Wie geht’s der Umwelt? Die ökologische Dimension der Wohlstandsmessung

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Florian Wukovitsch, 5. Februar 2015

Nachdem in den letzten beiden Tagen ein Überblicksartikel zu ‚Wie geht’s Österreich‘ und ein vertiefender Beitrag zur Messung von Wohlstand und Lebensqualität erschienen sind, wird nun die Entwicklung ausgewählter Umweltindikatoren in den Blick genommen. Es zeigt sich, dass Österreich bei einer aggregierten Betrachtung in manchen Bereichen wie erneuerbarer Energie oder biologischer Bodenbewirtschaftung schon heute gut aufgestellt ist, in anderen jedoch auch im europäischen Vergleich noch entschlossenes umweltpolitisches Vorgehen nötig ist. Im Sinne einer Wohlstandsorientierung der Politik sollten in Zukunft darüber hinaus die Verteilungswirkungen von Ressourcenmanagement und Umweltschutz stärker berücksichtigt werden.

Ergänzung sozioökonomischer Indikatoren im Sinne ökologischer Nachhaltigkeit

Bereits die Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission, auf deren Ergebnisse die Entwicklung von Wie geht’s Österreich aufbaut, hat die Wohlstands- und Fortschrittsmessung um Aspekte ökologischer Nachhaltigkeit ergänzt. Umweltschutzmaßnahmen und die Reduktion des Ressourcenverbrauchs können zwar im Konflikt mit kurzfristigen Konsuminteressen der heute lebenden Generation stehen, sind nach derzeitigem Wissensstand aber für die langfristige Sicherung von Lebensqualität und Wohlstandspotenzialen unumgänglich. Daneben sind allerdings schon heute Ressourcenverbrauch und Umweltverschmutzung sozial ungleich verteilt. In diesem Sinne wird beispielsweise mit dem Begriff Umweltgerechtigkeit seit einigen Jahren auch im deutschen Sprachraum die (sozial-)räumliche Verteilung von Umweltgütern und Umweltbelastungen problematisiert.

Im Rahmen der Wohlstandsmessung ist zur Beurteilung der Umweltsituation mangels klar definierter und international vergleichbarer Indikatoren jedoch zunächst ein pragmatisches Vorgehen der nationalen Statistikämter erforderlich. Die Statistik Austria hat Indikatoren ausgewählt, für die bereits nationale Daten vorliegen und die teilweise auch im Rahmen europäischer politischer Strategien wie Europa 2020 oder der EU-Strategie für nachhaltige Entwicklung eine Rolle spielen. Diese werden in die Dimensionen Ressourcenverbrauch, Verkehr und Mobilität, Klimawandel und Emissionen, monetäre Umweltdaten sowie Energie gegliedert. Es wäre wünschenswert, diese aggregierten Daten in Zukunft um Verteilungsaspekte zu ergänzen und damit eine stärkere Verknüpfung mit den Dimensionen von materiellem Wohlstand und Lebensqualität herzustellen. Zu diesem Zweck müsste aber zunächst das entsprechende Instrumentarium verfeinert werden.

Ausbau einer guten Ausgangsbasis seit 1995

In mancherlei Hinsicht konnte Österreich eine im Vergleich der EU-28 gute Ausgangsbasis seit dem EU-Beitritt weiter ausbauen. So haben sich die Flächen mit biologischer Bewirtschaftung oder Naturschutzmaßnahmen seit 1995 verdoppelt. Nach Schweden, Lettland und Finnland ist der Anteil erneuerbarer Energieträger schon heute am vierthöchsten in der EU, mit 32 Prozent wird der im Rahmen von Europa 2020 festgelegte Zielwert von 34 Prozent bereits annähernd erreicht. Die Grundlagen dafür wurden aber bereits vor Jahrzehnten mit dem Ausbau der Wasserkraft gelegt.

Auch die Gesamtenergieeffizienz konnte in den letzten Jahren gesteigert werden, mit Ausnahme des Krisenjahres 2009 ist der Energieverbrauch pro Wertschöpfungseinheit seit 2005 stetig gesunken. Die Feinstaubbelastung zeigt seit 1995 einen langfristig rückläufigen Trend, wenn auch insbesondere die EinwohnerInnen von Wien und Graz weiterhin tageweise von einer Überschreitung der Grenzwerte betroffen sind. Ebenso nehmen die CO2-Emissionen von neuzugelassenen Pkw in den letzten Jahren rapide ab.

Problematische Entwicklung des Ressourcenverbrauchs

Diese positiven Entwicklungen sollen aber nicht über den umweltpolitischen Handlungsbedarf hinwegtäuschen. Ressourcenseitig fällt zunächst der hohe inländische Materialverbrauch pro Kopf auf, innerhalb der EU liegt Österreich damit an fünfter Stelle. Lässt sich diese Position neben der überdurchschnittlichen Wirtschaftsleistung noch mit geographischen und klimatischen Faktoren – alpine Landschaft, geringe Bevölkerungsdichte, hohe Temperaturschwankungen – erklären, scheint die Entwicklung von Flächenverbrauch und -versiegelung durchaus problematisch. Seit 2001 ist der Flächenverbrauch in Österreich insgesamt viermal so stark gewachsen wie die Bevölkerung. Mit einer Neuinanspruchnahme für Bau- und Verkehrsflächen in Höhe von 7,2 Hektar pro Tag und einer Versiegelung von 4,3 Hektar pro Tag im Durchschnitt der Jahre 2009 bis 2012 lagen beide Werte deutlich über den Zielen, die laut Nachhaltigkeitsstrategie des Bundes aus dem Jahr 2002 bereits 2010 erreicht werden sollten.

Weiterhin Handlungsbedarf bei Treibhausgasemissionen und Energie

Bei den Treibhausgasemissionen konnten die internationalen Vereinbarungen (Kyoto-Protokoll) nur durch den Zukauf von Emissionsrechten aus dem Ausland eingehalten werden. Sollten im Durchschnitt der Jahre 2008-2012 höchstens 68,8 Mio. Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr emittiert werden, lagen die tatsächlichen Emissionen jenseits der 80 Mio. Marke. Auch wenn nach Jahren stetigen Anstiegs der Emissionen 2006 eine Trendwende erfolgt ist, muss Österreich darüber hinaus eine Reduktion von 16 Prozent im sogenannten Nicht-Emissionshandelssektor erreichen (gegenüber 2005, gemäß der Europa 2020-Ziele). Ohne verstärkte Bemühungen wird dieses Ziel aller Voraussicht nach verfehlt werden.

Eng verbunden mit Treibhausgasemissionen ist die Energieversorgung, die weiterhin stark von fossilen Energieträgern abhängt. Der energetische Endverbrauch misst dabei die Energie, die Österreichs Haushalten und Wirtschaft zur Nutzung für Elektrizität, Raumwärme und Verkehr zur Verfügung steht. Hat dieser im Durchschnitt der EU-28 zwischen 1995 und 2012 lediglich um 2,4 Prozent zugenommen, lag der Anstieg in Österreich in diesem Zeitraum bei 32,2 Prozent. Um den Zielwert von 1050 Petajoule im Jahr 2020 zu erreichen, müsste der Verbrauch von nun an um 0,9 Prozent pro Jahr sinken. Trotz der weitgehenden Stabilisierung des energetischen Endenergieverbrauchs wird auch dieses Ziel ohne große Anstrengungen kaum zu erreichen sein.

Verkehr als negativer Ausreißer im Vergleich der EU-15

Der Verkehrssektor hatte mit 32,6 Prozent im Jahr 2013 den größten Anteil am energetischen Endverbrauch. Mit Ausnahme Luxemburgs ist Österreich das einzige EU-15 Land, in dem der Energieverbrauch des Verkehrs im Zeitraum 1995-2012 massiv zugenommen hat. Liegen Deutschland, Dänemark, Frankreich, Italien, Schweden und das Vereinigte Königreich teilweise deutlich unterhalb der durchschnittlichen Zuwachsrate in den EU-28 (14,7 Prozent), hat der Energieverbrauch des Verkehrs in Österreich mit 43,8 Prozent in diesem Zeitraum sogar stärker zugenommen als das BIP (40,1 Prozent). Zwar ist diese Entwicklung auch der im Zuge der Ostöffnung und –erweiterung zunehmenden Bedeutung Österreichs als Transitland und dem durch niedrige Kraftstoffpreise verursachten Tanktourismus geschuldet. Ein entschiedeneres Vorgehen bei der Verlagerung des Transportaufkommens auf die Schiene wäre dennoch sinnvoll, um diesen Trend zu ändern.

Diese Aspekte verdeutlichen ein Kernproblem in der Entwicklung des österreichischen Verkehrsaufkommens. Während die Transportleistung des Lkw-Verkehrs (in Tonnen-km) von 1995 bis 2012 um 65,2 Prozent angestiegen ist, verzeichnete die Verkehrsleistung im Pkw-Verkehr (in Personen-km) mit 19,3 Prozent einen vergleichsweise moderaten Zuwachs. Auch das 2004 für Lkw eingeführte ‚Road pricing‘ auf dem hochrangigen Straßennetz konnte an diesem Trend wenig ändern. Zwischen 1995 und 2012 ist der Anteil des Transports auf der Straße sogar auf Kosten von Bahn und Schifffahrt von 62,2 auf 65,5 Prozent gestiegen.

Komplexität monetärer Indikatoren

Die letzte Gruppe der umweltbezogenen Indikatoren beschäftigt sich mit monetären Daten, also Umweltschutzausgaben, dem Ökosteueraufkommen und der Größe der Umweltwirtschaft. Diese lassen sich allerdings meist erst nach eingehender Beschäftigung mit der Abgrenzung des jeweiligen Indikators interpretieren. So können hohe Ausgaben für Umweltschutz auch ein hohes Niveau erforderlicher nachsorgender Maßnahmen anzeigen. Bei der Beurteilung der Ökosteuerwirkungen ist demgegenüber der Vergleich innerhalb der EU erschwert, weil gewünschte Effekte gleichermaßen durch Steuern oder Gebühren erzielt werden können. Die Größe der Umweltwirtschaft wiederum wird zwar seit 2011 für alle EU-Mitgliedstaaten nach einer einheitlichen Methode ermittelt. Da sie jedoch in keinem eindeutigen Zusammenhang mit nachhaltiger Entwicklung steht, scheint auch hier bei der Interpretation der Daten Zurückhaltung geboten.

Zum Abschluss ein vorsichtig optimistisches Fazit…

Quelle: Statistik Austria (2014), S. 155.

Quelle: Statistik Austria (2014).

Abschließend lässt sich festhalten, dass manche Entwicklungen durchaus Grund für Optimismus geben. Dass der inländische Materialverbrauch für einzelne Jahre bereits eine absolute Entkopplung vom Konsum der privaten Haushalte aufweist, also bei gleichzeitigem Wachstum des Konsums sinkt, zeigt, dass zunehmender Wohlstand nicht zwangsläufig zu einem verstärkten Ressourcenaufkommen führt. Ebenso zeigen die Treibhausgasemissionen eine Entkopplung vom Konsum, die Emissionen lagen im Jahr 2012 nur marginal über dem Wert von 1995 (80,1 Mio. vs. 79,7 Mio. Tonnen CO2-Äquivalente). Der energetische Endverbrauch konnte seit 2005 in absoluten Einheiten immerhin weitgehend stabil gehalten werden, was eine zunehmende Entkopplung nahelegt. Einzig die Transportleistung des Lkw-Verkehrs gibt in dieser Graphik wenig Anlass zur Hoffnung, dass eine Entkopplung in Reichweite ist.

…und ein Wunsch nach Ergänzung im Sinne der Wohlstandsmessung

Die im Titel formulierte Frage ‚Wie geht’s der Umwelt?‘ gibt bereits einen Hinweis auf die Grenzen der bestehenden Datenlage, wenn damit eine Wohlstandsorientierung der Politik unterstützt werden soll. So bedeutsam die Darstellung des aggregierten ‚Umweltkonsums‘ für eine Analyse der ökologischen Nachhaltigkeit ist, so wünschenswert wäre im Sinne einer Wohlstands- und Fortschrittsmessung eine stärkere Ausdifferenzierung dieser Makroperspektive. Umweltgüter und Umweltnutzung sind räumlich und sozial ungleich verteilt. Offen ist daher die Frage, wie es den in Österreich lebenden Menschen mit ‚der Umwelt‘ geht (abgesehen von der Zufriedenheit mit der Wohnumgebung, die als Dimension der Lebensqualität abgefragt wird).

Die AK hat bereits 2012 in einer Publikation auf die einkommensabhängigen Chancen bei Energiekonsum, Mobilität und Raumnutzung hingewiesen. Insbesondere Energiearmut wird angesichts stagnierender Realeinkommen und steigender Energiepreise seit einigen Jahren auch in Industrieländern wieder als soziales Problem wahrgenommen, Haushalte mit niedrigen Einkommen können sich Investitionen in Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz oft nicht leisten. Ebenso sind Pendlerhaushalte mit relativ geringen Einkommen, die auf das Auto angewiesen sind, überdurchschnittlich von einer Verteuerung des motorisierten Individualverkehrs betroffen. Um politisches Handeln am Wohlstand ausrichten zu können, sollten daher die Verteilungswirkungen von Ressourcenmanagement und Umweltschutz zukünftig stärker in den Blick genommen werden.