Einkommensungleichheit und Leistungsbilanzungleichgewichte als Krisenursache

Christian A. Belabed & Till van Treeck , 1. Juli 2014

vanTreeck_TillAlex_BelabedThomas Piketty’s neues Buch „Capital in the 21st Century“ hat eine intensive Diskussion über die strukturellen Ursachen und Effekte einer sich verschärfenden Ungleichverteilung – vor allem anhand von Topeinkommen – ausgelöst. In unserem jüngsten Forschungsprojekt beleuchten wir einen speziellen Aspekt, nämlich den Zusammenhang zwischen steigender Ungleichheit und Leistungsbilanzsalden: Obwohl die Ungleichheit allgemein steigt, ist die Form dieses Anstiegs je nach Land unterschiedlich, wodurch problematische Leistungsbilanzungleichgewichte entstehen können.

Im Mittelpunkt unseres Forschungsprojekts für das Institute for New Economic Thinking steht die Veränderungen in der personellen und funktionalen Einkommensverteilung sowie deren gesamtwirtschaftlichen Effekte. In einem makroökonomischen Modell und auf Basis von panelökonometrischen Schätzungen analysieren wir dabei den Zusammenhang zwischen Einkommensverteilung, privater Haushaltsverschuldung und außenwirtschaftlichen Ungleichgewichten.

Das „Modell USA“: Steigende Einkommensungleichheit, private Haushaltsverschuldung und Leistungsbilanzdefizite

Eine wachsende Zahl von ÖkonomInnen stimmt darin überein, dass der Anstieg der Ungleichheit vor allem am oberen Ende der Einkommensverteilung eine strukturelle Ursache der Krise ab 2007 in den USA darstellt.

Seit Beginn der 1980er Jahre ist der Anteil der Spitzeneinkommen an den gesamten Vorsteuereinkommen der privaten Haushalte (Topeinkommensquoten) stark angestiegen, auf ein Niveau wie zuletzt vor der Großen Depression in den 1930er Jahren. Die darunterliegenden Haushalte, deren Einkommen nur moderat oder gar nicht gestiegen sind, konnten ihre relativen Kaufkraftverluste allerdings zeitweise durch eine Kombination aus niedrigerer Sparquote, höherer Verschuldung und gestiegenem Arbeitsangebot kompensieren. So versuchten viele Haushalte, in ihrem Lebensstandard gegenüber den TopeinkommensbezieherInnen nicht allzu weit zurückzufallen.

Hierbei ging es nicht um extravagante Luxuswünsche, sondern um grundlegende Bedürfnisse der Mittelschicht. So müssen in den USA viele Bereiche der Daseinsvorsorge (Gesundheit, Bildung, etc.) privat finanziert werden, was vermehrt zu Statusvergleichen mit der sozialen Bezugsgruppe führt. Wenn beispielsweise die Kosten für das Wohnen in „guten“ Wohnvierteln und für „gute“ Bildung der Kinder durch die vermehrten Ausgaben der oberen Einkommensgruppen nach oben getrieben werden, stehen viele Familien selbst der gehobenen Mittelschicht vor schwierigen Zielkonflikten (z.B. relativ gute Bildung für die Kinder versus ausreichende Altersvorsorge). Angesichts zunehmend deregulierter Finanzmärkte und politischer Kreditförderung war der Anreiz für viele Haushalte groß, notwendige Ausgaben über eine reduzierte Ersparnis und höhere Kredite zu finanzieren.

Durch den kreditfinanzierten Konsum fielen Wachstum und Beschäftigung in den USA zwar lange Zeit vergleichsweise kräftig aus. Allerdings erhöhten sich hierdurch auch die makroökonomische Instabilität und die Gefahr einer privaten Schuldenkrise, die 2007-08 eintrat. Ähnliche Entwicklungen lassen sich für Großbritannien feststellen, wo es wie in den USA im Vorfeld der Krise zu einem starken Anstieg der Topeinkommensquoten, der privaten Haushaltsverschuldung und der Leistungsbilanzdefizite kam.

Das „Modell Deutschland“: Fallende Lohnquote, Binnennachfrageschwäche und Exportabhängigkeit

In anderen Ländern kam es ebenfalls zu deutlichen Verschiebungen in der Einkommensverteilung, allerdings mit ganz anderen makroökonomischen Auswirkungen.

In Deutschland ist vor allem die Lohnquote, also der Anteil der Arbeitseinkommen am gesamtwirtschaftlichen Einkommen, stark gefallen. Die zugleich kräftig steigenden Unternehmensgewinne wurden allerdings nicht in entsprechendem Maße an die privaten Haushalte weitergegeben, sondern zunehmend einbehalten. Hierdurch ist einerseits der Anteil der Spitzeneinkommen an den gesamten Haushaltseinkommen (Topeinkommensquoten) weniger stark gestiegen als in den angelsächsischen Ländern. Andererseits wurde die Binnennachfrage durch die anhaltenden Finanzierungsüberschüsse im Unternehmenssektor geschwächt.

Die privaten Haushalte reagierten gleichzeitig auf die stagnierenden Masseneinkommen mit Konsumverzicht. Im Vergleich zu den USA hängt dies u.a. mit einer geringeren Verschuldungsbereitschaft der privaten Haushalte, einer stärker ausgebauten öffentlichen Daseinsvorsorge und einem restriktiveren Zugang zu Krediten zusammen. Zudem war wegen der im Vergleich zu den USA weniger starken Polarisierung der Haushaltseinkommen am oberen Ende der Verteilung der Druck zu statusorientiertem Konsum in der oberen Mittelschicht weniger groß.

Im Ergebnis kam es zu einer einseitigen Abhängigkeit des Wachstums von den Nettoexporten und damit der steigenden Verschuldung des Auslands (Stichwort Eurokrise).

Eine in vielerlei Hinsicht ähnliche Entwicklung war in Österreich zu beobachten. Die Lohnquote ist in Österreich ähnlich stark gefallen wie in Deutschland. Der Anteil des privaten Konsums am Bruttoinlandsprodukt lag auf ähnlich niedrigem Niveau wie in Deutschland. Dies hat auch in Österreich zu einer starken Abhängigkeit von den Exporten geführt. Zwar konnten in letzter Zeit relativ gute Lohnabschlüsse erzielt werden, allerdings können sie die Entwicklung der letzten Jahrzehnte bei weitem nicht kompensieren.

Makroökonomische Analyse der Ungleichheit

Die am Beispiel der USA und Deutschland skizzierten unterschiedlichen Muster der Ungleichheit und ihre makroökonomischen Effekte finden sich zu einem gewissen Grad auf internationaler Ebene wieder.

Interessanterweise zeigt ein Blick auf die G7-Länder und China, dass die Lohnquote in jenen Ländern besonders stark gefallen ist, wo die Top-Einkommensanteile weniger stark gestiegen sind:

Zusammenhang Lohnquote – Topeinkommen

Alle Veränderungen beziehen sich auf den Zeitraum 1980/3-2004/7 (Vierjahresdurchschnitte) mit Ausnahme von Großbritannien (1984/7-2004/7) und China (1992/5-2000/3).

Quelle: Behringer et al. (2014). Alle Veränderungen beziehen sich auf den Zeitraum 1980/3-2004/7 (Vierjahresdurchschnitte) mit Ausnahme von Großbritannien (1984/7-2004/7) und China (1992/5-2000/3).

Gleichzeitig ist der Finanzierungssaldo der Unternehmen dort besonders stark gestiegen, wo die Top-Einkommensanteile relativ moderat gestiegen und die Lohnquoten relativ stark gefallen sind.

Zusammenhang Unternehmensfinanzierungssaldo – Topeinkommen

Alle Veränderungen beziehen sich auf den Zeitraum 1980/3-2004/7 (Vierjahresdurchschnitte) mit Ausnahme von Großbritannien (1984/7-2004/7) und China (1992/5-2000/3).

Quelle: Behringer et al. (2014). Alle Veränderungen beziehen sich auf den Zeitraum 1980/3-2004/7 (Vierjahresdurchschnitte) mit Ausnahme von Großbritannien (1984/7-2004/7) und China (1992/5-2000/3).

In unserer Analyse der Bestimmungsfaktoren für Leistungsbilanzsalden folgern wir für eine Gruppe von 20 Ländern für den Zeitraum vor der Krise ab 2007, dass ein Rückgang des Anteils der Löhne am Bruttoinlandsprodukt tendenziell zu einer Schwächung der Binnennachfrage und zu einem Anstieg des Leistungsbilanzsaldos geführt hat. Ein Anstieg der Ungleichheit innerhalb des Haushaltssektors hat hingegen tendenziell zu geringerer Haushaltsersparnis und Leistungsbilanzdefiziten beigetragen.

In jedem Land hat die ökonomische Ungleichheit ein anderes Gesicht. Eine enge Fokussierung auf Topeinkommensquoten oder allgemeine Maße der personellen Ungleichheit greift daher für einen internationalen Vergleich zu kurz. Vielmehr bedarf es einer makroökonomischen Analyse der Einkommensverteilung unter Berücksichtigung der gesamtwirtschaftlichen Sektoren. Je nach Land zeigt sich ein Anstieg der Einkommensungleichheit eher in der Verteilung zwischen den privaten Haushalten oder in der Verteilung zwischen Haushalts- und Unternehmenssektor. Und je nach sozialen Normen und Institutionen haben Veränderungen in der Einkommensverteilung unterschiedliche Auswirkungen auf die makroökonomische Entwicklung eines Landes.

Über den Mitautor:

Till van Treeck ist Professor für Sozialökonomie an der Universität Duisburg-Essen und Mitglied der Koordinierungsgruppe des Forschungsnetzwerks Makroökonomie und Makropolitik (FMM).