Typisch Mann? Geschlechtsbezogene berufliche Segregation

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Michael Mesch, 15. Dezember 2016

Michael Mesch, Lohnpolitik, Automatisierung, Beschäftigung, Wirtschaftsgeschichtem, Keynesianismus, BerufsstrukturGeschlechtsbezogene berufliche Segregation bedeutet, dass bestimmte Branchen, Berufe, betriebliche Funktionen (zB leitende Funktionen) und Tätigkeiten von Frauen bzw. Männern dominiert werden. Sie hat eine ungleiche Verteilung von Erwerbs-, Berufs-, Einkommens– und Lebenschancen für Frauen und Männer zur Folge. Der Abbau dieser besonderen Form der Arbeitsmarktsegregation ist eines der Ziele der Gleichstellungspolitik.

Horizontale und vertikale geschlechtsbezogene berufliche Segregation

Horizontale Segregation bedeutet, dass sich der Arbeitsmarkt horizontal in von Frauen bzw. Männern dominierte Branchen, Berufe und Tätigkeiten untergliedern lässt. Unterschieden werden stark segregierte Frauenberufe (Anteil der Frauen über 85%), segregierte Frauenberufe (67% bis 85%), Mischberufe (33% bis 66%), segregierte Männerberufe (15 bis 33%) und stark segregierte Männerberufe (weniger als 15% Frauen).

Vertikale Segregation spricht die Ungleichverteilung von Frauen und Männern auf verschiedenen betrieblichen Hierarchieebenen an, insbesondere die Unterrepräsentierung von Frauen unter den Führungskräften (berufliche Dimension) und speziell auf der obersten Ebene der Führungspositionen (funktionale Dimension). Nach wie vor werden Frauen viel zu oft Karrierewege auf leitende Positionen durch informelle und oft unsichtbare Barrieren (die sog. gläserne Decke) versperrt.

Horizontale und vertikale Segregation stehen in einem engen Zusammenhang, denn die Chancen auf gute Positionen (mit hohem Entgelt, großem Ausmaß an Selbstbestimmung, hohem gesellschaftlichen Status, großer Arbeitsplatzsicherheit) – insbesondere auf eine hoch qualifizierte oder leitende Funktion – bzw. schlechte Positionen (mit niedrigem Entgelt, geringer Entscheidungsbefugnis, niedrigem sozialen Status, ungünstigen Arbeitszeiten und geringer Arbeitsplatzsicherheit) sind je nach dem ausgeübten Beruf sehr unterschiedlich.

Einige Fakten zur Lage in Österreich

geschlechtsbezogene berufliche Segregation Österreich 2013

Datenquelle: Statistik Austria (Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung). *gemäß ILO-Konzept (ab 1 Arbeitsstunde pro Woche) ab 15 Jahren mit Wohnsitz in Österreich, ohne Lehrlinge.

Betrachtet man das Ausmaß der Konzentration von Frauen und Männern in bestimmten Berufsfeldern, so stechen fünf Fakten ins Auge: Der Anteil der Führungskräfte ist unter den Männern mehr als doppelt so hoch wie unter den Frauen – Beleg für die vertikale berufliche Segregation. Die eindrucksvolle Expansion höherer Ausbildungen von Frauen findet Niederschlag darin, dass unter ihnen sowohl der Anteil der Akademischen Berufe (deren Ausübung einen Hochschulabschluss voraussetzen) als auch jener der Technischen und nichttechnischen Fachkräfte (auf Maturaniveau) höher sind als jene unter den Männern. Das höchste Ausmaß der beruflichen Segregation besteht bei den mittel qualifizierten Berufen (mit Lehr- oder BMS-Abschluss): Frauen sind in diesem Segment auf die Angestelltenberufe (Bürokräfte, Dienstleistungsberufe, Verkaufskräfte), Männer auf die Fertigungsberufe (Handwerksberufe, Maschinenbedienung, Montage) konzentriert. Der Anteil der Hilfskräfte schließlich ist unter den Frauen fast doppelt so hoch wie unter den Männern – Ausdruck einer Kombination von horizontaler und vertikaler beruflicher Segregation.

Selbst das stabilste Beschäftigungssegment – nämlich jenem der ganzjährig vollzeitbeschäftigten unselbstständig Erwerbstätigen – ist stark segregiert. So liegt der Frauenanteil bei Lehrkräften, Assistenzberufen im Gesundheitswesen, Betreuungsberufen, Bürokräften, Verkaufskräften und Reinigungspersonal über 60%. Stark segregierte Männerberufsgruppen (Männeranteil > 85%) sind u. a. FahrzeuglenkerInnen, Baufachkräfte, Metallberufe, Elektrik- und ElektronikfacharbeiterInnen, Ingenieurfachkräfte und IK-TechnikerInnen.

geschlechtsbezogene berufliche Segregation 2013

Datenquelle: Statistik Austria (Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung).

Ursachen der geschlechtsbezogene berufliche Segregation

Die Ursachen für die geschlechtsbezogene berufliche Segregation sind sehr vielfältig: Bildungs- und in der Folge Berufsentscheidungen werden nach wie vor – und in Österreich in besonderem Maße – durch die soziale Herkunft beeinflusst: den Elternhaushalt und dessen soziales Umfeld, Gleichaltrige und SchulkollegInnen aus diesem sozialen Milieu. Geschlechtsspezifische Vorstellungen über erstrebenswerte und erreichbare Berufe bilden einen Teil des bildungs- und klassenspezifischen Habitus einer Person. Töchter von Eltern mit Matura oder Universitätsabschluss haben also andere Bilder von anzustrebenden und erreichbaren Berufen als Töchter von Eltern mit Facharbeiterberufen.

Derartige Vorstellungen über typische Frauen- bzw. Männerberufe werden in der Schule oft unbewusst verstärkt, und die Medien transportieren ebenfalls solch gängige Zuschreibungen. Berufe, deren VertreterInnen besonders prägend für Kinder sind, nämlich KindergartenpädagogInnen und VolksschullehrerInnen, zählen zu jenen mit dem höchsten Frauenanteil. Kindergärten und Volksschulen sind bedauerlicherweise Einrichtungen weitgehend ohne männliche Bezugspersonen. Auf diese Weise werden den Kindern in einer entscheidenden Bildungsphase stereotype Arbeitsteilungsmuster ganz unmittelbar vermittelt.

Weil berufliche Interessen von Kindern und Jugendlichen in bestimmten Altersphasen unterschiedlich stark von Vorstellungen über Geschlechterrollen beeinflusst werden, kommt den frühzeitigen Entscheidungspunkten und Abzweigungen (mit 10 Jahren und 14 Jahren) eine große Bedeutung zu. Die besonders starke Segregation in den mittel qualifizierten Berufen hat mit dem engen Zusammenhang von Ausbildungstyp und Beruf im dualen System der beruflichen Ausbildung zu tun: Stark segregierte Männerberufe sind großteils Lehrberufe.

Die ungleiche Belastung mit Betreuungsaufgaben im Haushalt ist eine weitere sehr wichtige Ursache der geschlechtsbezogenen Segregation. Überlegungen bezüglich der Vereinbarkeit von Beruf und Familie beeinflussen die Berufswahl von jungen Frauen, berufliche Veränderungen in späteren Lebensphasen und die Chancen auf leitende Positionen. Frauen suchen dann häufig nach Vollzeitberufen mit günstigen Arbeitszeiten oder nach Teilzeitbeschäftigungen. Derartige Berufe sind daher zumeist stark segregierte Frauenberufe.

Der deutliche Anstieg der Erwerbsbeteiligung von Frauen in den letzten Jahren hat die berufliche Segregation eher verstärkt. Denn erstens bewirkt die höhere Frauenerwerbstätigkeit zusätzliche Nachfrage nach personenbezogenen Dienstleistungen, bspw. nach Kinderbetreuung und Pflegeleistungen. Diese Berufe sind überwiegend stark segregierte Frauenberufe. Und zweitens erfolgt die Zunahme der Erwerbstätigkeit von Frauen vorwiegend in der Form von Teilzeitbeschäftigung – gleichfalls ein in hohem Maße von stark segregierten Frauenberufen dominiertes Arbeitsmarktsegment.

Folgen der Teilung in Männer- und Frauenberufe

Die Tatsache, dass viele Frauen und Männer nur bestimmte, den geschlechtlichen Stereotypen entsprechende Berufe für sich in Erwägung ziehen, hat zur Folge, dass potenzielle Berufs- und Lebenschancen nicht verwirklicht werden, Talente unerkannt und Möglichkeiten der Gesellschaft ungenutzt bleiben.

Die geschlechtsbezogene berufliche Segregation ist eine der Ursachen der Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen auf den einzelnen Qualifikationsebenen. Länderspezifische Analysen zeigen, dass berufliche Segregation zur Lohndiskriminierung von Frauen beiträgt, also zu Lohnnachteilen, die sich nicht durch persönliche Merkmale der betreffenden Personen oder durch Merkmale der betreffenden Arbeitsplätze (betriebliche Funktion, Tätigkeiten etc.) erklären lassen.

Die Konzentration von Frauen in bestimmten Beschäftigungssegmenten und Berufen und ihr weitgehender Ausschluss aus vielen von Männern dominierten Berufen und -branchen zieht eine ungleiche Bewertung von – im Hinblick auf Qualifikationsanforderungen und Tätigkeiten vergleichbaren – Frauenberufen und Männerberufen nach sich, bedingt unterschiedliche Karrierechancen und Arbeitsqualitäten (Häufung von Teilzeitbeschäftigung und von prekären Beschäftigungsverhältnissen in Frauenberufen).

Schließlich begünstigt geschlechtsbezogene berufliche Segregation den hartnäckigen Fortbestand überkommener Vorstellungen über typische Frauen- bzw. Männerberufe und traditioneller Geschlechterrollen.

Gleichstellungspolitik

Der Abbau der beruflichen Segregation ist eines der Ziele der Gleichstellungspolitik. Angestrebt werden eine stärkere Durchmischung der Berufe (mehr Frauen in Männerberufe, mehr Männer in Frauenberufe) und die Verringerung der vertikalen Segregation (mehr Frauen in leitende Positionen, insbesondere in jene der oberen Ebenen).

Eine stärkere Durchmischung der Berufe hätte auch eine Annäherung der Arbeitseinkommen der Frauen an jene der Männer vergleichbarer Qualifikation zur Folge, weiters eine Annäherung im Hinblick auf Karrierechancen, Arbeitszeitregime und andere Arbeitsbedingungen. Damit förderte ein Abbau der beruflichen Segregation auch die Erreichung anderer Ziele der Gleichstellungspolitik, nämlich gleicher Lohn für gleiche Arbeit, höhere Qualität der Beschäftigung und erweiterter Zugang zur Erwerbstätigkeit für Frauen.

In Österreich haben mehrere gezielte Einzelmaßnahmen bereits gewisse Erfolge beim Abbau der beruflichen Segregation erzielt: beispielsweise Initiativen zur Förderung von Frauen in Naturwissenschaft und Technik; der „Wiener Töchtertag“, an dem Mädchen unterschiedliche Berufe kennenlernen können; das Programm „Frauen in Handwerk und Technik“ im Bereich der Arbeitsmarktpolitik. Was bislang weitgehend fehlt, sind Initiativen (wie zB der Boys’ Day) bzw. Maßnahmen, die Anreize für junge Männer setzen, stark segregierte Frauenberufe (zB Kindergartenpädagoge, Volksschullehrer) zu ergreifen.

In den letzten beiden Jahrzehnten ist die berufliche Segregation leicht zurückgegangen. Innerhalb der EU liegt Österreich im Mittelfeld: Um eine berufliche Gleichverteilung von Frauen und Männern zu erzielen, müsste rund die Hälfte der Beschäftigten ihren Beruf wechseln. Es bleibt also viel zu tun.