Will Österreich kürzere Arbeitszeiten? – Eine Datenanalyse zur hiesigen Arbeitszeitlandschaft

Michael Schwendinger, 9. März 2016

michaelschwendinger_100x100Rund 610.000 unselbständig Beschäftigte in Österreich würden lieber kürzer, 304.000 länger arbeiten, als sie aktuell können. Aufgerechnet ergibt das ein unfreiwillig geleistetes Arbeitsvolumen von knapp 50.000 Vollzeitjobs. Welche Höhen und Tiefen die hiesige Arbeitszeitlandschaft noch kennzeichnen, eröffnet eine Analyse der Mikrozensus-Daten.

Angesichts der wirtschaftlich nach wie vor sehr angespannten Lage in Österreich und Europa erfährt das Thema Arbeitszeit eine kleine Renaissance. Hierzulande ist mitunter die sogenannte Freizeitoption – kürzlich u.a. im neuen Kollektivvertrag der Maschinen- und Metallwarenindustrie vereinbart – ein Grund dafür. Dass Arbeitszeitverkürzung zwar keine „eierlegende Wollmilchsau“ ist, ist klar. Ebenso klar sollte natürlich das Potential in so unterschiedlichen Bereichen wie Beschäftigungs- und Gesundheitspolitik, Gender-Gerechtigkeit, Weiterbildung, zivilgesellschaftliches Engagement und demokratische Partizipation, Ökologie und individuelle Work-Life-Balance sein. Einen Schritt vorher stellt sich allerdings noch eine andere – in Hinblick auf die politische Umsetzbarkeit gar allerwichtigste – Frage: Wollen wir überhaupt kürzer arbeiten? Eine Analyse der Mikrozensus-Daten erlaubt hierzu einige Einsichten.

Arbeitszeiten in Österreich – Status Quo

Zwei Aspekte sind für die hiesige Arbeitszeitlandschaft unbestritten sehr charakteristisch: die hohe Teilzeitquote und die langen Vollzeitarbeitszeiten. Laut Eurostat ist die Teilzeitquote nur noch in den Niederlanden höher als in Österreich mit 26,9 % aller Beschäftigten. Auch bei den durchschnittlichen Arbeitszeiten aller Vollzeitbeschäftigten liegt Österreich mit 43 Wochenstunden wiederum an zweiter Stelle hinter Griechenland.

Betrachtet man nur die unselbständig Beschäftigten ist Österreich mit 41,5 Stunden Platz drei, hinter Großbritannien, Portugal und ex aequo mit Zypern. Im Vergleich bspw. mit skandinavischen Ländern oder Frankreich arbeiten hierzulande relativ wenige Leute im Bereich 35-39, hingegen sehr viele über 40 Stunden.

Der Gesamtdurchschnitt der Arbeitszeiten von unselbständig Beschäftigten in Österreich ist zwischen 2006 und 2014 um rund 1,7 Stunden auf 36,5 Wochenstunden gesunken (Mikrozensus, eigene Berechnungen). Dieser Rückgang ergibt sich einerseits durch die Ausweitung von Teilzeitarbeit – die Teilzeitquote stieg im besagten Zeitraum um 5,1 Prozentpunkte an, andererseits haben sich auch die Wochenstunden der Vollzeitbeschäftigten um rund -0,9 auf 42 Stunden reduziert. Die durchschnittliche Teilzeitarbeitszeit hingegen ist relativ konstant geblieben bzw. sogar leicht gestiegen, nämlich um 0,3 auf 21,7 Stunden.

Man könnte sich nun natürlich fragen, wie sich diese Entwicklungen auf die Verteilung des Arbeitsvolumens auf die gesellschaftlichen Schultern ausgewirkt haben. Zieht man den hierfür oftmals verwendeten Gini-Koeffizienten als Maßstab heran, zeigt sich eine langsame, aber kontinuierliche Öffnung der „Arbeitszeit-Schere“. Ginge es nach den individuellen Arbeitszeitwünschen der Beschäftigten, wäre das Arbeitsvolumen bedeutend gleicher verteilt, als in Realität der Fall ist.

Normalität für Männer und Frauen

Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich die Arbeitszeitrealitäten von Frauen und Männern stark unterscheiden. Das sogenannte „Gender Time Gap“ hat sich im Zeitraum 2006-2014 zwar um etwa 0,9 Stunden reduziert, betrug 2014 aber nach wie vor ganze 8,6 Wochenstunden oder rund 21 %. Wie unterschiedlich männliche und weibliche Arbeitszeiten strukturiert sind, zeigt auch folgende Abbildung. Während nur rund 8,4 % der Männer unter 34 Stunden arbeiten, ist dies bei Frauen mit 46 % Normalität.

Arbeitszeitgruppen 2006-2014, relative Anteile

Quelle: Mikrozensus, eigene Berechnung

Quelle: Mikrozensus, eigene Berechnung

Dies ist natürlich auch eine direkte Folge der Teilzeitbeschäftigung. 2014 arbeitete knapp die Hälfte aller Frauen (47,6 % nach Selbsteinschätzung) in Teilzeit, jedoch nur jeder 10. Mann (9,1 %). Auch nach den Gründen für Teilzeitarbeit gefragt, unterscheiden sich die Bilder deutlich. Der mit Abstand wichtigste Grund für Frauen ist die Betreuung pflegebedürftiger Kinder oder Eltern, die meisten Männer sind aufgrund von Aus-/Fortbildungen in Teilzeit. Angemerkt muss hier natürlich dringend werden, dass sich diese Analyse aufgrund der Datenverfügbarkeit lediglich auf die Erwerbsarbeit bezieht. Laut einer älteren Studie der Statistik Austria ist das Volumen der Haus- & Reproduktionsarbeit (d.h. der Nicht-Erwerbsarbeit) jedoch erheblich höher, als jenes der gesamten Erwerbsarbeit. Zwei Drittel davon erledigen Frauen. Insgesamt betrachtet arbeiten Frauen somit wöchentlich rund 66 Stunden (davon 59 % bezahlt), Männer hingegen „nur“ 64,3 Stunden (davon 75 % bezahlt).

Arbeitszeitwünsche ohne Lohnausgleich

In der Mikrozensus-Befragung wird auch nach den wöchentlichen Wunscharbeitszeiten gefragt – ohne auf einen etwaigen Lohnausgleich hinzuweisen. Vergleicht man die Wunsch- mit den Normalarbeitszeiten, ergibt sich eine „Wunschstundenlücke“. Wie sich diese für Männer und Frauen in Voll- und Teilzeit entwickelte, zeigt die nächste Abbildung. Die Ergebnisse sind eindeutig: sowohl Frauen als auch Männer in Teilzeit wollen länger, Vollzeitbeschäftigte hingegen kürzer arbeiten. Dass sich für Männer insgesamt ein Arbeitszeitverkürzungswunsch ergibt, erklärt sich logischerweise durch die überwiegende Vollzeittätigkeit der männlichen Beschäftigten – vice versa bei den Frauen, wo sich Verkürzungswunsch der Voll- und Verlängerungswunsch der Teilzeitbeschäftigten etwa die Waage hält.

Wunschstundenlücke nach Geschlecht und Beschäftigung, in Wochenstunden

Quelle: Mikrozensus, eigene Berechnung

Quelle: Mikrozensus, eigene Berechnung

Eine andere Darstellung desselben Umstands ist im Folgenden gegeben. Insgesamt wollten 2014 rund 610.000 oder 17,5 % der unselbständig Beschäftigten ihre Arbeitszeiten reduzieren – 91,3 % davon sind Vollzeitbeschäftigte. Umgekehrt würden 304.000 oder 8,7 % gerne verlängern – 72,5 % davon sind aktuell in Teilzeit. Selbständige befinden sich natürlich in einer anderen Situation, hier ist der Verkürzungswunsch sogar noch weiter verbreitet: knapp ein Drittel (32,7 % oder 177.000) würden gerne verkürzen, lediglich 6,4 % (oder 34.000) verlängern.

Veränderungswünsche, 2006-20014 (in 1.000)

Quelle: Mikrozensus, eigene Berechnungen

Quelle: Mikrozensus, eigene Berechnungen

Fazit

Das Thema Arbeitszeit und deren mögliche Verkürzung oder Umverteilung wird uns angesichts der angespannten Arbeitsmarktlage sowie der vielfältigen anderweitigen Herausforderungen unserer Zeit (gesundheitliche Belastungen am Arbeitsplatz, alternsgerechtes Arbeiten, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Gendergerechtigkeit, Erreichen ökologischer Grenzen und natürlich auch die Integration der vielen geflohenen Menschen in unser Gesellschaftsgefüge) fraglos auch noch in näherer und fernerer Zukunft beschäftigen.

Insofern ist es höchst an der Zeit, sich ein fundiertes Bild der hiesigen Arbeitszeitlandschaft zu machen. Aus der vorliegenden Analyse der Mikrozensus-Daten lassen sich bereits einige unmissverständliche Ergebnisse ableiten. Teilzeitbeschäftigte würden lieber länger, Vollzeitbeschäftigte lieber kürzer arbeiten. Ginge es also nach den Wünschen der Beschäftigten, wäre das Arbeitsvolumen besser auf die gesamtgesellschaftlichen Schultern verteilt. Anders formuliert: es gibt eine deutliche „Tendenz zur Mitte“.

Zu guter Letzt bleibt die Beantwortung der Eingangsfrage: Will Österreich kürzere Arbeitszeiten? Ja, zumindest auf Basis der Mikrozensus-Daten. Summiert man alle individuellen Wunsch-stundenlücken auf, ergibt sich ein Arbeitszeitverkürzungswunsch im Ausmaß von rund 50.000 Vollzeitjobs.

Dieser Beitrag basiert auf Nummer 148 der Working Paper Reihe „Materialien zu Wirtschaft und Gesellschaft“ der AK Wien.