Preisliche Wettbewerbsfähigkeit wird in der außenwirtschaftlichen Debatte überbewertet

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Stefan Schiman, 16. Oktober 2013

Stefan_SchimanEine Schwalbe macht noch keinen Sommer: Trotz der jüngsten Signale eines Aufschwungs befindet sich die europäische Währungsunion in einer tiefen Krise. Bei deren versuchter Bewältigung kommen vor allem Maßnahmen zur Anwendung, die dem betriebswirtschaftlich geschulten Hausverstand folgen und ihre Wirksamkeit in Form eines Verlustschmerzes (durch Lohnrückgänge, Arbeitsplatzverlust oder Steuerausfall) definieren. Außenwirtschaftliche Aspekte stehen dabei mit im Zentrum der Debatte. Eine Analyse der österreichischen Handelsbilanz zeigt nun, dass die Stärke der außenwirtschaftlichen Position Österreichs primär dem hohen Einkommens- und Produktivitätsniveau geschuldet ist. Kosten- und Preisaspekte spielen für die langfristige Position im Außenhandel hingegen eine geringere Rolle. Dies legt auch eine Repriorisierung wirtschaftspolitischer Maßnahmen auf europäischer Ebene nahe.

Symptomkuren dominieren die Wirtschaftspolitik

Die bisherigen Symptomkuren führten in den europäischen Krisenländern nicht zu einer Besserung, sondern verschlimmerten die Lage; überhastete und überzogene Staatsausgabenkürzungen, teils beträchtliche Lohneinbußen und Liberalisierungen auf den Arbeitsmärkten vertieften die Rezession im Euroraum. Die jüngsten Zuwächse können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Rahmenbedingungen ungünstig und die mittelfristigen Wachstumsaussichten gedämpft sind.

Maßnahmen wie Bildungsinvestitionen zu intensivieren, Innovationscluster zu stärken, Institutionen zu reformieren, die Bürokratie zu modernisieren, oder etwa die Energiewende aktiv zu betreiben, geraten ins Hintertreffen. Es wird ihnen der Nutzen zur akuten Problembewältigung abgesprochen; sie werden auf die lange Bank (die lange Frist) geschoben, auf die Zeit „nach der Krise“. Die aktuellen wirtschaftspolitischen Anstrengungen gelten ad-hoc Maßnahmen und punktuellen Rettungseinsätzen, viel Zeit wurde für die Ausgestaltung von Fiskalregeln und Wettbewerbspaketen verschwendet.

Kosten- und Preisaspekte sind im außenwirtschaftlichen Kontext überbewertet

Eine aktuelle WIFO-Studie beschäftigt sich eingehend mit den langfristigen Determinanten der österreichischen Warenverkehrsbilanz (Saldo aus Güterexporten und Güterimporten). Dabei sticht heraus, dass das gesamtwirtschaftliche Einkommensniveau in Relation zu anderen Ländern der wichtigste Faktor für die Entwicklung der Handelsbilanz ist. Der Zusammenhang ist nicht-linear: Solange die österreichische Volkswirtschaft „Aufholpotential“ gegenüber anderen westeuropäischen Ländern aufwies (etwa bis zur zweiten Hälfte der 1970er Jahre), erhöhte sich das Handelsbilanzdefizit; seither ist das nunmehr überdurchschnittliche Einkommensniveau Österreichs mit einer Verringerung des Defizits verbunden. Der hohe Entwicklungsgrad und erfolgreiche Spezialisierungen machen österreichische Betriebe zu Technologiegebern und führen nicht nur zu einem hohen Einkommens- und Produktivitätsniveau, sondern auch zu einem nachhaltigen Überschuss beim Handel mit Fertigwaren.

Nicht nur, dass der Zusammenhang zwischen Produktivitätsfortschritt, Einkommenszuwächsen und Außenhandelssaldo langfristig positiv ist, er ist auch deutlich stärker ausgeprägt als jener zwischen dem Außenhandel und seinen preislichen Faktoren. So lässt sich etwa zwischen dem real-effektiven Wechselkurs (ein häufig verwendetes Maß für die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft) und der Handelsbilanz keinerlei Zusammenhang erkennen. Der preisliche Faktor findet vielmehr über die Terms-of Trade (ToT, Verhältnis von Export- zu Importpreisen) Eingang in die Bestimmung des Außenhandelssaldos.

Der Erklärungsgehalt der ToT für die langfristige Entwicklung der Handelsbilanz beträgt aber lediglich ein Drittel des Erklärungsgehalts des relativen pro-Kopf-Einkommens. Die Bedeutung von preis- und kostenbezogenen Maßnahmen, die derzeit in den europäischen Krisenländern im Fokus der außenwirtschaftlichen Debatte stehen, sollte daher nicht überbewertet werden. Investitionen, die das Entwicklungsniveau heben und die technologische Spezialisierung vorantreiben, stärken die außenwirtschaftliche Position effektiver und nachhaltig.

Schwache Regionen: Perspektive als Werkbank Europas?

Das Beispiel Österreichs zeigt aber auch, dass ein erfolgreicher Entwicklungsprozess von einer anfänglichen Zunahme des Außenhandelsdefizits begleitet ist, solange sich die Volkswirtschaft im Stadium eines unterdurchschnittlichen Entwicklungs- und Einkommensniveaus befindet. Maßgeblich für den Erfolg des Aufholprozesses ist, dass die erwarteten höheren Produktivitätszuwächse tatsächlich realisiert werden (können). Die Regionen Europas stehen heute aufgrund der gestiegenen wirtschaftlichen Integration und der gemeinsamen Währung stärker denn je im gegenseitigen Wettbewerb; den aufholenden Regionen muss daher die Möglichkeit gegeben werden, ihr Potential auszuschöpfen, anstatt sie durch wirtschaftspolitischen Aderlass zur Werkbank Europas zu degradieren.

Die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen belastet die Außenhandelsbilanzen maßgeblich

Die Ergebnisse der Studie legen auch nahe, dass eine Energiewende positive Konsequenzen für die Außenwirtschaft eines Landes haben kann; insbesondere wenn es, wie Österreich, nur über geringe Vorkommen an fossilen Brennstoffen verfügt. Die Handelsbilanz von Roh- und Brennstoffen ist als einzige deutlich negativ und damit praktisch alleinverantwortlich für das Außenhandelsdefizit Österreichs. Frappierend ist das Ausmaß der Korrelation der Roh- und Brennstoffbilanz und des Rohölpreises: Sie beträgt rund 95%; die jährlichen Veränderungsraten korrelieren immer noch zu knapp 70% miteinander. Das bedeutet, dass der Preis von Rohöl (und seiner Substitute) das Ausmaß des Handelsbilanzdefizits bei Roh- und Brennstoffen fast zur Gänze bestimmt. Maßnahmen, die die Abhängigkeit der Industrie von importierten fossilen Brennstoffen verringern und die Entwicklung heimischer Energiequellen fördern, können daher maßgeblich zur Verbesserung der gesamten außenwirtschaftlichen Position beitragen.

Progressive Strukturreformen stärken die außenwirtschaftliche Position

Für die Bewältigung der aktuellen außenwirtschaftlichen Herausforderungen vieler Länder sind nicht nur preisliche Anpassungen, sondern vor allem strukturelle Maßnahmen von zentraler Bedeutung. Die Fokussierung auf Bildungsaspekte, technologische Spezialisierungen, institutionelle Reformen und das aktive Betreiben der Energiewende dürfen nicht auf die lange Bank geschoben werden, sondern sind wichtige Elemente einer Reformagenda, die den zentralen wirtschaftspolitischen Fragestellungen unserer Zeit angemessen begegnet.