Schulabbruch – so what?

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Richard Meisel, 3. Sept. 2014Meisel Richard_1

Wir alle haben schon von Albert Einstein, Harald Schmidt und Rene Benko gehört. Drei Schulabbrecher, die es trotzdem geschafft haben – und wie! Nur: Diese Erfolgsstorys sind genau jene Ausnahmen, die die traurige Regel bestätigen: Schulabbruch führt leider meist nicht zu Reichtum, Ruhm und Ehre, sondern zu Arbeitslosigkeit, Armut und Prekariat. Die Bildungspolitik ist gefordert.

Europaweit geht bei den verantwortlichen Ministerien die Sorge um, dass immer öfter Jugendliche die Schule abbrechen und dann weder eine weiterführende Ausbildung machen, noch den Einstieg in den Arbeitsmarkt schaffen. Europaweit füllen diese NEETS, junge Menschen not in education, employement or training die Warteräume der Arbeitsvermittler. Eine Vorstufe bilden die Dropouts und die so genannten ESL, early school leavers . Das sind frühe SchulabgängerInnen, die keinen höheren Abschluss schaffen als z.B. eine einjährige Fachschule nach dem Pflichtschulabschluss, im europäischen Bildungssprech die Stufe ISCD 3c. Die österreichische ESL-Quote der 15- bis 24-Jährigen24 beträgt 7,6%.

Alle Statistiken bestätigen: Schulabbruch führt zu einer Verminderung der individuellen Bildungschancen. Ein Wiedereinstieg ins Bildungssystem fällt schwer und ist mit großen Entbehrungen verbunden.

Armutsrisiko Schulabbruch

Gerade in Österreich sind für den Einstieg in den Arbeitsmarkt Abschlüsse, Zertifikate und formelle Qualifikationen sehr wichtig: Fast die Hälfte aller beim AMS vorgemerkten Arbeitslosen in Österreichverfügen nur über einen Pflichtschulabschluss.

Das Armutsrisiko der AbbrecherInnen ist im Vergleich zu den Jugendlichen mit Abschluss sehr hoch. Arbeitslosigkeit oder Jobs, die kaum eine Existenz sichern können, führen oft direkt in die Armutsfalle. Neben dem individuellen Leid der Betroffenen belasten die SchulabrecherInnen die Sozialbudgets. Eine holländische Studie kommt zum Ergebnis, dass für SchulabrecherInnen über eine Lebensspanne ein Betrag von 1,8 Mio Euro an Sozialleistungen aufgewendet werden muss. Wir können und sollen es uns nicht leisten, in Österreich 75.000 Jugendliche ohne Bildungsabschluss aus einem schon relativ teuren Bildungssystem zu entlassen !

Studie zeigt systembedingte Probleme

Es ist wirklich beschämend, dass manche Schulen sogar stolz darauf sind, möglichst viele SchülerInnnen „hinauszuselektieren“. Dies passiert oft in den ersten Klassen der berufsbildenden Schulen. Fairerweise muss dazu bemerkt werden, dass diese Schulen oft gewählt werden, um die Polytechnische Schule zu umgehen, obwohl diese Schulform eine gute Vorbereitung für eine Lehre ist. Viele Eltern sind aber leider noch immer der Meinung, dass eine Zeugnis mit ein paar   negativen Noten einen besseren Einstieg in die Arbeitswelt ermöglicht, als ein Zeugnis von einem Poly.

In der neusten Studie von Mario Steiner im Auftrag der AK kann man diese systembedingten Ursachen sehr deutlich sehen: Viele SchülerInnen vor allem in berufsbildenden mittleren Schulen verlassen die Schule bald wieder, wechseln den Schultyp oder beenden leider überhaupt ihre Bildungslaufbahn. Aber auch jede Klassenwiederholung, jeder Schulwechsel bringt Laufbahnverluste und fördert direkt den Schulabbruch, so die Ergebnisse.

Leider ist aber nach wie vor auch die soziale Selektion ein Hauptfaktor, warum junge Leute aus dem Bildungssystem ausscheiden. Jugendliche mit Migrationsgeschichte, mit arbeitslosen Eltern und Jugendliche aus Familien mit niedrigen Bildungsstatus sind bei den Dropouts überrepräsentiert. Erna Nairz Wirth von der WU Wien hat im Auftrag der AK mit ihrem Team 25 jugendliche SchulabbrecherInnen über 5 Jahre begleitet , dabei konnte sie durch zahlreiche Einzel-und Gruppeninterviews Einblick in ihre Lebenswelt gewinnen. (mehr dazu hier)

Wunsch nach Hilfe

Ihre Ergebnisse: Den einen typischen Dropout gibt es nicht. Die individuellen Gründe sind vielfältig. Die Bandbreite geht vom wohlstandsverwarhrlosten Bürgerkind bis hin zu psychischen Kranken, von Jugendlichen, die von den eigenen Eltern an der Bildung gehindert werden, bis hin zu solchen, die sich aus der Schule rausgemobbt fühlten. Aber eines haben all diese Jugendlichen gemeinsam: Sie hätten sich gewünscht, dass jemand für sie da gewesen wäre und ihnen in der schwierigen Situation geholfen hätte. Im Nachhinein gesehen waren alle enttäuscht, wie gleichgültig der Schule ihr Schulabbruch war. So erzählte ein Dropout im Interview über seine Lehrenden an der Schule: „Die haben mich nicht einmal ernst genommen, wenn ich ehrlich bin… die haben immer gesagt: Ok Ismail. Passt. Du sitzt ganz hinten… es reicht , dass du da bist, sitz hinten, schlaf, oder was weiß ich, was du machst, aber nerv nicht …“

 Und was bedeutet das nun alles für die Bildungspolitik ?

  • Die Schule muss mehr Verantwortung für den Lernerfolg der SchülerInnen übernehmen. Deshalb ist es wichtig, Bewusstsein über das Phänomen des Schulabbruchs und seine Folgen bei den LehrerInnen zu schaffen.
  • Prävention ist wichtig: Je früher bei den ersten Anzeichen von Schulmüdigkeit interveniert wird, desto höher sind die Erfolgschancen.
  • Es braucht eine Reform der 9. Schulstufe statt der gängigen negativen Selektion in den ersten Klassen der berufsbildenden Schulen
  • Bildungsressourcen müssen nach sozialen Kriterien verteilt werden
  • Schulen mit hohen Abbruchquoten sollen auf Grundlage eines unabhängigen Datenmonitorings mehr Unterstützung erhalten.
  • Präventive Maßnahmen wie Jugendcoaching müssen ausgebaut werden.

Damit alle jungen Menschen ihre Potentiale entwickeln können! Schulabbruch sollen und können wir uns nicht mehr leisten. (Die Forderungen der AK im Detail hier)