Spielen soziale Klassen eine Rolle bei der Vermögensbildung?

Hilde Weiss und Julia Hofmann, 22. April 2015

hofmanFoto WeissGibt es überhaupt noch soziale Klassen oder doch nur Milieus und Lebensstile? Gerade am Beispiel der Vermögen in Österreich sind Klassenlagen deutlich erkennbar. In unserem Artikel arbeiten wir mit den österreichischen HFCS-Daten und analysieren die Ungleichheitsstrukturen in der Bevölkerung. Zwar finden sich in den Klassenlagen teilweise fließende Übergänge zwischen den niedrigeren, mittleren und oberen Segmenten, gleichzeitig treten jedoch markante Grenzen zwischen den einzelnen Klassenlagen hervor – eine breite Mittelschicht wie bei den Einkommen lässt sich bei den Vermögen nicht finden.

Mit den Daten des Household Finance and Consumption Survey (HFCS) der EZB konnte sich die Vermögensforschung in den letzten Jahren weiter als Forschungsfeld etablieren. Auch für Österreich liegen auf Basis der HFCS-Daten bereits einige aktuelle Berichte über die ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen vor (siehe auch einige spannende Verweise am Ende des Beitrags). In einem längeren, im Vorjahr erschienenen Artikel versuchten wir diese bislang stark ökonomisch geprägten Analysen durch eine (klassen-) soziologische Analyse, die die Ungleichheitsstrukturen in der Bevölkerung genauer in den Blick nimmt, zu erweitern.

Was hat die Vermögensverteilung mit sozialen Klassen zu tun?

Das Konzept der „sozialen Klassen“ ist ein traditionsreiches Konzept der Sozialforschung, welches (in der Tradition von Marx und Weber) nicht nur materielle Gemeinsamkeiten, sondern auch damit verbundene kollektive „Mentalitäten“ (Lebensweisen, Ideologien) postuliert. Vor allem seit der Jahrtausendwende verzeichnen klassensoziologische Analysen ein Revival. Strukturelle Veränderungen, wie der wachsende Niedriglohnsektor , die soziale Polarisierung (mit dem prognostizierten „Schrumpfen der Mitte“),  die Verfestigung von Armut  und die zunehmende Abkoppelung der Eliten und der Reichen  sind aktuelle Themen der Ungleichheitsforschung.

Eine klassensoziologische Analyse der Vermögensverteilung kann Antworten auf mehrere Fragen geben:

  • Aus der Forschung ist bekannt, dass Reichtum vorwiegend vererbt  wird. Gleichzeitig wird von Seiten der Politik immer wieder argumentiert, dass sich auch untere und mittlere Klassenlagen ein (wenn auch kleines) Vermögen „erarbeiten“ können. Unklar bleibt jedoch oft, in welchem Ausmaß dieser Vermögensaufbau wirklich gelungen ist: Wie viel Vermögen steht den einzelnen Klassenlagen tatsächlich zur Verfügung? In welcher Klassenlage konnte bislang das wenigste bzw. das meiste Vermögen aufgebaut werden?
  • Mit Hilfe der Klassenanalyse wird die Debatte über soziale Ungleichheit, die sich oft nur auf die Gruppe der sogenannten „Bedürftigen“ bezieht, auf andere gesellschaftliche Gruppen ausgeweitet. Es werden auch die Lagen „zwischen Arm und Reich“ betrachtet, gesellschaftliche Hierarchien dargestellt und Antworten auf die Frage „Wer gehört tatsächlich zur Mitte?“ gegeben: Welche Verortung von ArbeiterInnen und Angestellten lässt sich etwa hinsichtlich ihrer Vermögensbildung feststellen?

Wie misst man Klassen(-lagen)?

Klassendefinitionen werden in der Forschung kontrovers diskutiert. Auch ihre empirische Umsetzung ist aufgrund des Zuwachses an Tätigkeiten infolge permanenter Innovationen komplexer geworden. Aufgrund der Differenzierung der Berufe  – sei es nach Ausbildung und Kompetenz, Handlungsspielräumen und Entlohnung – ist die Zuordnung zu typischen Berufsklassen und damit verbundenen Lebenslagen heute nicht mehr unmittelbar ersichtlich.

Infolgedessen haben sich in der Forschung verschiedene Klassifikationssysteme entwickelt. In unseren Analysen haben wir das EGP-Konzept  verwendet, das Klassenlage mit dem Beschäftigtenstatus und der beruflichen Tätigkeit verbindet und weiters nach der Art der Regulierung des Beschäftigungsverhältnisses, also nach dem Arbeitsvertrag (ArbeiterInnen oder Angestellte), und dem Sektor (Landwirtschaft/nicht-agrarischer Sektor) differenziert. Die EGP-Klassifikation präsentiert ein mehrdimensionales Klassenschema.

Folgende Klassenlagen werden unterschieden: Unqualifizierte manuell Arbeitende, qualifizierte manuell Arbeitende, einfache Angestellte und Beamte mit Routinetätigkeiten, Selbstständige mit niedrigerer Qualifikation und ohne Beschäftigte, Angestellte und Beamte mit mittlerer Qualifikation („untere Dienstklasse“), höhere und leitende Angestellte und Beamte mit hoher Qualifikation („obere Dienstklasse“), höhere ManagerInnen und UnternehmerInnen mit höherer Qualifikation sowie LandwirtInnen mit Beschäftigten.

Wie sieht nun die Vermögensverteilung nach Klassenlagen in Österreich aus?

Auf Basis der untersuchten Vermögenskategorien wird deutlich sichtbar, dass in Österreich zwischen den Kategorien der Reichen und derjenigen der Armen keine breite, „wohlstandsgesättigte Mitte“ liegt.

  • Unqualifizierte und qualifizierte manuell Arbeitende und Angestellte mit Routinetätigkeiten bilden das untere Segment der Gesellschaft.
  • Eine mittlere Lage bilden die beiden Dienstklassen mit mittleren und höheren Qualifikationen; zu diesen zählen in gewisser Hinsicht auch die Selbstständigen ohne Beschäftigte. Die Klassenlage der „kleinen Selbstständigen“ kann aber nur eingeschränkt als „kleine“ Selbstständige aufgefasst werden, da sie teils auch deutlichen Anschluss an die Spitzenvermögen der wohlhabenderen UnternehmerInnen hat.
  • An der Spitze liegen die höher qualifizierten ManagerInnen/UnternehmerInnen mit Beschäftigten inkl. UnternehmerInnen in der Landwirtschaft.

Angelernte ArbeiterInnen und kleine Angestellte/Beamte mit Routinetätigkeiten gaben bei Immobilien- und Sachwerten im Median 15.000-50.000 Euro an. Demgegenüber liegen die Werte bei Selbständigen ohne Beschäftigte sowie den unteren und höheren Dienstklassen bereits bei 120.000-170.000 Euro. Ein ähnliches Bild ergibt sich beim Finanzvermögen: Die Mehrheit der unqualifizierten und qualifizierten manuell Arbeitenden und Angestellten/Beamten mit Routinearbeiten besitzt ein Geldvermögen bis zu 12.000 Euro. UnternehmerInnen mit Beschäftigten verfügen demgegenüber über durchschnittlich 42.000 Euro. Auch beim Nettovermögen – also allen Anlagen abzüglich der Schulden des Haushaltes – zeigen sich klare Unterschiede nach Klassenlagen: Deutliche Grenzen liegen zwischen den drei unteren und den darüber liegenden Klassen.

Zusammenfassend zeigen unsere Analysen, dass das Vermögen der kleineren und mittleren Klassenlagen weitgehend unterhalb des Wertebereichs von 500.000 Euro liegt. Höhere Vermögenswerte (bei mindestens noch ca. 10% in der jeweiligen Klasse) gaben vor allem die UnternehmerInnen mit Beschäftigten (inkl. Landwirtschaft) an. Hohe Vermögenswerte – in Bereichen etwa ab 500.000 Euro und darüber – konzentrieren sich darüber hinaus auf relativ kleine Prozentanteile in der Bevölkerung.

Schlussfolgerungen

Bei allen von uns untersuchten Vermögenskategorien (Immobilien- und Sachwerte, Finanzvermögen, Netto-Vermögen/gesamtes Haushaltseinkommen, ausgewiesene Ausstände und Erbe) zeigt sich, dass die jeweilige Klassenlage einen erheblichen Einfluss auf die Vermögensbildung ausübt. Zwar fanden sich in den Klassenlagen teilweise Übergänge zwischen den niedrigeren, mittleren und oberen Segmenten, gleichzeitig traten jedoch markante Grenzen zwischen den einzelnen Klassenlagen hervor.

Betrachtet man das untere Segment der gesellschaftlichen Hierarchie näher, so fällt eine Neuordnung bei diesen Klassenlagen auf (die man mit Marx als „Klassenneuzusammensetzung“ charakterisieren könnte): In sämtlichen Vermögenskategorien fanden sich nur geringfügige Differenzen zwischen den wenig qualifizierten DienstleisterInnen, den unqualifizierten ArbeitnehmerInnen und den qualifizierten „FacharbeiterInnen“. Dies ist von Interesse, da FacharbeiterInnen ja immer wieder als zentrale Kategorie der gesellschaftlichen Mitte genannt werden. Gerade Letztere sind hinsichtlich der Vermögensverteilung in dem unteren Segment jedoch fallweise die am schlechtesten gestellte Gruppe.

Zur „Mitte“ zählen unseren Daten zufolge weder die qualifizierten manuell Arbeitenden noch die Angestellten mit Routinetätigkeiten. Die „Mitte“ zeichnet sich deutlich als gesellschaftliches Segment ab, zu dem vor allem die Dienstklassen (mittlere und höhere

Qualifizierte im privaten und öffentlichen Sektor) zählen. Diese grenzen sich zwar durch eine deutliche Besserstellung nach „unten“ ab, stoßen in der Vermögensbildung jedoch an markante Grenzen gegenüber den UnternehmerInnen.

Wirklich Reiche finden sich eher bei den UnternehmerInnen mit Beschäftigten, zum Teil aber auch bei Selbstständigen ohne Beschäftigte. Die Klassenlage der Selbstständigen ohne Beschäftige, die eine Position zwischen Mitte und Oben einnehmen, ist in ihren Vermögenswerten breit gestreut: Auf über 1 Mio Euro kommen etwa 13% hinsichtlich ihres „Netto-Wohlstands“, gleichzeitig liegen aber knapp 28% unter 80.000 Euro. Die Selbstständigen ohne Beschäftigte bilden demnach zwar eine Brücke zu den Reichen an der Spitze, den UnternehmerInnen, können aber aufgrund ihrer Heterogenität weder dem mittleren noch dem obersten gesellschaftlichen Segment zugerechnet werden.

Betrachtet man abschließend die Vermögenswerte in der Klasse der UnternehmerInnen, so kann auch in Österreich, wie in anderen europäischen Ländern, eine Entkoppelung der Reichen gegenüber „der Mitte“ konstatiert werden: 30% der UnternehmerInnen mit Beschäftigten steht ein Netto-Vermögen von über einer Million Euro zur Verfügung.

Dieser Beitrag basiert auf einem ausführlicheren Artikel in der Wirtschaft und Gesellschaft 4/2014, die seit kurzem auch online verfügbar ist.