Wer rankt, schafft an – wie Wettbewerbsrankings den Standort schlechtreden

Max Mayerhofer und Miriam Rehm, 28. September 2016

miriam_rehm_foto_blogfoto_max_mayerhofer_blogThomas und Monika füllen einen Fragebogen aus. Thomas ist Manager eines internationalen Versicherungsunternehmens, Monika Angestellte im Einzelhandel. Die Fragen reichen vom österreichischen Kündigungsschutz über das Vertrauen in die Politik bis hin zur Unternehmensbesteuerung. Sie sind für die jährlichen Wettbewerbsrankings des World Economic Forum (WEF), und die beiden haben recht unterschiedliche Einschätzungen. Aber stopp: In Wirklichkeit wird Monika als Arbeitnehmerin vom WEF nicht gefragt, sondern nur Thomas, der Manager. Seine Meinungen werden mit anderen Daten vermischt als „das Ranking“ von Österreich präsentiert.

Sicht der ArbeitnehmerInnen ignoriert

Da nur ManagerInnen befragt werden, sind daraus entstehende Wettbewerbsrankings einseitig. Dabei spielen politische Interessen eine wesentliche Rolle: Fragen zur Effizienz des Staates, der Unternehmensbesteuerung oder der Lohnsetzung beispielsweise werden grundsätzlich anders beurteilt, wenn sie von politischen Absichten wie Steuersenkungen für Unternehmen oder einer Flexibilisierung der Löhne getrieben sind.

Außerdem stellt sich die Frage, ob die einzelwirtschaftliche Sicht von ManagerInnen überhaupt dazu in der Lage ist, den gesamtwirtschaftlichen Zustand der Volkswirtschaft zu beschreiben. Thomas wünscht sich vielleicht eine Lohnsenkung in seinem Unternehmen, also wird er im Fragebogen das Lohnniveau als zu hoch angeben. Werden aber die Löhne aller ArbeitnehmerInnen in Österreich gesenkt, können letztlich auch alle weniger konsumieren und die Kaufkraft sinkt – Thomas wird weniger Versicherungen unter die Leute bringen. Seine betriebswirtschaftliche Sicht ist damit ungeeignet, einen gesamtwirtschaftlich sinnvollen Rat zu geben.

Österreich hinter Botswana?

Die Befragungen führen dann auch zu paradoxen Ergebnissen. Als das neue WEF-Ranking (pdf) herauskommen, liest Thomas in der Zeitung, dass Österreich bei der Frage über die Verschwendung öffentlicher Ausgaben hinter Ländern wie Botswana, Ghana oder Ruanda auf Platz 54 von 138 Ländern liegt. In Bhutan oder dem Oman haben ManagerInnen laut Befragung ein größeres Vertrauen in Politik und Gesetzgebung als in Österreich. Und auch die Unabhängigkeit der Justiz scheint in Südafrika, Uruguay oder Katar besser gewährleistet zu sein.

Das überrascht sogar Thomas – so hatte er seine Antworten nicht gemeint! Aber in der Fragestellung war niemals von einem Vergleich mit anderen Ländern die Rede gewesen – der wurde vom WEF erst hineininterpretiert. Damit ist auch für ihn klar: Eine ernstzunehmende Vergleichbarkeit zwischen Ländern erlauben die Ergebnisse nicht.

Schlechtes Ranking, starke Wirtschaft?

Diese Befragungen werden mit harten Daten wie zum Beispiel dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) vermischt. Dabei bleiben aber wichtige Aspekte unbeleuchtet. Monika findet zum Beispiel, dass Arbeitslosigkeit und Beschäftigung zur Bewertung der österreichischen Wettbewerbsfähigkeit eine Rolle spielen sollten. Schließlich geben sie Auskunft darüber, wie die Situation am Arbeitsmarkt ist. In den Wettbewerbs-Index gehen diese Variablen allerdings nicht ein.

Wie sieht es nun aus, wenn das Ranking in Relation zum Wirtschaftswachstum des jeweiligen Landes gestellt wird? Es versagt sogar der elementarste Zusammenhang, der letztlich nachzuweisen versucht wird. Denn Abbildung 1 zeigt deutlich: Wer 2015 besser im Ranking abschnitt (also näher beim Spitzenplatz, der Nummer 1, liegt), hatte im Durchschnitt niedrigeres Wirtschaftswachstum.

Abbildung 1: WEF-Wettbewerbsranking und BIP pro Kopf Wachstumsraten, 2015

wettbewerbsrankings und wachstum

Anm: Gruppe „Advanced Economies“ nach WEF-Einteilung
Quelle: WEF (2015)

Das aber ist das genaue Gegenteil dessen, was das WEF eigentlich zeigen wollte: Dass nämlich das Ranking dazu in der Lage ist, Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität zu beurteilen. Genau dieser Zusammenhang stimmt in den Industriestaaten nicht, wie Abbildung 1 zeigt.

Widersprüchlich und unwissenschaftlich

Auch zwischen den Fragestellungen selbst gibt es Widersprüche: Während eine gute Kooperation zwischen ArbeitnehmerInnen und Unternehmen für positiv erachtet wird, bewertet das WEF zentrale Kollektivvertragsverhandlungen als negativ für die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes. Das gibt gerade für Länder wie Österreich, die eine hohe sozialpartnerschaftliche Kooperation in Form von Branchen-Lohnverhandlungen aufweisen, ein unstimmiges Bild ab.

Zudem werden Befragungsergebnisse, die stark von jenen der Vorjahre abweichen oder nicht ins Bild passen, vom WEF einfach “bereinigt“. Die Daten werden damit so zurechtgeschustert, wie es gerade benötigt wird. Das ist alles andere als ein sauberes und wissenschaftliches Vorgehen.

Wie sieht es wirklich aus?

Wettbewerbsrankings wie jene des World Economic Forum sind daher mit großer Vorsicht zu genießen, egal ob Österreich nun ein paar Plätze nach unten oder (wie dieses Jahr) nach oben rutscht. Die Rankings haben einen starken politischen Stallgeruch: Sie bestehen zu einem Gutteil aus Befragungen, bei denen ausschließlich ManagerInnen befragt werden, wichtige Daten werden außer Acht gelassen, und es wird nach Belieben zurechtgeschustert. Die Rankings spiegeln die Interessen von UnternehmerInnen wider und nicht, wie sie insinuieren, die objektive Wettbewerbsfähigkeit eines Landes. Sie sind dann auch der jährliche Anlass für ein großes Gejammer um den Zustand der österreichischen Wirtschaft – politische Forderungen nach Steuersenkungen, Förderungen und Deregulierung für Unternehmen folgen ihnen meist auf den Fuß.

Sieht man sich abseits des WEF-Wettbewerbsrankings einige Daten zur österreichischen Volkswirtschaft an, ergibt sich ein gänzlich anderes Bild: Da rangiert Österreich beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf seit rund 20 Jahren stabil unter den reichsten Volkswirtschaften Europas, und die Armutsgefährdung ist niedrig. Auch die heimische Industrieproduktion liegt weit über jener des Euroraum-Durchschnitts und damit im europäischen Spitzenfeld.

Natürlich gibt es viele wichtige Baustellen, an denen gearbeitet werden müsste: Die hohe Arbeitslosigkeit muss dringend adressiert werden; die Stagnation niedriger Einkommen wird ein immer größeres Problem, je länger sie andauert; die extrem niedrige Besteuerung von Vermögen bedingt die hohe Besteuerung von Arbeit; und die Flüchtlingskrise hat offengelegt, dass in der Sprachförderung und der Integration in den Arbeitsmarkt höchster Handlungsbedarf besteht. Aber diese Problemfelder sind klassische Interessenskonflikte, die mithilfe sauberer Daten und klarer Positionen ausdiskutiert werden müssen. Pseudowissenschaftliche Rankings helfen hier nicht weiter.