Ungleichheit und makroökonomische Instabilität: Eine Bestandsaufnahme

Jan Behringer, Thomas Theobald & Till van Treeck, 23. Dezember 2016

In den vergangenen Jahren rückte der Zusammenhang zwischen Einkommensverteilung und makroökonomischer Instabilität zunehmend in den Fokus der Forschung. In einem aktuellen Literaturüberblick werden ausgewählte Kanäle diskutiert: Steigende Einkommensungleichheit kann zur Entstehung außenwirtschaftlicher Ungleichgewichte beitragen, wenn in einzelnen Ländern die Schwächung der Massenkaufkraft entweder vermehrt eine kreditfinanzierte private Haushaltsnachfrage nach Konsum und Wohnungsbauinvestitionen (USA, Vereinigtes Königreich) oder eine Binnennachfrageschwäche mit steigenden Exportüberschüssen (China, Deutschland, Japan) zur Folge hat. Zudem weisen neuere empirische Studien darauf hin, dass steigende Einkommensungleichheit einen negativen Einfluss auf das Wirtschaftswachstum haben kann.

Einkommensungleichheit, Haushaltsverschuldung und die Finanzkrise

Viele ÖkonomInnen sind der Auffassung, dass im starken Anstieg der Einkommensungleichheit in den USA eine längerfristige strukturelle Ursache der Finanz- und Wirtschaftskrise zu sehen ist. Diese These lässt sich wie folgt zusammenfassen: Seit Beginn der 1980er Jahre ist die Lohn- und Einkommensungleichheit in den USA stark gestiegen. Während Haushalte am oberen Ende der Einkommensverteilung in den vergangenen Jahrzehnten deutliche Einkommenszuwächse erzielen konnten, sah sich die US-amerikanische Mittelschicht mit stagnierenden Gehältern bei einer zunehmenden Arbeitsplatzunsicherheit konfrontiert.

Die Einkommensgruppen unterhalb der SpitzenverdienerInnen konnten ihre relativen Kaufkraftverluste jedoch teilweise durch längere Arbeitszeiten, geringere Ersparnis und höhere Verschuldung kompensieren. Die Ausweitung der privaten Kreditvergabe bzw. die gezielte Förderung von Immobilienkrediten insbesondere für einkommensschwache Haushalte wurde durch deregulierte und innovative Finanzmärkte sowie eine expansive Zinspolitik erleichtert.

Dies hatte zwar vorübergehend eine Steigerung des privaten Konsums sowie der Wohnungsbauinvestitionen zur Folge und trug auch zur Entstehung neuer Arbeitsplätze bei. Die gelockerte Kreditvergabe führte jedoch zu einem Anstieg der Immobilienpreise sowie falschen Anreizen im Finanzsektor und hat die Gefahr einer privaten Schuldenkrise somit maßgeblich erhöht.

Eine ganz ähnliche Entwicklung lässt sich für das Vereinigte Königreich und einige andere Länder aus dem angelsächsischen Raum feststellen, die vor Beginn der Finanzkrise ebenfalls eine wachsende Ungleichheit und einen starken Anstieg der privaten Verschuldung verzeichneten. Der kreditfinanzierte private Nachfrageboom führte in diesen Ländern zu erheblichen Leistungsbilanzdefiziten, die zunächst zwar problemlos über die internationalen Kapitalmärkte finanziert werden konnten, dann aber mit zur globalen Finanzkrise ab 2007 beitrugen.

Makroökonomische Ungleichgewichte durch Anstieg der Ungleichheit

Quelle: Behringer et al. (2016), Gute Gesellschaft – Soziale Demokratie #2017plus, FES

In China, Deutschland und Japan ist die ökonomische Ungleichheit in den vergangenen Jahrzehnten ebenfalls kräftig angestiegen. Allerdings ging die Verschiebung der Einkommensverteilung in diesen Ländern mit einer relativ schwachen binnenwirtschaftlichen Entwicklung und zunehmenden Exportüberschüssen einher. Eine mögliche Erklärung für die unterschiedlichen makroökonomischen Entwicklungen ist, dass den unteren Einkommensgruppen in China und anderen Schwellenländern der Zugang zu Krediten durch ein unterentwickeltes Finanzsystem erschwert wurde. Infolgedessen ging der Anstieg der Ungleichheit in diesen Ländern mit einer Schwächung des privaten Konsums und nicht mit einer höheren Verschuldung einher. Die einkommensstarken Haushalte, die von der Umverteilung profitierten, erwarben daher für ihre gestiegenen Ersparnisse aufgrund fehlender Anlagemöglichkeiten im Inland vermehrt ausländische Finanztitel.

In Deutschland (und anderen Exportüberschussländern) ist der Anteil der Spitzeneinkommen an den gesamten Vorsteuereinkommen der privaten Haushalte (Topeinkommensquoten) weniger stark gestiegen als etwa in den angelsächsischen Ländern. Während die Unternehmen ihre steigenden Einnahmen in den USA oder im Vereinigten Königreich unter dem Druck der „Shareholder-Value-Orientierung“ und des „Markts für Manager“ jedoch an die Spitzenverdiener im Haushaltssektor weitergegeben haben, hat der Unternehmenssektor in Deutschland seine steigenden Gewinne während der 2000er Jahre in hohem Maße einbehalten. Die damit einhergehende schwache Entwicklung der Lohn- bzw. Haushaltseinkommen kann als eine Ursache für die schwache binnenwirtschaftliche Entwicklung und die hohe Exportabhängigkeit der deutschen Volkswirtschaft betrachtet werden.

Einkommensungleichheit und Wirtschaftswachstum

Grundsätzlich besteht in der Forschung kein Konsens über den Zusammenhang zwischen Einkommensverteilung und Wirtschaftswachstum. In einigen, bis zur jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise dominanten Ansätzen in den Wirtschaftswissenschaften wird von einem grundsätzlichen Zielkonflikt zwischen Effizienz und Gleichheit ausgegangen. Nach dieser Sichtweise spiegelt die Ungleichheit zwischen den Einkommenspositionen der privaten Haushalte deren marktgerechte Vergütung wider. Zudem wurde vermutet, dass Maßnahmen zur Umverteilung von Einkommen individuelle Leistungsanreize vermindern und mit Wachstumseinbußen verbunden sind.

Seit Mitte der 1990er Jahre prägt die wissenschaftliche Diskussion vor allem die empirisch orientierte Literatur, insbesondere aufgrund einer erheblichen Verbesserung der Datenlage. Die empirischen Studien vor der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise lassen zwar keine eindeutige Schlussfolgerung hinsichtlich des vermuteten Zusammenhangs zwischen Einkommensverteilung und Wirtschaftswachstum zu. Zuletzt wurde in der wissenschaftlichen Debatte allerdings zunehmend die Position vertreten, dass wachsende Einkommensungleichheit einen negativen Einfluss auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung hat.

Die jüngsten Forschungsarbeiten des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kommen zu dem Ergebnis, dass Länder mit höherer Einkommensungleichheit in den vergangenen Jahrzehnten ein geringeres Wirtschaftswachstum und kürzere Wachstumsphasen verzeichneten als Länder mit geringerer Einkommensungleichheit (unter Berücksichtigung anderer, das Wachstum beeinflussender Faktoren).

Geschätzte Effekte von Veränderungen der Einkommensungleichheit (Gini-Koeffizient der Nettoeinkommen) auf das kumulierte Pro-Kopf-Wirtschaftswachstum, 1990-2010 (Wachstumsrate, in Prozent)

Quelle: Behringer et al. (2016), Gute Gesellschaft – Soziale Demokratie #2017plus, FES, nach Cingano (2014)

Die Abbildung verdeutlicht die wachstumshemmenden Effekte steigender Einkommensungleichheit basierend auf Schätzungen der OECD. Demnach wäre das Wirtschaftswachstum bei gleichbleibender Einkommensungleichheit in Ländern wie den USA, dem Vereinigten Königreich oder Deutschland zwischen 1990 und 2010 um rund ein Fünftel höher gewesen. Dabei wird argumentiert, dass insbesondere die Einkommensungleichheit am unteren Ende der Verteilung von Bedeutung ist. Die Erklärung ist, dass einkommensschwache Haushalte bei steigender Ungleichheit weniger in Bildung investieren können, wodurch die soziale Mobilität und die Entwicklung des Humankapitals geschwächt werden.

Bei der Interpretation dieser Ergebnisse ist aus methodischer Sicht zwar Vorsicht geboten, da ein geringes Wirtschaftswachstum in einzelnen Ländern ebenfalls zum Anstieg der Ungleichheit beigetragen hat. Gegenwärtig erscheint es jedoch wahrscheinlich, dass zunehmende Ungleichheit zu einem schwächeren gesamtwirtschaftlichen Wachstum führt. So gibt es Anhaltspunkte dafür, dass die in vielen Ländern gestiegene Ungleichheit in einem ursächlichen Zusammenhang mit der Finanzkrise steht. In deren Folge glitten viele Länder in eine schwere Rezession ab, was erklären würde, warum die Ergebnisse der jüngeren Studien wieder vermehrt auf einen negativen Zusammenhang schließen lassen.

Fazit

Der Zusammenhang zwischen Einkommensverteilung und gesamtwirtschaftlicher Entwicklung ist komplex. Die jüngere Forschung liefert Hinweise, dass eine steigende Ungleichheit die makroökonomische Stabilität gefährdet, da eine stabile Konsum- und Binnennachfrage ohne eine entsprechende Einkommensentwicklung der Mittelschicht nicht zu gewährleisten ist. Im Vorfeld der internationalen Finanzkrise ab 2007 gelang in einigen Ländern über die zunehmende Verschuldung der privaten Haushalte im Inland bzw. über Exportüberschüsse gegenüber dem Ausland zwar eine Stützung der Nachfrage. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat jedoch die Grenzen dieser Wachstumsmodelle aufgezeigt. Für eine nachhaltige Erholung der Weltwirtschaft nach der Krise erscheint eine gleichmäßigere Einkommensverteilung in vielen Ländern als notwendig. Die Politik wäre deshalb gut beraten, wenn sie der Gefahr einer Verfestigung der Ungleichheit entgegenwirkt.

Dieser Artikel beruht auf einer längeren Fassung für die Reihe „Gute Gesellschaft – Soziale Demokratie #2017plus“ der Friedrich-Ebert-Stiftung und ist auch online verfügbar.