Wie eine Frau die Abendschule erfand und vergessen wurde: Wanda Lanzer im Roten Wien

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Barbara Kintaert, Marina Laux, 28. März 2017

Rund 14.500 Erwachsene besuchen in Österreich derzeit die Abendschule. Sie nutzen ihre zweite Chance. Das Nachholen von Bildungsabschlüssen ist mühsam und anstrengend, aber nicht immer gab es diese Möglichkeit. In Österreich verdanken wir sie der Initiative von Wanda Lanzer, einer Pionierin des Roten Wiens. Dennoch ist die Person Wanda Lanzer heute nahezu vergessen. Ihre Geschichte ist eine Geschichte der Vertreibung im Nationalsozialismus, aber auch eine klassische Frauengeschichte in der Sozialdemokratie.

Fehlende Bildung ist eine Fessel für die ArbeiterInnen

Schauplatz Rotes Wien, frühe 1920er-Jahre: Die junge Studentin Wanda Lanzer hält eine abendliche Vortragsreihe über das Arbeiterprogramm Ferdinand Lassalles für die Sozialistische Jugend. Sie stammt aus einer gebildeten Familie und zählt zu den ersten Frauen, die an der Universität Wien zum Studium der Staatswissenschaften (d. h. Nationalökonomie und Volkswirtschaft) zugelassen sind. Ihr Publikum aus jungen ArbeiterInnen und HandwerkerInnen saugt das angebotene Wissen auf, stellt eine Frage um die andere. Wanda Lanzer sieht die Bildungslücken ihrer HörerInnen dadurch noch deutlicher, erkennt aber gleichzeitig deren Wissensdurst. Mit ihnen systematisch in Abendkursen das Schulwissen bis zur Matura zu erarbeiten – wäre das nicht eine großartige Idee? Wäre das nicht eine unglaubliche Chance für den einzelnen Arbeiter und die einzelne Arbeiterin? Ein riesiger Vorsprung für die ArbeiterInnenschaft? Die Fessel von zu wenig Bildung will Wanda Lanzer gemeinsam sprengen.

Bis zu diesem Zeitpunkt ist es noch denkunmöglich, einen Bildungsabschluss nachzuholen. Wanda Lanzer hat diese Idee und setzt für ihre Umsetzung alle Hebel in Bewegung. Es dauert nur drei Monate bis sie Kursprogramm, ehrenamtliche LehrerInnen und ihre ZuhörerInnenschaft versammelt hat. Die Arbeitermittelschule ist im Winter 1922/1923 geboren.

Keine besondere Sache? Zugegeben, die Bezeichnung „Arbeitermittelschule“ klingt rückblickend nicht revolutionär – die Idee ist es aber. Zuvor kann Bildung – in Abhängigkeit vom Elternhaus – nur als Kind erworben werden. Stärker noch als heute sind damals mit Bildungsabschlüssen eine Arbeitsstelle, gutes Leben und Gesundheit verbunden. Bildung ist exklusiv. Wanda Lanzer ändert das. Plötzlich können die ArbeiterInnen ihr Schicksal in eine andere Richtung lenken. In der Arbeitermittelschule lernen sie im Klassenverband über vier Jahre hindurch an fünf Abenden pro Woche den Maturastoff. Damit hat Wanda Lanzer die Abendschule erfunden, als erste im deutschsprachigen Raum und wahrscheinlich sogar weltweit.

Ein Erfolgsprojekt – Vom Fabriksarbeitsplatz bis an die Universität

Die von Wanda Lanzer gegründete Arbeitermittelschule nimmt Anfang Dezember 1922 den Kursbetrieb auf und wird zu einem Erfolgsmodell (bis heute!). Der erste Maturajahrgang wird persönlich vom berühmten sozialdemokratischen Schulreformer Otto Glöckel beglückwünscht. Dutzenden AbsolventInnen öffnet sie die Tür, um anschließend sogar ein Universitätsstudium zu bewältigen. Auch im Vergleich mit heutigen Maßnahmen ist die Arbeitermittelschule ein äußerst nachhaltiges Konzept (siehe untenstehende Abschlussstatistik). Wanda Lanzer gelingt es sogar, dass die AbsolventInnen ihres Lehrgangs als BerufsschullehrerInnen eingesetzt werden. Unter den Lernenden ist auch Franz Borkowetz, Hilfskraft in der Bibliothek der Arbeiterkammer Wien (Magazineur). Sein Bildungsaufstieg wird später für Wanda Lanzer von großer Bedeutung sein.

Nachruf auf Wanda Lanzer von Ernst Schwab, zur Verfügung gestellt durch Peter Lhotzky: Zusammenfassend haben 277 HörerInnen im Zeitraum 1922-1938 den Maturakurs zur Gänze absolviert und davon 208 erfolgreich maturiert. Ein universitäres Studium haben daraufhin 67 AbsolventInnen abgeschlossen.

Die Faschisten schließen die Arbeitermittelschule

Nach der Promotion arbeitet Wanda Lanzer ab 1924 als Bildungsberaterin und Forscherin im BBAW, dem damaligen Berufsberatungsamt der Stadt Wien und der Arbeiterkammer in Wien. Im Herbst 1925 heiratet sie den Juristen Felix Lanzer, mit dem sie zwei Töchter bekommt. Ende 1926 wechselt sie beruflich in die AK Bibliothek. Im Jahr 1934 wird Wanda Lanzer durch die Austrofaschisten aus der Arbeiterkammer Wien entlassen. Der Mittelschulkurs wird zunächst „entpolitisiert“ und später von den Nazis gänzlich geschlossen. Mehrere jüdische LehrerInnen der Arbeitermittelschule werden deportiert und ermordet. Auch Wandas Lanzers Ehemann wird als Magistratsbeamter bei der Gemeinde Wien im Jahr 1938 von den Nazis gekündigt. Die Familie versucht verzweifelt und erfolglos, Österreich zu verlassen. Nach Hausdurchsuchungen der Gestapo verliert sich Felix Lanzers Spur im Jahr 1939. Wanda Lanzer flüchtet daraufhin mit ihren kleinen Töchtern nach Schweden. Sie wird dort 25 Jahre bleiben. Müssen.

Vertrieben, vergessen, vertröstet

Wanda Lanzer möchte nach Kriegsende rasch nach Wien zurück. Es gelingt nicht. Für die Rückkehr benötigt sie sowohl Arbeitsstelle als auch Unterkunft, doch ohne Arbeit gibt ihr niemand Unterkunft, ohne Wohnadresse stellt man sie nicht ein. Die Unterstützung des offiziellen Wiens ist genauso enden wollend wie die der ehemaligen GenossInnen.

Die Wende erwirkt erst Franz Borkowetz. Der ehemalige Schüler der Arbeitermittelschule hat den Aufstieg durch Bildung geschafft. Mittlerweile Jurist, wird er Direktor der Arbeiterkammer Wien. Er weiß, was er der Initiative Wanda Lanzers zu verdanken hat. Ihm gelingt es, den Herzenswunsch von Wanda Lanzer zu erfüllen und sie zurück nach Wien zu holen, indem er sie 1964 mit der Errichtung des sogenannten Sozialarchivs betraut (u. a. aus den Nachlässen von Viktor und Friedrich Adler) und ihr eine Wohnung in der Plösslgasse 2a vermittelt. Zu diesem Zeitpunkt ist sie bereits 68 Jahre alt.

Töchter und Enkelkinder bleiben im Ausland. Wanda Lanzer arbeitet bis zu ihrem Tod, als einzige Frau unter siebzehn Männern, als Mitherausgeberin an der Werkausgabe ihres Stiefvaters Otto Bauer. Wanda Lanzer stirbt 1980. Ihre Urne wird später nach Stockholm überstellt.

Die Abendschule überlebt den Nationalsozialismus – bis heute!

Nach dem 2. Weltkrieg nehmen die Sozialpartner als private Träger den Schulbetrieb auf Initiative von Arbeiterkammer und ÖGB neu auf. Ab 1947 werden die „Schulformen für Berufstätige“ nach und nach in das Schulorganisationsgesetz aufgenommen. Erst 1997 wird das Schulunterrichtsgesetz für Berufstätige geschaffen. Die von Wanda Lanzer gegründete Schule wechselte mehrmals den Standort. Heute heißt sie „Abendgymnasium Wien“ und ist nach vielen Jahren am Henriettenplatz nun in der Brünnerstraße, 1210 Wien, untergebracht.

Der zweite Bildungsweg heute

Heute gibt es in Österreich jährlich etwa 14.500 eingeschriebene AbendschülerInnen in allen Schulen für Berufstätige (BMHS und AHS). An der ehemaligen Arbeitermittelschule lernen im aktuellen Schuljahr 2.158 SchülerInnen, viele mit Migrationshintergrund. Die Ausbildung wird mittlerweile in Modulen, teilweise als Fernstudium, angeboten. Es ist der einzige Schulstandort Österreichs, an dem im Fach Türkisch als 2. Lebende Fremdsprache maturiert werden kann. Nach dem laufenden Schuljahr werden voraussichtlich bereits über 6.000 SchülerInnen an der Schule die Matura geschafft haben.

Große Töchter – verfolgt, verdrängt, vergessen

Durch die Einführung des zweiten Bildungswegs hat Wanda Lanzer tausenden Menschen Zugang zu höherer Bildung ermöglicht, ungeachtet ihrer Herkunft oder ihres Geschlechts. Bis heute ist keine Schule, keine Straße, kein Platz und kein Wiener Gemeindebau nach ihr benannt.

Weiterführende Information: Frauenstudienzirkel.net, Erwachsenenbildung.at


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