Verteilungstendenzen im Kapitalismus: Globale Perspektiven

Jakob Kapeller & Bernhard Schütz, 23. November 2015

foto_schuetzjakobkapellerDie einkommensstärksten 1% der Weltbevölkerung sind die großen Gewinner der letzten 20 Jahre Globalisierung. Ein wesentlicher Grund hierfür sind die starken Machtgefälle, die das derzeitige System erzeugt.

Betrachtet man die unterschiedlichen Versuche, die Verteilung von Einkommen und Vermögen zu erklären, so lassen sich diese grob daran unterscheiden, welche Rolle dem Faktor Macht zukommt.

Verteilung = Machtverhältnisse

Zu jenen Ökonomen, für die Macht eine bedeutende Rolle spielt, zählen etwa die ökonomischen Klassiker: So führte John Stuart Mill die Verteilung auf soziale Normen und Konventionen zurück und David Ricardo kritisierte die Macht von Großgrundbesitzern seiner Zeit. Auch Karl Marx, der Macht als zentralen Faktor hinter allen ökonomischen Abläufen verortete, sowie Vilfredo Pareto und Thorstein Veblen, deren Verteilungstheorien sich um sozialen Status und Elitenbildung drehten, stehen in dieser Tradition. Im 20. Jahrhundert hingegen wurde der Zusammenhang von Verteilung und Machtfragen eher in der Soziologie (z.B. durch Steven Lukes oder Pierre Bourdieu) weiterverfolgt als in der ökonomischen Literatur.

Verteilung = Wettbewerb + Faktorproduktivität

Eine alternative Erklärung für die beobachteten Verteilungstendenzen liefert die Mainstreamökonomie. Hier spielt Macht zwar auch eine Rolle, allerdings nur in der Form von Marktmacht und somit als etwas, das vollständig durch ökonomische Bedingungen erklärt werden kann. Im Idealfall eines Marktes auf dem vollkommener Wettbewerb herrscht, hat niemand Macht und die Verteilung ergibt sich rein aus den jeweiligen Faktorproduktivitäten (jedes Individuum bekommt genau so viel, wie es zur Gesamtwertschöpfung beigetragen hat). Verteilung wird hier also durch die Faktorproduktivität einzelner Produktionsfaktoren und die jeweils gültigen Wettbewerbsbedingungen erklärt.

Internationale Elite als größter Gewinner

Wie sieht es nun mit den empirischen Fakten zur globalen Verteilungsentwicklung aus? Für die letzten 20 Jahre zeigt sich (siehe Abbildung), dass das reichste 1% der Weltbevölkerung als absoluter Gewinner aus dieser Periode hervorgeht. Sein Einkommen wuchs in diesem Zeitraum um über 60%, was knapp einem Viertel der gesamten Einkommenszuwächse entspricht. Nimmt man die nächsten 4% auch noch dazu, so ergibt sich, dass die reichsten 5% der Weltbevölkerung über die Hälfte der gesamten Einkommenszuwächse für sich verbuchen konnten. Hohe Wachstumsraten wurden zwar auch rund um den globalen Median erzielt (vorwiegend im asiatischen Raum), allerdings ausgehend von einem sehr niedrigen Niveau, wodurch die absoluten Zugewinne bedeutend kleiner ausfallen. Stagnierende Einkommen sehen wir hingegen bei der gehobenen globalen Mittelschicht (hauptsächlich westliche Gesellschaften) und den ärmsten 10% (vorwiegend Afrika).

Entwicklung der globalen Einkommensverteilung

Quelle: Milanovic (2013, S. 202)

Quelle: Milanovic (2013, S. 202)

Mainstreamökonomie: Freier Handel zum Besten aller

Was sind nun die Mechanismen, die hinter diesen internationalen Entwicklungen stecken? Ein zentraler Faktor ist dabei jedenfalls der internationale Verkehr von Waren und Kapital, wobei hier Uneinigkeit darüber herrscht, wie dieser auf die Verteilung wirkt. Hier geht der Mainstream der Ökonomie davon aus, dass ein möglichst uneingeschränkter Verkehr im besten Interesse der Weltbevölkerung ist: Freier Handel sorgt dafür, dass jedes Land genau das produziert, worin es relativ gesehen am besten ist (komparativer Vorteil), was zu größtmöglicher Produktionseffizienz führt von der langfristig alle profitieren. Damit einhergehend nimmt man an, dass freier Handel auch zur internationalen Angleichung der Einkommen führt (Faktorpreisausgleichstheorem). Als Bedingungen für einen Aufholprozess ärmerer Länder sieht die Mainstreamökonomie neben dem Freihandel bzw. der Öffnung der Wirtschaft noch eine Reihe institutioneller Bedingungen als zentral: Demokratie, Sicherheit von Privateigentum, ein ausgebauter Finanzmarkt, Bildung und eine niedrige Staatsquote.

Freier Handel bedeutet Machtverschiebung

Ignoriert wird in dieser Sichtweise der bereits eingangs thematisierte Faktor Macht. So erlaubt freier Waren- und Kapitalverkehr, dass Konzerne ihre Produktion jederzeit dorthin auslagern können, wo Löhne sowie Arbeits- und Sozialstandards niedriger sind. Die damit einhergehende Machtverschiebung bewirkt in weiterer Folge stagnierende Reallöhne, Erosion von Arbeitsrecht und Arbeitsbedingungen sowie wachsende Ausbeutung im Norden wie im Süden (auch Billiglohnländer sind nicht davor gefeit, international unterboten zu werden). Internationale Direktinvestitionen schaffen wiederum Abhängigkeitsverhältnisse und ermöglichen Konzernen politischen Einfluss. Da die Gewinne aus diesen Investitionen üblicherweise abfließen, ist der Effekt auf das tatsächliche Nationaleinkommen oft bedeutend geringer als auf das Nationalprodukt. Bei veränderten Erwartungen und damit einhergehendem Abzug von Investitionen drohen außerdem Währungs- und Finanzmarktkrisen. Internationale Konzerne akquirieren durch ihre Investitionen nicht nur Kapitalgüter, sondern auch Ackerflächen, Rohstoffvorkommen, technische Patente und Nutzungsrechte von Pflanzen und tragen so zu einer umfassenden Privatisierung von öffentlichen Gütern bei. Zentrale Stichworte zur Beschreibung dieser Prozesse sind die „Landnahme“, also die private Aneignung von Gemeingütern mit unklaren Eigentumsrechten, sowie die „Kommodifizierung“, die die Vermarktlichung von zuvor marktfernen Gütern und Prozessen beschreibt.

Protektionismus: Ein historisch bewährtes Hilfsmittel

Die nahezu uneingeschränkt positive Sichtweise freien Handels innerhalb der Mainstreamökonomie überrascht auch insofern, als fast alle heute als entwickelt geltenden Länder im Laufe ihrer Geschichte wiederholt protektionistische Hilfsmittel verwendet haben (siehe hierzu Chang 2003). Hier zeigt sich jenes Muster, dass die technologieführenden Nationen jeweils für Freihandel eintraten (z.B. England 17.-18. Jh., USA 20. Jh), während zurückliegende Nationen ihre jungen Industrien vor ausländischer Konkurrenz schützten und auch ansonsten eine sehr aktive Rolle bei der Entwicklung dieser Industrien einnahmen (z.B. England 17. Jh., USA 18-19. Jh.). Dass diese Entwicklung heute oft nicht mehr technologisch getrieben ist, sondern durch die massiven globalen Standortunterschiede getrieben wird, zeigen etwa die jüngsten Rufe der europäischen Stahlindustrie nach einem Aufbau von Handelsbarrieren gegenüber fernöstlichen Produzenten.

Auch die jüngere Forschung zeigt, dass technologischer Fortschritt – gerade bei hochriskanten Innovationsversuchen mit hohen Kapitalerfordernissen – oftmals vom Engagement eines „starken Staates“ abhängig ist, der bereit ist grundlegende Forschungs- und Infrastrukturleistungen zu finanzieren. Hier wandelt sich also die Mär vom Vorteil eines „schlanken“, sich möglichst zurückhaltenden Staates endgültig zum Märchen. Weiters gibt die historische Analyse auch Anlass, die unterstellte Bedeutung bestimmter Institutionen für die wirtschaftliche Entwicklung kritisch zu hinterfragen: So zeigt sich etwa hinsichtlich der absoluten Priorität von Privateigentum, dass diese dann hinderlich ist, wenn wichtige Produktionsressourcen in zu konzentriertem Besitz sind. Ähnliches gilt für die Etablierung einer freihandelsorientierten Politik: Schließlich haben westliche Länder immer erst dann begonnen ihre Handelsströme zu liberalisieren, als ihre eigene wirtschaftliche Entwicklung bereits weit fortgeschritten war.

Was tun?

Macht spielt im Kapitalismus eine entscheidende Rolle Deshalb gilt es, den derzeitigen Diskurs über Freihandels- und Investitionsschutzabkommen genau aus dieser Perspektive zu überdenken, da die damit einhergehenden Machtverschiebungen zugunsten großer Konzerne mitunter massiv ausfallen könnten. Gleichzeitig gilt es, nach alternativen Konzepten zu suchen, die ausgleichend auf die gesellschaftlichen Machtverhältnisse wirken und dadurch mehr Raum für demokratische Gestaltung bieten.

Dieser Beitrag basiert auf dem Artikel „Verteilungstendenzen im Kapitalismus: Nationale und Globale Perspektiven“ erschienen im Kurswechsel 2/2015 und präsentiert am Momentum-Kongress 2015.