Wie klimafit ist Österreich beim Heizen und Sanieren?

Johannes Wahlmüller, 18. Mai 2017

In der österreichischen Klimabilanz gibt es nur wenig Lichtblicke. Während der Ausstoß klimaschädigender Gase EU-weit in den letzten 25 Jahren um etwa ein Viertel zurückging, blieb er in Österreich etwa gleich hoch. Nur im Gebäudebereich konnte eine Senkung der CO2-Emissionen um 40 Prozent erreicht werden. Das ist keine schlechte Leistung, aber es ist noch viel zu tun. Die aktuelle Studie GLOBAL 2000-Wohnbaucheck 2017 zeigt, dass manche Bundesländer großen Aufholbedarf haben und es jetzt wieder mutige Schritte braucht, um die Energiewende im Gebäudebereich zu vollenden.

Etwa 1,5 Mio. Haushalte heizen direkt mit fossiler Energie

Denn für eine nachhaltige Energiezukunft kommt man ums Thema Heizen und Sanieren einfach nicht herum. Etwa ein Drittel des österreichischen Energieverbrauchs entfällt auf die Bereitstellung von Raumwärme und die ist längst nicht so umweltfreundlich, wie uns das manche Werbebroschüren glauben machen wollen. Mehr als 600.000 Ölheizungen sind noch in Betrieb, rund 900.000 Haushalte heizen mit Erdgas, 11.000 Haushalte verwenden sogar noch Kohleheizungen. Etwas mehr als eine Million Haushalte heizt wiederum mit Fernwärme, die zwar per se nicht schlecht ist, aber derzeit eben auch nur rund zur Hälfte aus erneuerbaren Energiequellen gewonnen wird. Es gibt also viel zu tun. Mit dem GLOBAL 2000-Wohnbaucheck wurde nun erstmals eine Orientierungshilfe erstellt, die zeigt, wo die Bundesländer gemessen an ambitionierten Klimaschutz-Benchmarks liegen. Dafür wurden neun objektive Bewertungskriterien erarbeitet, anhand derer die einzelnen Bundesländer hinsichtlich ihrer Anstrengungen eingestuft wurden. Die Gesamtbewertung zeigt, dass kein österreichisches Bundesland als „Klimaschutz-Pionier“ einzustufen ist. Mit Wien, Vorarlberg, der Steiermark und Niederösterreich finden sich vier Bundesländer aber in der „Verfolgergruppe“, die schon auf halbem Weg ist. Als „Klimaschutznachzügler“ wurden das Burgenland, Kärnten, Salzburg, Oberösterreich und Tirol identifiziert. In diesen Bundesländern läuft die Energiewende langsamer ab, als es möglich wäre. In den Einzelwertungen gibt es aber große Unterschiede (siehe Grafik).

Quelle: Global 2000 – Wohnbaucheck 2017

Öl-Ausstieg durch Störfeuer der Mineralölwirtschaft gefährdet

Das Um und Auf jeglicher Energiewende ist der Ausstieg aus Erdöl. Daran führt kein Weg vorbei und hier zeigt der Trend auch in die richtige Richtung: Seit 2005 ist der Anteil von Ölheizungen im Durchschnitt um 35 Prozent zurückgegangen. Überdurchschnittlich stark waren die Rückgänge in diesem Zeitraum in Wien (-74 %), im Burgenland (-46 %) und in der Steiermark (-42 %). Oberösterreich (-35 %), Vorarlberg und Salzburg (beide -34 %) liegen nahe am Durchschnitt, weniger stark waren die Rückgänge wiederum in Kärnten (-29 %) und in Tirol (-25 %) ausgeprägt. Allerdings ist die zunehmende Unbeliebtheit von Ölheizungen der Mineralöllobby ein Dorn im Auge, weshalb sie ihre Förderinitiative für den Einbau neuer Ölheizungen gestartet hat. Sie will 60.000 neue Ölheizungen bis zum Jahr 2020 verkaufen. Das wäre ein Albtraum für den Klimaschutz. Dass die Mineralöllobby die Förderung neuer Ölkessel auch noch als Klimaschutzinitiative bewirbt, ist zudem reiner Zynismus, denn die Ölheizung ist das klimaschädlichste Heizsystem, das derzeit am Markt ist. Wer heute in einem unsanierten Gebäude wohnt und seine alte Ölheizung gegen ein Öl-Brennwertgerät austauscht, kommt auf CO2-Emissionen von gut 10 Tonnen pro Jahr; das zeigt eine aktuelle Bewertung der österreichischen Energieagentur. Zum Vergleich: Ein/e durchschnittliche ÖsterreicherIn verursacht derzeit etwa 9 Tonnen CO2 pro Jahr. Darin enthalten sind Mobilität, Stromverbrauch, Raumwärme, Industrieproduktion sowie Emissionen aus der Abfallwirtschaft und landwirtschaftlichen Produktion. Es ist aber auch aus anderen Gründen nicht ratsam, auf Öl zu bauen: Man riskiert jahrzehntelange Abhängigkeit von Ölimporten bei mitunter stark schwankenden Preisen und steigt auch, was die Kosten angeht, schlecht aus. Ein Heizkostenvergleich der österreichischen Energieagentur zeigt, dass umweltfreundlichere Alternativen durchgängig günstiger sind als Heizen mit Öl. Ohne Förderung würde deshalb wohl niemand mehr zu dieser faulen Frucht greifen. Um den negativen Einflussnahmen der Mineralölwirtschaft entgegenzuwirken, braucht es daher jetzt klare politische Entscheidungen auf der Ebene der Bundesländer. Dem Einbau von neuen Ölheizungen muss sowohl im Neubau als auch bei der Sanierung ein Riegel vorgeschoben werden, um BürgerInnen und das Klima vor Fehlentscheidungen zu schützen. Innerhalb Europas hat Dänemark den Weg vorgezeichnet und die Verwendung von erneuerbaren Energien zum Standard erklärt. In Österreich hat Niederösterreich mit dem Verbot von neuen Ölheizungen im Neubau einen ersten Schritt in diese Richtung gesetzt. Besonders in Zeiten knapper Budgets sind das nachahmenswerte Klimaschutzinitiativen.

Kein Bewusstsein für Klimaschädlichkeit von Erdgas

Ein ernüchterndes Bild zeigt sich bei der Verwendung von Erdgas im Raumwärmebereich. Es hat zwar geringere CO2-Emissionen als Erdöl, bleibt aber dennoch ein fossiler Energieträger, der unser Klima anheizt. Wer in einem unsanierten Gebäude mit einem Erdgas-Brennwertgerät heizt, kommt immer noch auf CO2-Emissionen von rund sieben Tonnen pro Jahr allein fürs Heizen (siehe Berechnungen der österreichischen Energieagentur). Auch Erdgas ist also alles andere als ein umweltfreundlicher Energieträger. Doch das Bewusstsein dafür lässt zu wünschen übrig. Anders als beim Erdöl ist hier auch kein klarer Trend eines Rückgangs festzustellen. Heizten 2005 noch 25 Prozent der Haushalte mit Gas, waren es 2014 immer noch 24 Prozent. In Tirol (+23 %), im Burgenland (+9 %) und in der Steiermark (+7 %) zeigt der 10-Jahrestrend sogar einen Zuwachs an Gasheizungen. In diesen Bundesländern werden neue Gasheizungen im Rahmen der Wohnbauförderung sowohl im Neubau als auch bei der Gebäudesanierung sogar noch mit öffentlichen Mitteln gefördert. Damit werden die Anreize für die Wahl eines Heizsystems auf Basis fossiler Energie noch verstärkt. Nur Vorarlberg, Niederösterreich und Salzburg fördern den Einbau von Gasheizungen nicht mehr und setzen damit auch ein klares politisches Signal. Diese richtungsweisenden Entscheidungen sollten nun flächendeckend umgesetzt werden.

Ein alarmierendes Bild zeigt sich beim Einbruch der Gebäudesanierungen. Nur 0,5 Prozent der Gebäude werden derzeit pro Jahr umfassend saniert. So würde erst in 200 Jahren der gesamte Gebäudebestand einmal umfassend durchsaniert. Wir müssen diese Aufgabe aber spätestens innerhalb einer Generation schaffen. Diese rückläufige Aktivität bei der Gebäudesanierung ist praktisch durchgängig bei allen Bundesländern zu beobachten, wobei Salzburg, Wien und das Burgenland die Schlusslichter bilden. Politische Gegenstrategien fehlen praktisch völlig und auch der Sanierungsscheck des Bundes wurde in den letzten Jahren um mehr als die Hälfte gekürzt. Dabei ist diese enorme Zielverfehlung nicht nur für die Klimabilanz eine große Belastung, es werden dadurch auch Chancen verpasst, Arbeitsplätze zu schaffen sowie die Wirtschaft anzukurbeln. Das Potenzial ist beachtlich. Das Umweltministerium errechnete, dass allein durch die Ankurbelung der thermischen Sanierung 30.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden können. Stephan Schulmeister ging in einem Standard-Kommentar sogar noch deutlich weiter und sprach von 100.000 neuen Arbeitsplätzen, die mit einer ambitionierten New-Deal-Klimaschutz-Kampagne zu heben seien. Vom New Deal hat auch Bundeskanzler Christian Kern schon einmal gesprochen. Vom Ausstieg aus fossilen Energien hört man Umweltminister Andrä Rupprechter wiederum öfter sprechen. Aber reden allein bringt uns nicht weiter. Es braucht jetzt wieder ehrgeizige PolitikerInnen im Bund und in den Ländern, die das enorme Potenzial erkennen und die bereit sind, sich für Klimaschutz und mehr Beschäftigung auf die Hinterbeine zu stellen.


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