Schichtarbeit bis zur Pension – geht das?

Anna Arlinghaus und Roland Spreitzer, 9. Februar 2016

Die österreichische Erwerbsbevölkerung wird älter, was Betroffene und Betriebe durchaus vor große Herausforderungen stellt. Dies gilt insbesondere dann, wenn Beschäftigte belastenden Arbeitsbedingungen wie etwa Schichtarbeit ausgesetzt sind. Auf Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen ist allerdings eine alternsgerechte Gestaltung von Schichtarbeit möglich.

Die Erwerbsbevölkerung wird nicht nur älter, sie soll auch länger in Beschäftigung bleiben. Gleichzeitig steigen die Arbeitsbelastungen und Anforderungen. Ein Verbleib im Erwerbsleben bis zum Regelpensionsalter ist für viele unter solchen Umständen nicht vorstellbar. Eine besondere Herausforderung stellt der Schichtbetrieb dar. Doch sind Schichtarbeit und Alter tatsächlich unvereinbar? Werden Betriebe mit Schichtdienst in Zukunft noch ausreichend Arbeitskräfte finden? Anhand arbeitswissenschaftlicher Erkenntnisse werden im folgenden Beitrag Herausforderungen und mögliche Lösungsansätze aufgezeigt.

Alter und Anforderungen steigen

Die österreichische Bevölkerung altert. Die Babyboom-Jahrgänge der 1960er-Jahre bilden mittlerweile die große Gruppe der älteren Beschäftigten. In den Jahrgängen des typischen Erwerbseintrittsalters ist hingegen ein starker Geburtenrückgang zu verzeichnen. Betriebe sind somit mit einem zunehmend älteren Arbeitskräfteangebot konfrontiert. Deren Arbeitsfähigkeit zu erhalten muss somit ein zentrales Ziel sein.

Die Ergebnisse des Arbeitsklima Index der Arbeiterkammer Oberösterreich geben allerdings Anlass zur Besorgnis. Dreißig Prozent der befragten österreichischen Arbeitnehmer/-innen schätzen, dass sie ihre berufliche Tätigkeit nicht bis zum Regelpensionsalter ausüben können. Unter den Schichtarbeiter/-innen denken dies sogar vierzig Prozent. In Anbetracht der angespannten Arbeitsmarktlage – insbesondere für Ältere – wird ein Arbeitsplatzwechsel für viele problematisch sein. Schlussendlich kommt man an der Frage nicht vorbei, wie die Arbeitsbedingungen gestaltet sein müssen, dass ein gesundes Erreichen des Pensionsalters für Beschäftigte möglich ist.

Abb. 1: Arbeitsklima Index: „Arbeiten bis zur Pension“

Quelle: Arbeitsklima Index der AK Oberösterreich, 2016

Spezifische Probleme bei Schichtarbeit

In der arbeitswissenschaftlichen Forschung (Rutenfranz et al., 1993, und Janßen & Nachreiner, 2004) werden mehrere Merkmale von Arbeitszeit unterschieden:

  • Dauer (z. B. täglich, wöchentlich, jährlich)
  • Lage (z. B. Schichtarbeit)
  • Verteilung (z. B. Pausen, tägliche Ruhezeiten)
  • Dynamik (z. B. die Abfolge von Arbeits- und Ruhezeiten)
  • Planbarkeit bzw. Vorhersehbarkeit
  • Individueller Dispositionsspielraum

Die Vielzahl der Merkmale ist gleichbedeutend mit einer Vielzahl an Gestaltungsmöglichkeiten.

Schichtarbeit ist schon aufgrund ihrer Lage problematisch. Speziell die Nachtarbeit widerspricht deutlich dem natürlichen biologischen Rhythmus des Menschen. Dadurch ist die Konzentrationsfähigkeit in der Nacht reduziert, die Müdigkeit ist hoch. Dieser Umstand erhöht das relative Risiko, während der Nacht einen Arbeitsunfall zu erleiden, wie verschiedene Studien zeigen konnten.

Abb. 2: Relatives Risiko, einen Arbeitsunfall zu erleiden, im Tagesverlauf

Quelle: Folkard & Lombardi, 2004

Sind nun weitere Merkmale der Arbeitszeit ungünstig gestaltet, verstärken sich die negativen Effekte. Eine lange Arbeitsdauer verlängert die Arbeitsbelastung und verkürzt gleichzeitig die dringend notwendigen Erholungsphasen. Dies senkt die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit und wirkt sich wiederum negativ auf das Unfallrisiko aus. Gesundheitliche Probleme wie Schlafstörungen, Verdauungsprobleme und Störungen des Herz-Kreislauf-Systems treten bei langen Arbeitszeiten und Schichtarbeit ebenso verstärkt auf. Mangelnde Planbarkeit, wenig Dispositionsspielräume oder eine ungünstige Arbeitszeitverteilung (z. B. häufig Arbeit an Abenden und Wochenenden) erschweren außerdem die ohnehin geringe Möglichkeit für Schichtarbeiter/-innen zur sozialen Teilhabe. Geringe soziale Teilhabe wiederum hat mittelbar negative Auswirkungen auf die Gesundheit.

Healthy Worker Effect – der Mythos der „gesunden“ Schicht

Die Wahrnehmung in den Betrieben scheint die Forschung zu widerlegen. Dort erscheinen Schichtarbeiter/-innen bei internen Befragungen oftmals als besonders gesund und zufrieden. Dieses Phänomen wird als Healthy Worker Effect bezeichnet. Die Beschäftigten erscheinen deshalb als besonders gesund und widerstandsfähig, weil jene, welche empfindlich auf die Auswirkungen von Schichtarbeit reagieren, rasch wieder aus dem Unternehmen ausscheiden. In den ersten fünf Jahren ist bei Schichtarbeit eine auffällig hohe Drop-out-Quote zu beobachten.

Die verbleibenden Mitarbeiter/-innen kommen mit den Anforderungen scheinbar besser zurecht, entwickeln jedoch häufig problematische Bewältigungsstrategien wie den regelmäßigen Missbrauch von Schlafmitteln oder Alkohol. Die gesundheitlichen Folgen entwickeln sich schließlich über einen langen Zeitraum. Bei älteren Schichtarbeiter/-innen tritt dann vermehrt der Wunsch oder die gesundheitliche Notwendigkeit auf, den Schichtdienst zu verlassen oder eine Arbeitszeitverkürzung in Anspruch zu nehmen. Im schlimmsten Fall treten chronische Beschwerden auf (z. B. Schlafstörungen, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen), welche in die Schichtdienstunfähigkeit oder sogar Erwerbsunfähigkeit führen.

Schichtarbeit besser gestalten

Aus arbeitswissenschaftlicher Sicht kann Schichtarbeit niemals als unproblematisch betrachtet werden. Jedoch gibt es durchaus Gestaltungsoptionen für eine möglichst gesundheitsverträgliche Schichtarbeit. Folgende Empfehlungen sollten bei der Schichtplangestaltung berücksichtigt werden:

  • so wenig Nachtschichten wie möglich
  • maximal zwei bis drei Nachtschichten hintereinander
  • Schichtdienst an maximal fünf bis sieben Arbeitstagen in Folge
  • schnelle, vorwärtsrotierende Schichtwechsel (d. h. Wechsel von Früh- zu Spät- zu Nachtschicht mit maximal zwei bis drei gleichartigen Schichten in Folge)
  • gleichmäßige Verteilung von Arbeit und Freizeit (keine zu langen Freizeitblöcke)
  • ausreichende Ruhezeiten, insbesondere nach Nachtschichten (mind. 48 Stunden)
  • genug sozial nutzbare Zeit; z. B. möglichst viele freie Wochenenden
  • Arbeitsbelastungen bei der Dauer der Schichtlänge berücksichtigen
  • ausreichende und gut nutzbare Pausen

Neben den häufig ungenutzten Gestaltungsmöglichkeiten der Unternehmen gibt es auch seitens der Betriebsrät/-innen und Beschäftigten oftmals Vorbehalte gegen geänderte Rahmenbedingungen. Kürzere Schichten können beispielsweise dazu führen, dass an mehr Tagen pro Woche gearbeitet werden muss. Dies bedeutet mehr Wegzeiten und weniger freie Tage pro Woche. Auch monetäre Anreize (Zuschläge) können einen Veränderungsprozess erschweren. Oft ist es jedoch schlicht die „Macht der Gewohnheit“. Denn Schichtarbeiter/-innen haben oft lange gebraucht, um sich mit den besonderen Anforderungen zu arrangieren und ihr Leben danach einzurichten. Auf dem Weg zu gesünderen Schichtplänen ist es daher unerlässlich, die Beschäftigten miteinzubeziehen und deren Sorgen ernst zu nehmen.

Fazit

Schichtarbeit wird auch in Zukunft in vielen Bereichen der Wirtschaft und öffentlichen Dienstleistungen unerlässlich sein. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels muss diese künftig besser gestaltet werden. Wissenschaftlich fundierte Empfehlungen liegen hinreichend vor, werden jedoch noch viel zu selten umgesetzt. Ergonomische Schichtpläne dürfen allerdings nicht nur älteren Beschäftigten zu gutekommen, sondern müssen für alle verfügbar sein. Schließlich muss schon in jungen Jahren angesetzt werden, wenn man die Arbeitsfähigkeit dauerhaft erhalten will.

Quellen:

Rutenfranz, J., Knauth, P., Nachreiner, F. (1993): Arbeitszeitgestaltung. In H. Schmidtke (Hg.), Ergonomie München: Hanser, 574-599.

Janßen, D., Nachreiner, F. (2004): Flexible Arbeitszeiten (Schriftenreihe der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin – BauA, Fb 1025). Bremerhaven: Wirtschaftsverlag NW, Verlag für neue Wissenschaft GmbH.

Folkard, S., Lombardi, D. A. (2004): Toward a “Risk Index” to assess work schedules. Chronobiology International Journal, Biol Med Rhythm Res 21, 6, 1063-1072.

Wirtz, A. (2010): Gesundheitliche und soziale Auswirkungen langer Arbeitszeiten. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin – BAuA. Dortmund.