Soziale Benachteiligung macht krank

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Domenica Vorderwinkler, 18. November 2016

foto_vorderwinklerneuDass Gesundheit nicht nur von biochemischen und physikalischen Prozessen des Körpers beeinflusst wird, ist schon lange bekannt. Vielmehr ist Gesundheit neben biologischen Faktoren auch abhängig von der persönlichen Lebensweise, dem Vorhandensein sozialer Beziehungen und den Lebens- und Arbeitsbedingungen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass sich soziale Benachteiligung negativ auf den Gesundheitsstatus auswirken kann. Ein besonders wichtiger Indikator für soziale Ungleichheit im Zusammenhang mit Krankheit ist die Bildung, aber auch das Einkommen und die berufliche Position beeinflussen sowohl das Gesundheitsverhalten als auch die effektiven Gesundheitsverhältnisse maßgeblich.

Risikofaktoren bestehen meist seit der frühen Kindheit…

Generell lässt sich sagen, dass die Sozialisation eines Menschen sein Verhalten prägt. Zahlreiche Studien belegen, dass der sozioökomische Status mit dem Lebensstil, wie der Ernährung, der Bewegungsaffinität und anderen gesundheitsrelevanten Faktoren in Zusammenhang steht.  Kinder aus sozial schwächeren Familien werden demnach tendenziell mit schlechterem Gesundheitsverhalten sozialisiert. Sie sind in jungen Jahren mit dem Verhalten der Eltern konfrontiert und neigen dazu, sich dieses selbst anzueignen. Hinzu kommt, dass Verhaltensweisen, welche in der Kindheit erlernt wurden, sich über die Jahre hinweg oftmals verstärken und manifestieren.

Neben dem Verhalten sind Kinder aus sozial schwachen Haushalten aber auch tendenziell mit schlechteren und damit potentiell gesundheitsschädlicheren Lebensbedingungen konfrontiert. Hierzu zählen etwa Faktoren des Wohnumfelds, wie Lärm- und Luftbelastung, Wohnraumgröße und thermische Wohnbedingungen. Aber auch andere Faktoren wie Freizeitmöglichkeiten und Zugang zu Gesundheitsleistungen oder Ernährung, werden vom sozioökonomischen Status bestimmt und können sich negativ auf die Gesundheit auswirken.

… und setzen sich im Laufe des Lebens fort

Zudem ist die Wahrscheinlichkeit für Kinder, die aus Elternhäusern mit geringer Schulbildung und niedrigem Einkommen kommen, höher, im Erwachsenenleben selbst zu einer sozial benachteiligten Gruppe zu gehören. Insbesondere Bildung wird häufig weiter „vererbt“. So kommt zu dem bereits erlernten Gesundheitsverhalten und den diversen Vorbelastungen, eine Fortführung bzw. Verfestigung der Benachteiligungen in den Lebensbedingungen. Als ein äußerst wichtiges Einflusskriterium zur Gesundheit zählen auch die Arbeitsverhältnisse, insbesondere Arbeitsmarkposition und – integration, denn auch Arbeitslosigkeit hat massiv negative Auswirkungen auf den Gesundheitszustand. Hierunter fallen u.a. die Arbeitsplatzgestaltung, die körperliche Belastung oder psychosoziale Aspekte, wobei gesundheitsgefährdende Berufe wiederum vermehrt in den sozial benachteiligten Gesellschaftsgruppen wiederzufinden sind. Hinzu kommt im Erwerbsalter der sogenannte Selektionseffekt: Menschen mit schlechtem Gesundheitszustand werden am Arbeitsmarkt benachteiligt – ein Teufelskreis. Neben die bekannte „Krankheitskarriere“ gesellt sich somit auch eine „Armutskarriere“, welche miteinander in Wechselbeziehung stehen.

Gesundheitliche Konsequenzen im Alter

Vergleicht man den Gesundheitsstatus zwischen den Gesellschaftsschichten, finden sich deutliche Unterschiede, wie zahlreiche Studien zeigen. Insbesondere zu Kindern und Jugendlichen im Zusammenhang mit gesundheitlicher Ungleichheit wird viel geforscht, ältere Menschen werden jedoch häufig außen vor gelassen. Doch auch hier herrschen gesundheitliche Unterschiede aufgrund des sozioökonomischen Status. Unter der älteren Bevölkerung treten in der sozial benachteiligten Schicht vermehrt chronische Krankheiten auf, besonders häufig sind hierbei unter anderem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Mellitus, Arthritis, Bronchitis, Leberzirrhose und Lungenkrebs. Ebenso zeigen sich verstärkt körperliche Schmerzen, aber auch psychische Krankheiten, insbesondere Altersdemenz und Depressionen. Nach einem Bericht des österreichischen Sozialministeriums, haben ältere Menschen mit niedriger Bildung durchgehend ein erhöhtes Risiko an gesundheitlicher Benachteiligung. So sind beispielsweise in der Kohorte der 60- bis 69-Jährigen nur 9 % der Personen mit Matura bzw. Universitätsabschluss von gesundheitlicher Beeinträchtigung betroffen, von den Personen, die maximal den Pflichtschulabschluss aufweisen, sind es 16 %.

Vergleicht man die Lebenserwartung der über 65-Jährigen lassen sich ebenfalls Unterschiede je nach Bildungsabschluss erkennen. So haben Männer mit Hochschulabschluss eine fernere Lebenserwartung von 21,2 Jahren, jene mit Pflichtschulabschluss hingegen nur 17,2 Jahren. Bei Frauen liegen diese Werte bei 22,8 bzw. 21,2 Jahren. Zudem lässt sich bei beiden Geschlechtern feststellen, dass der Anteil an gesunden Lebensjahren bei Personen mit Pflichtschulabschluss um mindesten 20 Prozentpunkte geringerer ist als bei jenen mit Hochschulabschluss.

Auch international lassen sich ähnliche Korrelationen zwischen Gesundheit und sozioökomischen Status finden, ein systematischer Vergleich gestaltet sich aber schwierig. Laut WIFO gehört Österreich jedoch insbesondere bezüglich chronischen Krankheiten und Beeinträchtigungen im alltäglichen Leben zu den Ländern mit den geringsten sozialen Unterschieden der über 50-Jährigen.  Hinsichtlich des subjektiven Gesundheitszustands weist Österreich nur durchschnittliche Werte auf. Bei der Inanspruchnahme von FachärztInnen besteht in Österreich nach Spanien das stärkste soziale Gefälle.

Wie der gesundheitlichen Ungleichheit entgegen wirken?

„Gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung“ – diesen Tipp, um sich gesund zu halten, hat vermutlich jede/r schon einmal gehört. Doch so einfach ist es eben nun doch nicht. Da sowohl soziale Ungleichheit als auch Gesundheit von vielen Faktoren abhängig sind und diese sich zusätzlich wechselseitig beeinflussen, gibt es keine einfache Lösung, gesundheitliche Ungleichheit zwischen den Gesellschaftsschichten zu reduzieren. Vielmehr bedarf es Verbesserungen in einer Vielzahl von politischen Feldern, sei es nun die Gesundheits-, Familien-, Arbeits-, Bildungs- oder Sozialpolitik.

Selbstverständlich spielt das Gesundheitsverhalten eine tragende Rolle. Doch das Verhalten liegt nicht nur in der eigenen Macht, vielmehr werden Verhaltensnormen durch verschiedene Instanzen wie Elternhaus, Schule, Jugendorganisationen, Peers und Massenmedien erlernt. Daher müssen Kinder und deren Eltern Ausgangspunkt für Aktionen gegen gesundheitliche Ungleichheit sein. Vermehrte Unterstützung und soziale Begleitung können die familiären Risikofaktoren reduzieren und dazu beitragen, sozial schwächere Familien besser in das gesellschaftliche Leben zu integrieren. Hier bedarf es besonders vermehrter Gesundheitserziehung, sowie einer Stärkung der Selbsthilfe-Ressourcen und Eigeninitiative betroffener Familien. In diesem Zusammenhang bietet das Konzept der Frühen Hilfe für Eltern von Kindern bis 6 Jahre gute Angebote, welche zum Ziel haben die Gesundheitschancen unter Berücksichtigung der Lebenslage nachhaltig zu verbessern. Doch auch eine Begleitung von Eltern und Kindern über die Einschulung hinaus wäre für Familien in kritischen Lebenssituationen durchaus empfehlenswert.

Da Gesundheit in einem hohen Maß auch von den Lebensverhältnissen abhängt, ist es notwendig auch die Rahmenbedingungen für ein gesundes Leben zu schaffen. Dies beginnt mit der Bekämpfung von Armut. Einer der wichtigsten Schlüssel zur Bekämpfung von Armut ist die Bildung. Mit der Garantie bis 18 in einer Ausbildung zu stehen ist schon ein guter Schritt in die richtige Richtung gesetzt, jedoch sollte auch vermehrt darauf geachtet werden, dass Kinder aus sozial benachteiligten Gruppen höhere Bildungsabschlüsse bis hin zum  Universitätsabschluss erreichen. Hierfür müssen nicht nur finanzielle, sondern auch soziale Barrieren abgebaut werden. Ebenso ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern. Dafür benötigt es zB einen Ausbau von sozialen Diensten etwa im Bereich der Kinderbetreuung inklusive der Frühförderung im Kleinkindalter, aber auch in der Pflege und in der Unterstützung von Familien in schwierigen sozialen Lagen und Arbeitszeitmodelle, die die Bedürfnisse der Erziehenden berücksichtigen. Nur so ist es z.B. Alleinerziehenden überhaupt erst möglich einer Berufstätigkeit nachzugehen.

Nur durch Prävention, Bildung und soziale Intervention können Armut und gesundheitliche Benachteiligung bis ins hohe Alter reduziert werden. Doch damit ist es nicht getan, denn auch ein regelmäßiges und existenzsicherndes Einkommen im Erwerbsleben und die daraus resultierenden Pensionsleistungen sind von hoher Bedeutung, ebenso die Arbeitsbedingungen und Wohnverhältnisse. Eine stabile Beschäftigung, leistbares Wohnen, gute soziale Sicherung im Falle von Arbeitslosigkeit und Krankheit, aber auch ein gutes Pensionssystem sind weitere Grundvoraussetzungen in diesem Bereich.

Dies sind zwar nur einige Ansatzpunkte, wie gesundheitliche Ungleichheit reduziert werden kann, jedoch lässt sich dadurch erkennen, wie viel Handlungsbedarf in Österreich besteht, damit Gesundheit nicht mehr von der sozialen Stellung abhängt.