröffentlichung 18.10.2017)

Die ersten Studien über die negativen Auswirkungen gesellschaftlicher Ungleichheit auf Gesundheit und Gewaltentwicklung wurden in den 1970er-Jahren veröffentlicht. Seither hat sich ein ganzer Berg von Beweisen für die negativen Auswirkungen von Ungleichheit aufgetürmt.

Länder mit größeren Einkommensunterschieden zwischen Arm und Reich sind tendenziell stärker von einer Reihe gesundheitlicher und sozialer Probleme betroffen. Die physische und psychische Gesundheitsqualität und die Lebenserwartung sind für gewöhnlich niedriger, ebenso die Mathematik- und Sprachkompetenzen von Kindern. Die Mordraten sowie die Zahl der Häftlinge und Suchtkranken sind demgegenüber höher. All diese Faktoren stehen sowohl auf internationaler Ebene als auch im Vergleich der 50 US-Bundesstaaten untereinander mit dem Ungleichheitsniveau in Zusammenhang.

Die lange Liste an Problemen, die in ungleichen Ländern gravierender sind, löst bei vielen Menschen Überraschung aus. Der zentrale Punkt ist, dass all diese Probleme ein soziales Gefälle aufweisen und dementsprechend am Fuße der sozialen Leiter am häufigsten anzutreffen sind. Das grundlegende Muster ist somit leicht nachzuvollziehen: Probleme, die bekanntermaßen mit dem gesellschaftlichen Status verknüpft sind, werden durch Statusunterschiede verstärkt. Zunehmende materielle Unterschiede lassen uns sozial auseinanderdriften. Die vertikale Dimension der Gesellschaft, sprich die soziale Pyramide von Klassen- und Statusunterschieden, rückt in den Vordergrund. Die materiellen Unterschiede zwischen uns bieten den Rahmen oder das Gerüst für alle kulturellen Marker von Status und Klasse, angefangen bei unserem Wohnort über den ästhetischen Geschmack bis hin zur Bildung der Kinder.

Weitreichende Konsequenzen

Wir sollten die Einkommensskala nicht als neuen Bestimmungsfaktor gesundheitlicher und sozialer Probleme verstehen. Vielmehr lässt sie Rückschlüsse über bekannte Klassengefälle zu, die uns stets bewusst waren. Kaum jemand kann negieren, dass die ärmsten Bevölkerungsschichten unserer Gesellschaft für gewöhnlich mit den größten gesundheitlichen Problemen zu kämpfen haben, die niedrigsten schulischen Bildungserfolge und das höchste Maß an Gewalt aufweisen. Der Erkenntnismehrwert besteht lediglich darin, dass sich all diese Probleme mit zunehmenden Einkommensunterschieden vergrößern. Die negativen Auswirkungen sind dabei jedoch keineswegs marginal. Unsere Analyse von reichen Entwicklungsländern ergab, dass psychische Krankheiten und Kindersterblichkeit in ungleichen Ländern mindestens doppelt so häufig vorkamen und Mordraten, Häftlingszahlen und Teenagerschwangerschaften mitunter sogar zehnmal so hoch waren – etwa in den USA, Großbritannien und Portugal verglichen mit skandinavischen Ländern oder Japan, die ein geringeres Ungleichheitsniveau aufweisen.

Die Ursache für diese großen Unterschiede liegt darin, dass sich Ungleichheit nicht nur auf die Armen, sondern auf die große Mehrheit der Bevölkerung negativ auswirkt. Obwohl die Armen den höchsten Preis für Ungleichheit zahlen, spüren selbst sehr Wohlhabende die Vorteile dessen, in einer egalitären Gesellschaft zu leben. Uns stehen keine Daten zur Verfügung, ob selbst die Superreichen Nachteile aus der Ungleichheit ziehen, doch es scheint plausibel, dass auch sie nicht immun gegenüber dem höheren Grad an Gewalt, Drogen- und Alkoholabhängigkeit sind.

Reich, aber ungleich

Dass sich Ungleichheit selbst auf so hohe Stufen der Einkommensleiter auswirkt, ist mit dem Muster des sozialen Gefälles stimmig. Probleme, die durch das soziale Gefälle verursacht werden, beschränken sich in den seltensten Fällen auf die Armen, sondern betreffen die Gesamtgesellschaft: Sogar Menschen, die ökonomisch knapp unterhalb der Reichsten verortet sind, haben gesundheitliche Nachteile gegenüber noch besser gestellten Bevölkerungsgruppen. Tatsächlich würde sich am Muster von gesundheitlicher Ungleichheit kaum etwas verändern, wenn man die gesundheitlichen Folgen von Armut ausklammert.

PolitikerInnen, manche davon sogar aus dem konservativen Lager, haben den Wunsch geäußert, eine klassenlose Gesellschaft aufzubauen. Es besteht jedoch Grund zur Annahme, dass dies nur durch eine Verringerung der Einkommens- und Wohlstandsunterschiede möglich ist, die uns trennen. Zahlreiche Indizien weisen darauf hin, dass größere Einkommensunterschiede die soziale Struktur festschreiben: Die soziale Mobilität und die Zahl der Eheschließungen zwischen Menschen unterschiedlicher Klassen sind in ungleichen Gesellschaften geringer, der soziale Zusammenhalt wird schwächer und die räumliche Segregation von Arm und Reich nimmt zu. Größere materielle Unterschiede machen aus der vertikalen Gesellschaftsdimension eine immer effektivere soziale Trennwand.

Angst vor den Anderen

Der Preis, den die große gesellschaftliche Mehrheit für Ungleichheit zu zahlen hat, stellt eine der größten Einschränkungen in der Lebensqualität dar, und zwar besonders in Entwicklungsländern. Sie zerstört die Qualität sozialer Beziehungen, die für Zufriedenheit und Glück notwendig ist. Zahlreiche Studien belegen ein intensiveres gemeinschaftliches Leben in gleicheren Gesellschaften. Menschen beteiligen sich mit größerer Wahrscheinlichkeit in lokalen Gruppen und freiwilligen Organisationen. Sie haben mehr Vertrauen zueinander und sind laut einer aktuellen Studie auch hilfsbereiter, etwa gegenüber älteren Menschen oder Personen mit Behinderung. Doch mit steigender Ungleichheit schwinden Vertrauen, wechselseitiger Austausch und gemeinschaftliches Engagement. An ihre Stelle tritt zahlreichen Studien zufolge ein Anstieg von Gewalt, der für gewöhnlich in Mordraten gemessen wird. Zusammenfassend lässt sich argumentieren, dass Ungleichheit gemeinschaftliche Orientierung und soziales Verhalten unterminiert.

Ein Blick auf verbarrikadierte Häuser, vergitterte Fenster und Türen oder stacheldrahtumzäunte Gärten in manchen der ungleichsten Länder wie Mexiko oder Südafrika macht deutlich, dass Menschen Angst voreinander haben. Dieselbe Tendenz wird auch dadurch bestätigt, dass in ungleichen Gesellschaften ein größerer Bevölkerungsanteil im sogenannten „Sicherheitsdienst“ tätig ist, das heißt in Beschäftigungen, durch die sich Menschen voreinander schützen, wie Wachdienste, Polizei und Gefängnisbeamte.

Das Selbst und die Anderen

Mit zunehmender Bedeutung der vertikalen Gesellschaftsdimension beurteilen wir einander anscheinend immer mehr nach Status, Geld und sozialer Position. Die Tendenz, den inneren Wert eines Menschen anhand seines äußeren Reichtums zu messen, tritt stärker hervor. Das löst bei uns allen größere Sorgen darüber aus, wie wir gesehen und beurteilt werden. Aus einer Reihe von psychologischen Studien geht hervor, dass wir für Sorgen dieser Art besonders anfällig sind. Eine Analyse von über 200 Studienergebnissen zeigt, dass „Bedrohungen des Selbstbewusstseins oder des sozialen Status, bei dem andere unsere Leistung negativ beurteilen können“ zu jenen Stressfaktoren zählen, die Stresshormone (wie Cortisol) verlässlich in die Höhe treiben. Diese Stressoren sind zentral für die Kausalmechanismen, die zu höheren Resultaten in ungleichen Gesellschaften führen. So ist Gesichtsverlust ein häufiger Auslöser von Gewalttätigkeit – eine Reaktion darauf, dass Menschen sich nicht respektiert oder herabgewürdigt fühlen. Langzeitstress wirkt sich auf zahlreiche physiologische Systeme aus und führt zu vorzeitigen Alterserscheinungen.

Wichtig für ein Verständnis der Auswirkungen von Ungleichheit sind auch die psychischen Konsequenzen. Eine internationale Studie zeigt, dass Angst in Gesellschaften mit größerer Ungleichheit weiter verbreitet ist – nicht nur unter den Armen, sondern in allen Einkommensschichten einschließlich des reichsten Dezils. In einer Gesellschaft zu leben, wo manche sehr hohes Ansehen genießen und andere als nahezu wertlos gelten, löst tatsächlich bei allen größere Sorgen darüber aus, wie wir von anderen gesehen oder beurteilt werden. Menschen können auf zwei sehr unterschiedliche Weisen auf diese Sorgen reagieren. Eine Möglichkeit sind mangelndes Selbstvertrauen und Selbstzweifel, die dazu führen, dass soziale Zusammenkünfte als qualvoller Stress erlebt werden, den es zu vermeiden gilt und sich Menschen in eine Depression zurückziehen. Selbstoptimierung und Selbstdarstellung, mit dem Ziel einen guten Eindruck bei anderen zu hinterlassen, stellen eine Alternative dazu dar, die für gewöhnlich dennoch als Reaktion auf dieselbe Unsicherheit zu verstehen ist. Anstatt hinsichtlich ihrer Leistungen und Fähigkeiten bescheiden zu sein, tragen sie diese zur Schau und schaffen es, sie in nahezu jede Konversation einzubauen, um sich als kompetent und erfolgreich zu präsentieren.

Da Konsumismus teilweise mit Selbstdarstellung und Wettbewerb verknüpft ist, wird auch dieser durch Statuswettbewerb verstärkt. Studien zufolge ist die Wahrscheinlichkeit, Geld für Statussymbole oder ein protziges Auto auszugeben, in Zonen mit größerer Ungleichheit höher.

Die wahre Tragödie beschränkt sich jedoch nicht auf die Kosten, die durch den zusätzlichen Sicherheitsaufwand verursacht werden oder auf den menschlichen Preis, den die Gewalt fordert. Studien belegen, dass soziales Engagement und die Qualität sozialer Beziehungen, Freundschaft und Beteiligung am Gemeinschaftsleben entscheidende Faktoren für Gesundheit und Glück sind. Ungleichheit greift die Basis der Lebensqualität an. Statusunsicherheit und Wettbewerb machen das Leben stressiger: Wir machen uns immer mehr Sorgen um Selbstdarstellung und unsere Beurteilung. Statt freundschaftlicher Beziehungen und gegenseitigem Austausch, die einen so großen Beitrag für Gesundheit und Glück leisten, versuchen wir uns in einer ungleichen Gesellschaft durch narzisstische Einkäufe zu erhöhen oder uns aus dem sozialen Leben zurückzuziehen. Obwohl dies den Unternehmen und dem Handel zugutekommt, ist es keine solide Basis dafür, das Leben innerhalb der Beschränkungen unseres Planeten gestalten zu lernen.

Dieser Beitrag wurde auf Social Europe erstveröffentlicht und von Katharina Maly für den A&W-Blog übersetzt. Er ist Teil einer Artikelserie zu Ungleichheit in Europa.