Alle Jahre wieder – Vorfreude und gemischte Gefühle vor dem Fahrplanwechsel

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Thomas Hader und Thomas Kronister, 10. Dezember 2015

kronister_web_100x110BAK_Thader_LThumbEin Fahrplanwechsel bedeutet für die 180.000 PendlerInnen  nur im Idealfall eine Verbesserung des Angebots. Oftmals bedeuten Fahrplanänderungen aber auch, dass Arbeitswege und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht mehr reibungslos klappen. Ein Plädoyer für mehr Planungssicherheit für ArbeitnehmerInnen.

Die Ostregion und der Vollbetrieb des neuen Hauptbahnhofs

Im Großraum Wien pendeln täglich über 60.000 ArbeitnehmerInnen mit der Bahn. Die Bauarbeiten rund um die Errichtung des neuen Hauptbahnhofes in Wien waren für diese mit vielen Unannehmlichkeiten wie beispielsweise Schienenersatzverkehr und Verspätungen verbunden. Mit dem Fahrplanwechsel am 13. Dezember 2015 wird der Hauptbahnhof in Vollbetrieb gehen und gleichzeitig damit ein großer Fahrplanwechsel erfolgen. Die Erwartungen der PendlerInnen sind dementsprechend groß.

Seit Wochen herrscht allerdings eher Verunsicherung bei den PendlerInnen, was der neue Fahrplan bringen wird. Denn im Vorfeld wurden die Fahrplanentwürfe in der Fahrplanauskunft Scotty nur teilweise veröffentlicht. Der Streit der Westbahn GmbH mit dem VOR und das weitgehende Fehlen des Nahverkehrs bei den zur Verfügung stehenden Informationen haben die Planbarkeit der Arbeitswege für die PendlerInnen zusätzlich erschwert.

So etwa bei Frau K., die auch samstags von Payerbach nach Wien zur Arbeit muss und nun vor der Situation steht, dass ihr erster Zug erst kurz vor sieben Uhr früh in Wien ankommt und nicht wie bisher um 6:30 Uhr. Das bedeutet, dass sie nicht mehr pünktlich das Geschäft aufsperren kann und nun zwei Wochen vor Fahrplanwechsel mit Ihrem Arbeitgeber eine Lösung finden muss. Auch PendlerInnen von Aspang nach Wien berichten über Schwierigkeiten: Der Zug der bislang um 5:31 Uhr fährt, wird nach dem 13. Dezember um sieben Minuten später abfahren, und auch noch acht Minuten länger unterwegs sein. Für ArbeitnehmerInnen mit fixen Dienstzeiten ist eine Viertelstunde später zur Arbeit zu kommen allerdings ein Problem. Die Rückfahrt am Freitag um 13:30 Uhr, die derzeit 59 Minuten dauert, wird nach dem 13. Dezember erst um 14:05 Uhr möglich sein und darüber hinaus 1 Stunde 15 Minuten dauern. Aber auch SchülerInnen aus Silberwald und Strasshof sind künftig wegen späterer Abfahrtszeiten nicht mehr rechtzeitig zu Schulbeginn in den Schulen. Die betroffenen SchülerInnen müssen künftig den früheren Zug nehmen und bei nur 15 km außerhalb von Wien 90 Minuten Wegzeit einrechnen. Dies sind Änderungen die im Vorfeld unter den Teppich gekehrt werden und dann umso mehr zu Verärgerung unter den PendlerInnen führen.

Es liegt für uns auf der Hand, dass die Bahn kein individuelles Transportmittel sein kann, das für jedeN maßgeschneiderte Angebote bietet. Was wir mit diesen Beispielen verdeutlichen wollen ist, dass der Fahrplanwechsel nicht einfach nur eine Verschiebung von Zug-Angeboten im Minutenbereich ist, sondern dass es hier um ganz schwerwiegende Eingriffe in die Lebensrealität von Menschen geht. Da von den Fahrgästen bei Fahrplanänderungen große Flexibilität eingefordert wird, muss im Gegenzug die Information möglichst frühzeitig, zielgerichtet und umfassend sein. Das ist zumindest diesmal eindeutig nicht der Fall.

Fahrplanerstellung – ist nicht einfach…

Es ist klar: Die Erstellung eines möglichst kundenfreundlichen Fahrplanes, der den Mobilitätsbedürfnissen der unterschiedlichen Zielgruppen gerecht wird, ist eine sehr komplexe Herausforderung für die Besteller Bund und Länder und die ausführenden Unternehmen. Alleine am Wiener Hauptbahnhof kommen täglich über 1.100 Züge an. Diese müssen vom Start bis zum Ziel und den Zwischenhalten koordiniert und mit anderen Zugangeboten abgestimmt werden. Darüber hinaus sind Anforderungen der Besteller und Wünsche der unterschiedlichen NutzerInnen (PendlerInnen, SchülerInnen, Fernverkehrsreisenden, Gemeinden etc.) zu berücksichtigen.

…aber es gibt Systemprobleme

Beim Fahrplanangebot für PendlerInnen gibt es aber auch Systemprobleme. So war praktisch zwei Wochen vor Fahrplanwechsel für rund 1.000 PendlerInnen zwischen Wien und St. Pölten nicht klar ob und welches Bahnangebot sie zukünftig vorfinden werden. Grund dafür war der Streit zwischen Westbahn GmbH und dem Verkehrsverbund um das Angebot von schnellen Zügen zwischen Westbahnhof und St. Pölten. Aus unserer Sicht dürfen Streitigkeiten zwischen Unternehmen nicht auf den Rücken der PendlerInnen ausgetragen werden. Es ist absurd, dass über das Fahrplanangebot für Tausende ArbeitnehmerInnen, SchülerInnen und StudentInnen nicht die Besteller, also Wien oder Niederösterreich oder die Verkehrsunternehmen bestimmen, sondern JuristInnen und Gerichte. Denn die Auslegung von EU Verordnungen ist auch weiterhin unklar und der neoliberal gewünschte Wettbewerb zwischen Unternehmen hat offenbar mehr Gewicht als die Interessen von tausenden Fahrgästen.

Ein weiteres Problem ist das unterschiedliche Angebot für Regionen rund um Wien: Die Bahnverbindungen westlich und nördlich der Bundeshauptstadt bieten weitaus mehr Abendzüge als die südlichen und östlichen Verbindungen. So gibt es etwa Richtung Gänserndorf noch um 23:51 Uhr die Möglichkeit von Wien nach Hause zu kommen. PendlerInnen in den Seewinkel oder auf der Pottendorfer Linie müssen sich künftig sogar auf einen noch früheren Betriebsschluss einstellen, denn der letzte Zug fährt nach dem Fahrplanwechsel um 20:14 Uhr bzw 20:19 Uhr. Für Handelsangestellte, die flexibel und mit Öffnungszeiten bis 20.00 oder 21.00 Uhr leben müssen ist dieses Angebot nicht brauchbar.

Die Interessen der PendlerInnen sind ernst zu nehmen

Tatsache ist, dass rund 85 Prozent der Bahn-Fahrgäste im Nahverkehr unterwegs sind und ihre Interessen dementsprechend mehr Gewicht bei der Fahrplanerstellung haben müssten. Aus unseren Erfahrungen braucht die Fahrplanerstellung mehr Transparenz sowie frühzeitige Informationen über geplante Änderungen. Hilfreich wären beispielsweise klare Fristen, bis wann Stellungnahmen zum Fahrplan möglich sind. Spätestens Anfang November sollte für die PendlerInnen klar sein, wie der Fahrplan für das kommende Jahr aussieht. Große Umstellungen bedeutet der neue Hauptbahnhof vor allem für die PendlerInnen in der Ostregion, da künftig auch alle Fernverkehrszüge in den Westen vom Hauptbahnhof abfahren. Weiters verkehrt beispielsweise die S80 ab Fahrplanwechsel zwischen Hütteldorf und Hirschstetten und die S60 verbindet die Ostbahn mit der Pottendorfer Linie. Für die Arbeiterkammern in Wien, Niederösterreich und Burgenland ist es wichtig, die Anliegen aller PendlerInnen in der Ostregion deutlicher sichtbar zu machen. Sie rufen daher alle PendlerInnen (Auto-, Bahn-, und RadnutzerInnen), ab Montag den 14. Dezember dazu auf, Ihre Anliegen bei der gemeinsamen PendlerInnenbefragung einzubringen.