Der öffentliche Raum wird knapp in Wien

Thomas Ritt, 25. April 2016

ritt aktuell_blog„Der Raum – unendliche Weiten“ gilt nur für das Raumschiff Enterprise aber nicht für Wien. Zum ersten Mal gibt es in Wien ein rasantes Stadtwachstum ohne gleichzeitiges Flächenwachstum. Der Nutzungsdruck auf den öffentlichen Raum wird in der wachsenden Stadt größer.

Wiens Fläche wächst nicht mit

Von Mitte des 19. Jahrhunderts bis zu Beginn des ersten Weltkrieges entwickelte sich Wien zu einer Zwei-Millionen-Stadt. Dieser Bevölkerungsanstieg ging auch mit einer starken Ausweitung der Fläche einher. Erst wurden die Vorstädte, dann die Vororte eingemeindet. Einen weiteren Einschnitt gab es 1938, als die Nationalsozialisten ein Groß-Wien verordneten. Diese Expansion wurde 1954 zum größten Teil wieder rückgängig gemacht Mit den übrig gebliebenen 41.500 ha hat Wien seine heutige Ausdehnung erlangt.

Vergleich räumliche Entwicklung und Bevölkerungswachstum

Abb 1Quelle: MA 8 und MA 41

Der öffentliche Raum ist unter Druck

Mehr Menschen auf der gleichen Fläche macht aus verschiedenen Richtungen Druck auf den öffentlichen Raum. Im Jahr 2015 wuchs Wien um 43.000 Personen an, das entspricht der EinwohnerInnenzahl von Wiener Neustadt. Dreimal die Fläche von Wiener Neustadt entspricht einmal allen Grünflächen in Wien. Also noch zweimal so wachsen, und in Wien steht kein Baum mehr?

Die zugezogenen Menschen brauchen Wohnungen, Arbeitsplätze, Verkehrswege, Parks, Gehsteige, Sportplätze, usw. Das alles muss irgendwie untergebracht werden. Der Öffentliche Raum, der niemandem alleine gehört und anscheinend verfügbar ist, rückt dadurch in den Fokus der Begehrlichkeiten. Er ist wichtiger Schauplatz des urbanen Lebens, etwa als Spiel-, Erholungs- oder Kommunikationsfläche und Ort des sozialen Austausches. Der öffentliche Raum ist kein Luxusgut er macht aus Häusern erst eine Stadt und kommt gewaltig unter Druck:

Öffentlicher Raum unter Druck

Abb2Quelle: Wien in Zahlen 2015

PKW Verkehr wird weiter zunehmen

Es wird enger im Park und auf den Gehsteigen sowie auch auf den Straßen, denn die Zahl der PKWs nimmt stetig zu. Auch wenn in den letzten Jahren in einigen inneren Bezirken der Motorisierungsgrad (PKW pro EinwohnerIn) etwas abgenommen hat werden de facto in der Stadt mehr Autos unterwegs sein. Dafür sorgt einerseits das Bevölkerungswachstum (weniger PKW pro EinwohnerIn, dafür aber mehr EinwohnerInnen = mehr PKW pro Stadt) und andererseits die Tatsache, dass zuletzt rund zwei Drittel der neu angemeldeten Fahrzeuge Firmenwagen waren. Daneben ist mit einem höheren Verkehrsaufkommen aus dem Wiener Umland zu rechnen. Denn die Bevölkerung steigt dort genauso rasant wie in der Kernstadt. Im Gegensatz zu den WienerInnen, die nur 27 Prozent ihrer Wege motorisiert zurücklegen, liegt dieser Anteil beim Stadtgrenzen überschreitenden Verkehr bei 80 Prozent.

Immer mehr brauchen Öffentlichen Raum

Eine zusätzliche Herausforderung bietet die demografische Entwicklung. Denn gerade jener Bevölkerungsanteil, der auf nutzbaren Öffentlichen Raum im Wohnumfeld angewiesen ist, wird größer. Das trifft besonders auf Menschen mit eingeschränktem Aktionsradius zu. Kinder und Jugendliche zählen hier ebenso dazu wie Jungfamilien, ältere Personen, Menschen mit Behinderung sowie sozial benachteiligte Personengruppen. Mobile und einkommensstarke Bevölkerungsschichten können leichter knappen Räumen entgehen. Gerade Gruppen, die auf den Öffentlichen Raum im unmittelbaren Wohnumfeld angewiesen sind, werden in den nächsten Jahren besonders stark wachsen.

Sparvorgaben verhindern neue Räume

Die Hauptstadt wächst, sie darf aber keine Investitionen über Kredite finanzieren – sie muss primär ein ausgeglichenes Budget anstreben. Denn die strikten, politisch motivierten Sparvorgaben von Bund und EU („Innerösterreichischer Stabilitätspakt“) schränken die Möglichkeiten für kommunale Ausgaben drastisch ein – selbst, wenn des enormen Bevölkerungsanstiegs wegen ein Bedarf besteht. Diese Finanznot der Stadt, aber auch anderer Gebietskörperschaften und Unternehmen im öffentlichen Eigentum, wirkt sich negativ aus. Wichtige Investitionen, auch jene in den Öffentlichen Raum, unterbleiben oder werden auf später verschoben.

Unternehmen wittern Geschäfte mit dem öffentlichen Raum

Private Entwickler wittern dagegen gute Geschäfte, wenn sie Aufgaben, die eigentlich eine Stadt lösen sollte, übernehmen. Private-Public-Partnership (PPP) spielt bei städtischen Projekten eine zunehmend wichtige Rolle. Das mag finanztechnisch elegant sein, weil Schulden dadurch nicht der Stadt zugerechnet werden. Langfristig gesehen sind diese Maßnahmen viel teurer und führen dazu, dass im so entstandenen „Öffentlichen Raum“ private Hausordnungen gelten – statt wie bisher das öffentliche Recht. Wer unerwünscht oder dem/der BesitzerIn einfach nicht (ins Geschäftsmodell) passt, wird vom Wachdienst weg gewiesen.

Öffentlicher Raum ist zu billig

In Wien steigt die Tendenz, Öffentlichen Raum für die kommerzielle Nutzung zum Schleuderpreis anzubieten. Natürlich bringen Schanigärten, Strandbars und temporäre Festivals Lebendigkeit und Lebensqualität. Aber sie decken nur einen kleinen Teil der Nutzungsansprüche ab. Der Raum für Bedürfnisse, die mindestens ebenso berechtigt sind, wird enger – vor allem für jene Menschen, die nicht bei jeder kleinen Rast etwas konsumieren können oder wollen.

Während die Mieten privater Stellplätze im Schnitt über 11 Euro pro Quadratmeter und jene von Geschäftslokalen oder Gastronomiebetrieben bei über 30 Euro pro Quadratmeter liegen, rangieren die Tarife für Schanigärten weit darunter. Die tiefen Preise führen dazu, dass Schanigärten trotz geringer Auslastung im Stadtgebiet wild wuchern.

Kosten für einen Gastgarten in einer Fußgängerzone im 1. Bezirk, 50 m2

Abb 3

Öffentlicher Raum wird in Wien schlicht viel zu günstig preisgegeben. Hier muss es in Zukunft adäquate Tarife und faire Regeln geben. Denn das wachsenden Wien braucht mehr Platz für essentielle Bedürfnisse: Diese reichen von nichtkommerziellen Ruhezonen über Parkanlagen bis hin zu breiteren Gehsteigen.

Öffentlicher Raum ist wertvolles Gut für alle

Der Öffentliche Raum muss wieder zum Gemeingut werden. Straßen, Gehsteige, Plätze und Grünflächen müssen als Lebensraum begriffen und derart gestaltet werden. Die Bedürfnisse der Bevölkerungsgruppen, die den Öffentlichen Raum am dringendsten brauchen, müssen Vorrang haben. Neben Kindern, Jugendlichen, alten Menschen, Menschen mit eingeschränkter Mobilität und einkommensschwachen Familien mit kleinen Kindern sind das auch Obdachlose. Um diesem Anspruch besser gerecht werden zu können, muss bei der Entwicklung und Umgestaltung von Stadtgebieten der Öffentliche Raum schon in der Planungsphase als wertvolles Gut behandelt werden. Er soll der Allgemeinheit erhalten bleiben, ohne Ausschluss bestimmter Bevölkerungsgruppen und ohne zeitliche Einschränkung nutzbar sein. Selbst wenn private und kommerzielle Interessensträger dagegen Druck ausüben – die Ansprüche der NutzerInnen müssen im Mittelpunkt stehen.

Dieser Artikel ist in Langfassung in der AK-Stadt: Öffentlicher Raum in Wien, Viele Bedürfnisse aber wenig Platz erschienen.