Ungleichheit macht krank – besonders Migrant_innen

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Josef Wallner, 11. Februar 2015

Josef WallnerDass Ungleichheit und Armut ungesund sind, wissen wir eigentlich schon längst. Der sarkastische Kalauer „Lieber reich und gesund als arm und krank“ spricht ja davon. Und zudem gibt es dazu ausreichend empirische Evidenz. Dass MigrantInnen davon ganz besonders betroffen sind, überrascht auch nicht besonders, bisher gab es jedoch noch keine systematische Erforschung des Themenkomplexes Gesundheit und Migration. Nun liegt dazu eine Literaturstudie der „Gesundheit Österreich GesmbH“ vor, die im Auftrag von Arbeiterkammer Wien und Gesundheitsministerium erstellt worden ist.

Das Gesundheitssystem ist ein zentraler Bereich jedes funktionierenden Sozialstaates

Jedes System ist aber nur so gut, wie sehr es in der Lage ist, seine AdressatInnen zu erreichen. Und dazu zählen immer stärker eben auch Menschen, die nicht schon seit Generationen im Land leben. In Österreich als Einwanderungsland betrifft das immerhin schon jede/n Fünfte/n, in Wien sogar 40 Prozent der Bevölkerung. Nachdem aus anderen Studien hervorgeht, dass sich die Situation von MigrantInnen in vielen Lebensbereichen ungünstiger darstellt als jene der Gesamtbevölkerung (vgl. z.B. die im Auftrag der Arbeiterkammer Wien erstellte Studie „Beschäftigungssituation von Personen mit Migrationshintergrund in Wien“, von Andreas Riesenfelder/Susanne Schelepa und Petra Wetzel, Wien 2011), lag es nahe, auch den Gesundheitsbereich näher zu untersuchen. Die wichtigsten Fakten zeigen:

MigrantInnen sind sozial schlechter gestellt und weniger gesund

Generell zeigt die ausgewertete Literatur nicht nur für Österreich, dass ein schwacher sozioökonomischer Status mit einer schlechteren Gesundheitslage einhergeht. Das hat viele Gründe: höhere Arbeitsbelastung, geringeres Einkommen, schlechtere Ernährung. Vor allem der erhöhte psychische Druck durch kaum vorhandene Autonomie am Arbeitsplatz macht verstärkt krank. MigrantInnen sind nun deutlich mehr als die Gesamtbevölkerung solchen negativen Arbeits- und Sozialbedingungen ausgesetzt. Fast die Hälfte der eingebürgerten Menschen mit Migrationshintergrund und 60 Prozent der ausländischen StaatsbürgerInnen (ohne EU/EFTA) arbeiten als Hilfskräfte mit niedrigem Einkommen (ohne Migrationshintergrund: „nur“ 17%). Das trifft vor allem Menschen mit den Herkunftsregionen Türkei und Exjugoslawien.

Die Auswirkungen werden z.B. an folgenden Aussagen deutlich (Quelle: ATHIS-Gesundheitserhebung 2006/2007):

Tabelle_Athis_Daten

Der Zugang zum Gesundheitssystem ist für MigrantInnen schwieriger

Auch wenn für sozialversicherte MigrantInnen der Zugang zum Gesundheitssystem über die E-Card eigentlich schnell und einfach geht, gibt es für sie besondere Hürden, um im Gesundheitssystem zurecht zu kommen, dazu zählen:

  • Sprachliche Barrieren.
  • Kulturelle Barrieren und Tabus.
  • Unterschiedliche Auffassungen von Krankheit, etwa ein ganzheitlicher Ansatz im Gegensatz zur isolierten Behandlung von einzelnen Beschwerden, was im Gesundheitssystem der westlichen Industrieländer verbreitet ist.

Zwei für die Gesundheitsvorsorge wichtige Untersuchungen machen den Unterschied im Zugang zum System deutlich (Quelle: ATHIS-Gesundheitsbefragung Untersuchung, Statistik Austria 2006/2007):

Eine Mammografie-Untersuchung im Jahr vor der Befragung haben … besucht:

  • 52 % der Frauen mit Migrationshintergrund (Türkei und Ex-Jugosl., Alter: 40 plus)
  • 70 % der Frauen ohne Migrationshintergrund (Alter: 40 plus)

Eine Prostata-Untersuchung im Jahr vor der Befragung haben … besucht:

  • 18 % der Männer mit Migrationshintergrund (Türkei und Ex-Jugosl., Alter: 40 Plus)
  • 51 % der Männer ohne Migrationshintergrund (Alter: 40 Plus)

Diskriminierung ist ein Krankmacher aber Tabuzone für die Forschung?

Während es in klassischen Einwanderungsländern wie etwa den USA oder Kanada schon umfangreiche Studien zum Zusammenhang zwischen Diskriminierungserfahrungen und dem gesundheitlichen Wohlbefinden gibt, gibt es in Österreich bisher nur eine Studien zu bosnischen Jugendlichen. Diese belegt, dass Diskriminierungserfahrungen dieser Jugendlichen mit gesundheitlichen Problemen einhergehen. Studien aus klassischen Einwanderungsländern weisen darauf hin, dass sich Diskriminierungserfahrungen stärker negativ auf die Gesundheit auswirken als etwa ein niedrigeres Einkommen. Aus Gesprächen mit Betroffenen geht hervor, dass es vor allem um die allgemeinen gesellschaftlichen Diskriminierungserfahrungen geht, die nachhaltig „kränken“ und auf Dauer durch negativen Stress psychisch und psychosomatisch auch tatsächlich krank machen.

Mehr Diversität im Gesundheitswesen gebraucht

Die Studie zeigt aber auch, dass es in Österreich durchaus schon eine Vielzahl an Unterstützungseinrichtungen und einige Ansätze für Diversität im Gesundheitswesen gibt. Exemplarisch zeigen dies drei von über 80 erhobenen Beispielen:

  •  migrant-friendly hospitals: Unter diesem Titel wurde ein EU-Pilotprojekt in 12 EU-Mitgliedsstaaten durchgeführt. In Österreich war das Kaiser-Franz-Josef-Spital in Wien beteiligt. Ziel war, Diversitätsorientierung im Spital einzuführen. Damit soll die Spitalsdienstleistung auch unter der Bedingung einer zunehmend kulturell diversen Klientel gut bewältigbar werden.
  • Projekt Nachbarinnen: Dieses niederschwellige Projekt für Menschen mit Migrationshintergrund soll helfen, interkulturelle Barrieren leichter zu  überwinden. Außerdem sollen Selbsthilfekompetenz und Gesundheitsbewusstsein gestärkt werden.
  • MiMi-GesundheitslotsInnen: In einem zertifizierten Lehrgang werden sozial engagierte MigrantInnen zu „GesundheitslotsInnen“ ausgebildet (Themen: Gesundheitssystem, Gesundheitsbewusstsein, migrationsspezifische Problemstellungen).

Was muss nun weiter geschehen?

Wenn von 100 in Österreich lebenden Menschen bereits 20 einen sogenannten „Migrationshintergrund“ haben, dann muss die Gesundheitsreform dieses Thema explizit aufgreifen.

Vorsorge heißt nicht nur Verhaltensprävention sondern vor allem Prävention der Verhältnisse: Weil Gesundheit und Wohlbefinden vor allem mit der sozialen und wirtschaftlichen Lage der Menschen und mit der Situation am Arbeitsplatz eng zusammenhängen, muss eine moderne Gesundheitspolitik besonders diejenigen mit einbeziehen, die mit weniger Einkommen, weniger Bildung und oft bedingt durch ein hartes Arbeitsumfeld besonders mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen haben. Und: eine inklusive Wirtschafts-, Sozial-, Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik ist die Grundlage jeder erfolgreichen Gesundheitspolitik.

Mehr Diversität im Gesundheitswesen: Wenn die Gesellschaft vielfältig ist, müssen das auch ihre Institutionen werden. Auch das Gesundheitssystem. Da passiert auch schon einiges, es fehlt aber ein durchgängiges Prinzip in Personalisierung, Organisation und Kommunikationswesen. Für die PatientInnen braucht es Erleichterungen beim Zugang. Bisher gibt es dafür einzelne Modelle. Jetzt wäre es Zeit für den nächsten Schritt zu einem Gesamtkonzept. Die Erfahrungen von Pilotprojekten wie den „migrant-friendly hospitals“ könnten dabei als Anregung genutzt werden.

Gute Rahmenbedingungen für die Beschäftigten im Gesundheitswesen: Das Wichtigste in jedem System sind die Menschen, die es tragen. Die Beschäftigten im Gesundheitssystem tragen die Herausforderungen einer sich immer stärker diversifizierenden Gesellschaft bereits jetzt mit großem Engagement. Sie brauchen aber zusätzliche Unterstützung. Dazu zählen entsprechende Aus- und Weiterbildungsangebote aber auch eine entsprechende Organisationsanpassung des Arbeitsalltags, die den neuen Herausforderungen Rechnung trägt. Und außerdem braucht es zusätzliche personelle Unterstützung um den Mehraufwand aufzufangen. Hier sind die Spitalsverwaltungen gefordert und die öffentlichen Kassen, denn diese Verbesserungen kosten auch Geld.

Systematisierung und Ausbau von Projekten „Hilfe zur Selbsthilfe“: Praxisprojekte wie „MiMi-GesundheitslotsInnen“ oder „Nachbarinnen“, die der Stärkung von Gesundheitsbewusstsein von Menschen mit Migrationshintergrund und der Selbsthilfekompetenz bei Überwindung von kulturellen Schranken dienen, müssen unterstützt und ausgebaut werden.

Schließen der Forschungslücken: Die Studie gibt einen ersten Überblick über die Aufgaben und Herausforderungen, die ein Gesundheitssystem auch gegenüber den Patientinnen und Patienten mit Migrationshintergrund leisten muss. Sie zeigt aber auch, dass noch viel Forschungsbedarf besteht, um genauer Bedürfnisse und Möglichkeiten für das Gesundheitssystem im Umgang mit Migrantinnen und Migranten festzustellen.