Was macht der 12-Stunden-Tag mit der partnerschaftlichen Teilung von Beruf und Familie?

Ingrid Moritz, 16. März 2017

Der 12-Stunden-Tag könnte einen massiven Rückschritt bringen. Nicht nur im Arbeitszeitrecht an sich, sondern auch in der Gleichstellung. Denn auch wenn noch große Unterschiede bestehen: Die Arbeitszeiten von Frauen und Männern haben sich in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich angenähert. Der 12-Stunden-Tag könnte diesen Trend verlangsamen oder sogar stoppen. Viele Frauen mit Kindern wären damit gezwungen ihre Arbeitszeit zu reduzieren oder die Erwerbstätigkeit ganz aufzugeben, weil sich sonst die Kinderbetreuung nicht mehr organisieren lässt, zumal die Männer aufgrund der langen Arbeitstage ausfallen. Es stellt sich allerdings die Frage, wie wirtschaftlich es ist, hoch qualifizierte Frauen mit Kindern aus dem Arbeitsmarkt zu drängen.

Angesichts des großen Arbeitszeitgaps zwischen Männern und Frauen wird oft vergessen, dass es seit Jahrzehnten einen steten Trend der Annäherung der Arbeitszeiten zwischen Frauen und Männern gibt. So wurde noch im Frauenbericht von 1975 angeführt:

„Das Problem der Frauenerwerbstätigkeit wird im Allgemeinen fast ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Bedürfnisse des Kindes gesehen, wobei die öffentliche Meinung noch immer davon ausgeht, dass es die erste und wichtigste Aufgabe der Frau ist, für Kinder zu sorgen ….. Dem Vater wird allgemein zugebilligt, dass er seiner Karriere zuliebe Frauen und Kinder vernachlässigt, sofern er nur für ihr materielles Wohl sorgt;“.

Anfang der 1960er-Jahre war Erwerbstätigkeit von Frauen vor allem unter jenen ohne Kinder verbreitet: Zu dieser Zeit hatten drei Viertel aller berufstätigen Frauen keine Kinder. 1969 sind hingegen bereits fast die Hälfte der berufstätigen Frauen Mütter. Dieser Anteil ist bis heute im Wesentlichen unverändert geblieben.

Schluss mit „Familienoberhaupt“

Erst seit Mitte der 1970er-Jahre ist der Mann nicht länger „Haupt der Familie“ und kann seiner Ehefrau nicht mehr verbieten, berufstätig zu sein. Das damalige Familienkonzept war einfach: Die Frauen geben nach der Geburt eines Kindes die Berufstätigkeit auf, um Kinderbetreuung und unbezahlte Hausarbeit zu übernehmen. Der Mann übernimmt die Verantwortung als Familienernährer. Das ist abgelöst worden durch die Vorstellung, dass der Mann der Hauptverdiener ist und die Frau dazu verdient. So gab es in den letzten Jahrzehnten einen starken Anstieg der Erwerbsbeteiligung von Müttern. Frauen unterbrechen mittlerweile kürzer und kehren vorrangig in Teilzeit auf den Arbeitsmarkt zurück. Das früher dominierende Ernährermodell wurde zum Zuverdienermodell.

Themen wie „Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ haben erst in den 1990er-Jahren zu boomen begonnen, „Partnerschaftliche Teilung von Betreuungspflichten“ ist noch später dazugekommen. Inhaltlich waren es Auseinandersetzungen über notwendige Verbesserungen im Bereich Kinderbetreuung und Schule, aber auch rechtliche Neuerungen, die eine Teilhabe von Vätern an der Kinderbetreuung ermöglichten. So wurde erst 1990 die Karenz für Väter rechtlich geöffnet. Immer mehr rückt die Debatte ins Zentrum, wie es gelingen kann, die bezahlte Arbeit zwischen Müttern und Vätern gleichmäßiger aufzuteilen.

Väter unfreiwillig in der Überstundenfalle

Um das zu ändern, gibt es noch viel zu tun. 2015 waren drei Viertel der Frauen mit Kindern unter 15 Jahren teilzeitbeschäftigt, wohingegen bei Männern das Merkmal Kind einen Rückgang der Teilzeit auf nur 7 Prozent bewirkt. Laut einer Befragung von berufstätigen Eltern mit Kindern bis 12 Jahren leisten rund die Hälfte der vollzeitbeschäftigten Väter regelmäßig Überstunden. Ist die Partnerin nicht erwerbstätig, werden besonders viele Überstunden geleistet: 40 Prozent dieser Vollzeitbeschäftigten leisten mehr als 10 Überstunden pro Woche.

Der vom Familienministerium durchgeführte Väterbarometer – eine repräsentative Befragung von 1.000 Vätern und 300 Arbeitgebern – zeigt, dass Väter sich ein Arbeitsleben wünschen, das mit dem Familienleben vereinbar ist. Gerade bei jungen Vätern zwischen 18 und 29 Jahren ist der Wunsch nach einer Arbeitszeitreduzierung zugunsten der Familie besonders stark: Sieben von zehn Befragten interessieren sich dafür. Fast die Hälfte der jungen Väter möchte die Arbeitszeit um bis zu 20 Prozent reduzieren.

12-Stunden-Tag verhindert partnerschaftliche Teilung

Die Wünsche der Eltern verdeutlichen die Chancen, die Rollenmuster aufzubrechen und Impulse in Richtung partnerschaftliche Lebensentwürfe zu setzen. Eine Arbeitszeitflexibilisierung mit einem generellen 12-Stunden-Tag würde die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern jedoch in die gegenteilige Richtung zurückdrehen. Die Logik, wonach sich ein Elternteil auf die Erwerbstätigkeit konzentriert und der andere Elternteil die Hauptverantwortung für die Kinderbetreuung übernimmt, wird durch überlange Arbeitszeiten verstärkt. Angesichts der Rahmenbedingungen mit Kindergärten, die vielfach bereits vor 15 Uhr schließen oder der Mehrzahl der Schulen, deren Öffnungszeiten auf Teilzeit ausgerichtet sind, sind durch die Forcierung von Überstunden und dem 12-Stunden-Tag Rückschritte bei der partnerschaftlichen Aufteilung von Beruf und Familie vorprogrammiert.

Es braucht gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die diese fördern und nicht konterkarieren. Kürzere und planbare Arbeitszeiten, ganztägige Betreuungsangebote und Anreize für eine ausgewogene Verteilung von Erwerbsarbeit zwischen Eltern könnten die Arbeitsteilung positiv beeinflussen.

12-Stunden-Tag: Zu kurz gedacht

Es ist zu kurz gedacht, den 12-Stunden-Tag als wirtschaftliche Notwendigkeit zu forcieren und dabei gleichzeitig gut qualifizierte Frauen mit Kindern aus der Erwerbstätigkeit hinauszukicken. Ist es wirklich wünschenswert, dass Männer wieder der Berufstätigkeit zuliebe ihre Kinder vernachlässigen und das Potenzial der Frauen auf die Kinderbetreuung reduziert wird? Die überwiegende Mehrzahl der Eltern will das nicht. Denn Männer wie Frauen wollen beides: Ihre Qualifikationen im Beruf umsetzen und Zeit mit ihren Kindern verbringen.


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