Sozialbericht 2016: Reichtum, Armut und der Sozialstaat

Marc Pointecker, 1. Februar 2017

Sozialbericht, Sozialministerium, Arbeitsmarkt, VerteilungÖsterreich ist ein reiches Land. Die Pro-Kopf Einkommen sind höher als jemals zuvor in der Geschichte Österreichs und beträchtliche private Vermögen wurden seit Jahrzehnten kontinuierlich aufgebaut. Das darf jedoch nicht den Blick darauf verstellen, dass die Einkommen und Einkommenschancen sehr ungleich und die Vermögen extrem ungleich verteilt sind. Heute erscheint der Sozialbericht. Er enthält 8 Studien, die ein umfassendes Bild insbesondere zu Verteilungsfragen und Lebensbedingungen in Österreich geben.

75% der Haushalte haben weniger als 50.000 EUR Bruttojahreseinkommen, 5% mehr als 100.000 EUR und das oberste Prozent mehr als 300.000 EUR. Die Einkommen des obersten 1% der Haushalte bestehen im Vergleich zu den unteren 99% wesentlich stärker aus Selbständigen- und Kapitaleinkommen. Faktisch profitiert fast nur dieses oberste 1% der Haushalte von hohen Kapiteleinkommen und wird mit einem Steuersatz von 25% auf Kapitaleinkommen (27,5% auf Dividenden und Aktiengewinne) begünstigt, während Arbeitseinkommen viel stärker mit Abgaben belastet werden.

Der Vorteil des Kapitalbesitzes zeigt sich auch bei den Nettohaushaltseinkommen: Nur 9% der Arbeitnehmer/innenhaushalte verfügen über ein hohes Einkommen, aber 28% der Haushalte, die hauptsächlich von anderen privaten Einkommen – vor allem Kapitaleinkommen – leben. Während manche aus ihrem Besitz über ein hohes Einkommen verfügen, gelten gleichzeitig fast 300.000 Beschäftigte als Working Poor, als arm trotz Arbeit. Alleinerziehende Frauen, Ausländer/innen, Menschen in Hilfsarbeiter/innen-Jobs  und mit wenig Schulbildung sind besonders gefährdet.

Noch stärker als die Einkommen sind die Vermögen konzentriert: Das vermögendste 1% der Haushalte in Österreich verfügt ungefähr über gleich viel Vermögen wie die unteren 80% der Bevölkerung.

Wie unterscheiden sich die Lebensbedingungen von Arm und Reich?

Welche Auswirkungen haben die Unterschiede bei Einkommen und Vermögen auf die Lebensbedingungen und Entfaltungsmöglichkeiten? Artikel 7 des Bundesverfassungsgesetzes besagt unter anderem: „Vorrechte der Geburt, des Geschlechtes, des Standes, der Klasse und des Bekenntnisses sind ausgeschlossen.“ Auch wenn alle Bürger/innen vor dem Gesetz gleich sind, die Lebensbedingungen von Menschen mit geringen und Menschen mit hohen Einkommen unterscheiden sich beträchtlich. Insbesondere Kinder aus armutsgefährdeten Haushalten haben deutlich verminderte Startchancen.

Arme Menschen sterben früher

Menschen mit geringen Einkommen geht es gesundheitlich deutlich schlechter. Umgekehrt können Krankheiten und körperliche Einschränkungen zu verminderten Erwerbsmöglichkeiten, einem niedrigeren Einkommen und damit einem erhöhten Risiko von Armuts- und Ausgrenzungsgefährdung führen. Es gibt starke gegenseitige Wechselwirkungen zwischen Bildungsgrad, Erwerbstätigkeit, Einkommen, Gesundheitsverhalten und Gesundheitszustand. Beispielsweise ist bei Männern die Lebenserwartung von Akademikern gegenüber Pflichtschulabsolventen um sieben Jahre höher. Auch zwischen Einkommen und Lebenserwartung gibt es einen engen Zusammenhang – das Sterberisiko für armutsgefährdete Männer ist mehr als doppelt so hoch wie für Männer mit hohen Einkommen. Der Zugang zu medizinischer Versorgung ist in Österreich hingegen in sehr hohem Maße für Menschen aus allen Einkommensgruppen gewährleistet: Nur rund 2% aller Personen, die eine medizinische Leistung benötigen, nehmen sie – aus unterschiedlichen Gründen – nicht in Anspruch.

Arm aber glücklich?

Die Lebenszufriedenheit der österreichischen Bevölkerung steigt mit dem Einkommen: Arm aber glücklich stimmt also nicht. Das ist auch nicht verwunderlich, weil für viele armutsgefährdete Haushalte bereits eine kaputte Waschmaschine eine finanzielle Herausforderung darstellt. 23% aller Menschen in Österreich leben in Haushalten, die keine unerwarteten Ausgaben in Höhe von 1.100 EUR finanzieren können. In Niedrigeinkommenshaushalten sehen sich gar 53% der Personen nicht in der Lage, unerwartete Ausgaben zu bestreiten.

Bildungschancen entscheidend

In Österreich sind die Bildungschancen stark vom Haushaltseinkommen des Elternhaushalts abhängig. Die soziale Mobilität zwischen den Generationen ist gering, das heißt Bildung und sozioökonomischer Status werden in der Regel vererbt. Eine AHS Unterstufe besuchen 80% der Kinder aus Familien mit hohen Einkommen, aber nur 19% der Kinder aus armutsgefährdeten Haushalten.

Wie wichtig Bildung für die Erwerbschancen ist, zeigen folgende Zahlen: Nur 41% der Menschen mit maximal Pflichtschulabschluss sind ganzjährig erwerbstätig. Hingegen sind 70% der Menschen mit Lehrabschluss oder Abschluss einer mittleren Schule und 72% aller Universitätsabsolvent/inn/en ganzjährig erwerbstätig. Bildung lohnt sich auch finanziell: Wer über einen mittleren Schulabschluss verfügt, hat in etwa um über  4.500 EUR mehr Jahreseinkommen als Menschen mit Pflichtschulabschluss. Matura bringt weitere 2.800 EUR und wer einen Universitätsabschluss vorweisen kann, hat nochmal gut 7.500 EUR höhere Einkommen.

Was tun?

Wie die Verteilung von Einkommen, Vermögen, Arbeits- und Lebenschancen in einer Gesellschaft organisiert ist, zählt zu den politischen Kernfragen der Demokratie. 83% der Bevölkerung sagen, es sei Aufgabe der Regierung die Einkommensunterschiede zu reduzieren.

Chancen für alle Kinder

Den Kindern möglichst gleiche Startchancen einzuräumen und ihre Entwicklungsmöglichkeiten zu fördern, dürfte auf breiten gesellschaftlichen Konsens stoßen. Der Zugang zu qualitativ hochwertiger und kostengünstiger Ganztagskinderbetreuung spätestens ab dem ersten Geburtstag sollte daher gewährleistet werden – am besten mit einem Rechtsanspruch. Benötigt werden flächendeckende Ganztagsangebote für alle Altersgruppen, die das ganze Jahr hindurch bereitstehen. Ein Zugang unabhängig von bereits bestehender Erwerbstätigkeit wäre wünschenswert. Damit auch Eltern mit geringem Einkommen das Angebot annehmen können, muss entweder eine kostenlose Kinderbetreuung (wie z.B. in Wien) oder sozial gestaffelte Elternbeiträge eingeführt werden. Altzinger et al. erklären dazu im Sozialbericht: „In keiner Lebensphase werden die Wege zur Ungleichheit so drastisch gelegt bzw. entschärft wie im Vorschulalter; und in keiner Lebensphase kann der Staat so stark, so effizient und so kostengünstig zum Ausgleich der (familiär bedingten) Ungleichheiten beitragen wie in dieser Phase.“

Mindestlohn und Armutsbekämpfung

Mehr als 350.000 Menschen in der Privatwirtschaft erzielen auf Basis von Vollzeitbeschäftigung einen monatlichen Bruttolohn von weniger als 1.500 EUR brutto, mehr als 600.000 erhalten weniger als 1.700 EUR brutto im Monat. Niedriglohnbeschäftigte sind oft arm trotz Arbeit. Lohnpolitik ist traditionell Aufgabe der Sozialpartner. Angesichts eines wesentlichen Teils der Beschäftigten ohne Kollektivvertrag, mit lange zurückliegenden Lohnanpassungen oder mit niedrigen Kollektivvertragslöhnen sind die Sozialpartner weiterhin gefordert zur Armutsbekämpfung entsprechende Kollektivverträge auszuhandeln. Wie schon in der Vergangenheit von den Sozialpartnern erwogen und im überarbeiteten Regierungsprogramm angeregt, könnte alternativ ein Generalkollektivvertrag mit einer entsprechenden Lohnuntergrenze vereinbart werden.

Auf Basis einer solchen allgemein verbindlichen Lohnuntergrenze kann zusätzlich eine Negativsteuer überlegt werden, die kinderreiche Familien, zusätzlich zu Mindestlohn und Familienbeihilfe über die Armutsschwelle hebt.

Wer nach diesem Schnappschuss aus dem Sozialbericht Interesse an mehr Studien, Analysen und Handlungsvorschlägen hat: der Sozialbericht ist ab sofort unter www.sozialministerium.at zu finden und kann unter  broschuerenservice@sozialministerium.at bestellt werden.