Arbeiten oder Erben – was führt zu Reichtum?

Patrick Mayrhofer, 9. Oktober 2017

Vor einem Jahr erschien eine Studie des WU-Forschungsinstituts INEQ und der AK Wien, die sich mit den Einflüssen erhaltener Erbschaften auf die Vermögensverteilung beschäftigt. Dabei stellt sich die Frage, ob Vermögen durch erwirtschaftetes Einkommen oder durch Erbschaften aufgebaut wird? Die Studie zeigt, dass Österreich zu jenen Ländern der Eurozone gehört, in denen das Erben einen maßgebenden Einfluss auf die Vermögensbildung nimmt.

Das Erhalten einer Erbschaft führe im Durchschnitt zu einer Verbesserung der eigenen Position innerhalb der Vermögensverteilung um rund 18 Perzentile. Eine Erhöhung des Einkommens, die dem Anstieg um ein Perzentil in der Einkommensverteilung gleich kommt, führe im Vergleich jedoch nur zu einer vernachlässigbaren Verbesserung von rund 0,4 Perzentil in der Position des Haushalts in der Vermögensverteilung. Demnach muss ein Haushalt somit knapp 49 Perzentile – fast die Hälfte der Einkommensverteilung – überspringen, um die gleiche Position in der Vermögensverteilung zu erreichen, wie ein Haushalt, der eine Erbschaft erhält.

Im Lichte dieser Betrachtung kann gesagt werden, dass das Erhalten einer Erbschaft maßgebend für die Vermögensbildung ist. Zudem werden oftmals nicht nur Geldsummen oder Sachgegenstände vererbt. Auch nicht monetäre Unterstützungen wie beispielsweise die Bildung werden weitergegeben, welche sich ebenfalls auf den Vermögensaufbau auswirken. Somit stellt die Geburt in eine wohlhabende Familie einen entscheidenden Faktor für das Ausmaß des zukünftigen Eigentums dar. Es besteht daher die Gefahr, dass so Familiendynastien entstehen, welche das Vermögen bündeln und noch weiter ausbauen. Viele Merkmale einer Refeudalisierung der Ökonomie sind nach und nach beobachtbar.

Thomas Piketty spitzte die entstehenden Probleme der Vermögensungleichheit und der Refeudalisierung in seinem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhunderthttp://www.mpifg.de/pu/workpap/wp10-6.pdf“ mithilfe des Romans Le Père Goriot zu. Darin erklärte der zwielichtige Charakter Vautirn dem jungen Rastignac, dass sozialer Erfolg und Wohlstand nicht durch Studium, Verdienst und Arbeit erreicht werden. Nur durch eine Vermählung mit Mademoiselle Victorine und einer damit verbundenen Erbschaft würde er in den Besitz eines Vermögens kommen.

Erbschaften fördern eine ungleiche Gesellschaft

Zunächst muss angeführt werden, dass das gesamte Volumen der Erbschaften sehr ungleich in der Gesellschaft verteilt ist. Daraus erschließt sich auch, dass Menschen im obersten Dezil der Vermögensverteilung höhere Sach- und Geldwerte vererben als Menschen am unteren Ende. Eine weitere Studie zeigt, dass Erbschaften den größten Teil zur Ungleichheit in der Gesellschaft beitragen. Mit fast 40 Prozent tragen in Österreich die Erbschaften am höchsten zur ungleichen Verteilung des Bruttovermögens (Maßeinheit Gini Koeffizient) bei. Mit ungefähr 20 Prozent ist dagegen das Haushaltseinkommen nur halb so stark für das Ausmaß der Vermögensungleichheit verantwortlich.

In einem Artikel weisen Stiglitz und Bilmes auf die vielfältigen Probleme der steigenden Vermögensungleichheit hin. Darin erklären sie, dass die „Rent-Seeking-Anreize“ der wohlhabenderen Bevölkerung eine Gefahr für die Ökonomie darstellen. Hierbei können reichere Haushalte die Gesetze und staatlichen Förderungen durch ihren Einfluss so lenken, dass sie selbst mehr daraus profitieren als die anderen Bevölkerungsschichten. Vielmals basiert dies nur auf besonderen Privilegien, die ausgenutzt werden und nicht auf mehr erbrachte Leistungen. Durch das „Rent-Seeking“ wird also nur versucht, den Anteil am Kuchen zu erhöhen, nicht aber die Größe des zu verteilenden Kuchens. Viele dieser Entwicklungen finden beispielsweise im Finanzsektor statt. Spekulationen führen zu Verzerrungen der Verteilung der Ressourcen und zu hohen Preisschwankungen. Dies stört die Entscheidungsfindung und schwächt wiederum die Ökonomie.

Zunehmend verlieren die Bürgerinnen und Bürger das Vertrauen in die Politik. Wächst die Ungleichheit weiter, dann verhärtet sich unter den Vermögens- und Einkommensschwächeren die Einstellung, dass ihre Anliegen keine Chance gegenüber wohlhabenderen Interessengruppen hätten. Zudem verbreitet sich das Gefühl des Feststeckens und keine Aufstiegsmöglichkeiten zu haben. Dies kann zu Perspektivlosigkeit und somit zu Resignation führen. Dadurch wird viel Potenzial und Talent verschwendet.

Eine steigende Einkommens- und Vermögensungleichheit reduziert die Glaubwürdigkeit und Sicherheit bestehender Systeme. Der Zugang zu guter Gesundheitsvorsorge wird nach und nach in zwei Klassen geteilt. Der Zugang zu Universitäten soll eingeschränkt werden. Beide Beispiele werden vielmals damit begründet, dass zu wenig staatliche Mittel zur Verfügung stehen. Eine Erbschafts- und Schenkungssteuer würde den budgetären Spielraum für öffentliche Leistungen erhöhen und so die oben genannten wachsenden Risiken dämpfen.

Potenzial einer Erbschaftssteuer

Mithilfe der Daten aus der ersten HFCS-Erhebung berechnete Stefan Humer das Potenzial einer Erbschafts- und Schenkungssteuer. Bei der Durchführung der Studien wurden zwei verschiedene Varianten von Freibeträgen und Steuersätzen getestet. Ein Freibetrag von 500.000 Euro verbunden mit einem Tarif von 15 Prozent würde ein durchschnittliches jährliches Steueraufkommen von 550 Millionen Euro lukrieren. Ein Freibetrag von 1.000.000 Euro in Verbindung mit einem Tarif von 25 Prozent bedeutet ein durchschnittliches Steueraufkommen von 640 Millionen Euro.

Beide Tarife zeigen das mögliche Potenzial einer Erbschafts- und Schenkungssteuer. Mit 15 beziehungsweise 25 Prozent sind die Grenzsteuersätze sehr tief gewählt, eine progressivere Variante mit höheren Sätzen würde das Aufkommen noch weiter erhöhen.

Zudem können die für das Modell gewählten Varianten als treffsicher bezeichnet werden. Bei einem Freibetrag von 500.000 Euro wären demnach nur fünf Prozent aller Erbfälle, bei einem Freibetrag von 1.000.000 Euro nur zwei Prozent aller Erbfälle betroffen. Im Sinne des Gerechtigkeits- und Leistungsfähigkeitsprinzips kann somit eine Erbschafts- und Schenkungssteuer von den leistungsfähigeren Erbenden zur restlichen Bevölkerungsmehrheit umverteilen.

Fazit

Vielfach stehen unsere Lebensmöglichkeiten bereits bei der Geburt zu einem großen Teil fest. Faktoren wie die finanziellen Ressourcen unserer Eltern und deren Bildung, unser Umfeld am Wohnort, die Arbeitsmarktlage oder die Diskriminierungen aufgrund unseres Geschlechts, unserer Hautfarbe und Herkunft spielen eine große Rolle. Das Ideal der Chancengleichheit ist daher nicht gegeben.

Die Erbschafts- und Schenkungssteuer stellt eine mögliche Besteuerung von Großvermögen dar, welche auch in vielen Eurozonenländern angewandt wird. Sie ist ein hilfreiches und treffsicheres Instrument, um die Vermögensungleichheit zu reduzieren beziehungsweise deren weitere Zunahme einzudämmen. Die eingehobenen Steuermittel können wiederum für zukunftsorientierte Investitionen, wie beispielsweise solche in Bildung, Infrastruktur, Forschung und Entwicklung, verwendet werden. Auch können die neuen Einnahmen die Besteuerung des Faktors Arbeit entlasten, um so positive Effekte auf die Beschäftigung zu nutzen.


Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 4.0

Dieser Textbeitrag ist unter einer Creative-Commons-Lizenz vom Typ  Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International zugänglich. Um eine Kopie dieser Lizenz einzusehen, konsultieren Sie http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/ Weitere Informationen auch hier: https://blog.arbeit-wirtschaft.at/ueberdiesenblog/#creativecommons