Neue Arbeitswelt – My office is where I am! oder: Anywhere you are, you have to work

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Charlotte Reiff, 28. Feburar 2013

profil_reiff_charlotteDas „neue Arbeiten“ ist in aller Munde: von Microsoft in einer eigenen Publikation gepriesen, im neuen Microsoft Büro in Wien, zahlreichen Co-working-Spaces und unzähligen Betrieben in Österreich bereits gelebt, von der Politik thematisiert. Doch was bedeutet „neues Arbeiten“ und wird es die Arbeitswelt, wie von den Proponenten behauptet, tatsächlich verbessern?

Zum einen ist durch die neuen Kommunikationsmittel (Smartphones, Tablets,…) eine Verschmelzung von Arbeitszeit und Freizeit zu beobachten. Arbeit beginnt vielfach schon vor dem regulären Arbeitsbeginn z.B. beim E-Mail lesen oder beantworten auf der Zugfahrt ins Büro, während des Frühstücks oder am Weg zum Kindergarten. Oder sie endet mit dem letzten Abruf der dienstlichen E-Mails im Bett. Dass diese Entwicklung der permanenten Erreichbarkeit viele Gefahren mit sich bringt, liegt auf der Hand. Körperliche, soziale und psychische Ressourcen bedürfen einer ausreichenden Regeneration, die bei einer derartigen Arbeitsgestaltung oft nicht mehr gegeben ist. Psychische Belastungen der Arbeitnehmer nehmen zu. Verschärft wird das Problem dadurch, dass man das Arbeitsmittel Gehirn immer bei sich trägt und es nicht mit Beginn und Ende des Arbeitstages ausgeschaltet wird. Wissen bzw. Arbeitsinhalte sind grundsätzlich immer und überall abrufbar. Durch die neuen Technologien ist die permanente Abrufbarkeit nun nicht mehr nur als theoretische Möglichkeit zu verstehen: ein Anruf oder Mail genügt und schon wird das arbeitsrelevante Wissen aktiviert.

Ein weiterer Bereich, in dem sich Trends in Richtung „neues Arbeiten“ erkennen lassen, ist die Arbeitsstättengestaltung. Zum Teil wird von „der erstaunlichen Möglichkeit“ gesprochen „Büros so zu gestalten, dass die darin arbeitenden Menschen sie gerne betreten“ (Georg Obermeier, Geschäftsführer Microsoft Österreich). Unternehmen versuchen durch architektonische und funktionelle Maßnahmen den Erlebnis-, Wohlfühl- und Kommunikationsfaktor am Arbeitsplatz zu erhöhen. Was das verbesserte Erleben und Wohlfühlen am Arbeitsplatz betrifft, kann man dahinter wohl mitunter das Bestreben der Unternehmen vermuten, im Wettbewerb um potentielle ArbeitnehmerInnen attraktiv zu sein und den Menschen emotional enger an das Unternehmen zu binden. Aktivierungs- und Beruhigungspotenziale durch Beleuchtungs- und Farbgestaltung zu nutzen, scheint für ArbeitnehmerInnen durchaus positiv zu sein – auch wenn der Arbeitsplatz durch teure Möbel und technische Gadgets plötzlich attraktiver ist, als das eigene Heim. Viel kritischer ist meines Erachtens die offene Arbeitsplatzgestaltung zu sehen, die dem „neuen Arbeiten“ wesensimmanent erscheint. Kommunikation zwischen Menschen ist eine sehr komplexe und sensible Angelegenheit. Alleine die Verschiedenartigkeit von Menschen und die Unterschiede in ihren Persönlichkeiten erfordern eine hohe emotionale und soziale Flexibilität im Arbeitskontext. Dieser wird immer mehr durch Projekt- und Teamarbeit geprägt, durch Arbeitsplätze an unterschiedlichen kulturellen Orten, durch das Kommunizieren in verschiedenen Sprachen. Gibt es nun auch noch einen offenen workspace und keinen festen Arbeitsplatz (Stichwort co-workplace), gibt es keinen Rückzug mehr aus der Kommunikation. Das ist sicher nicht jedermanns Sache und kann zu steigenden psychischen Belastungen oder schließlich zu seelischen und sozialen Störungen und Erkrankungen führen. Für ArbeitnehmerInnen sind Teamarbeit und Kommunikation wünschenswert, aber man sollte nicht vergessen, dass auch Ruhe und Zurückgezogenheit beim Arbeiten notwendig sind.

Von vielen Seiten wird in der Debatte um „neues Arbeiten“ suggeriert, dass die neue Arbeitswelt insbesondere für die Arbeitnehmer große Vorteile bringe, beispielsweise Flexibilität im Umgang mit Kinderbetreuung und privaten Verpflichtungen. Richtig ist, dass neue Arbeitsweisen die Wünsche vieler Arbeitnehmer erfüllen können, zB durch Einrichtung eines Homeoffice und Ermöglichung der Erledigung einfacher Aufgaben von zu Hause aus, für die man dann nicht ins Büro zurückkehren muss. Gerade für berufstätige Eltern trägt das mit Sicherheit zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei.

Flexibilität ist aber ein Begriff der je nach Perspektive ganz unterschiedlich verstanden wird. Denn geregelte Arbeitszeiten und ein fester Arbeitsplatz stellen nicht nur Zwang und „unnatürliche Rahmenbedingungen“ (Vgl Microsoft Corporation, Das neue Arbeiten (2011)) dar, sondern entsprechen auch einem Schutz- und Sicherheitsbedürfnis des Menschen. Räumliche und zeitliche Flexibilität können Kreativität fördern und die Alltagsorganisation erleichtern, zur Generalisierung eignen sie sich dennoch nicht. Flexibilität kann auch die Unsicherheit der Arbeitnehmer vergrößern, sich in Druck verwandeln und die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit verschwimmen lassen. Arbeitspsychologisch ausgedrückt: Flexibilität kann Privatheit destruieren.

Unbestritten stecken in Konzepten zum „neuen Arbeiten“ viele Potentiale, doch sollten uns Titel wie dieser bestimmte Entwicklungen hinterfragen lassen: „Das Ende des Einzelbüros: Büros, in denen in aller Stille vor sich hin gearbeitet wird, soll es künftig nicht mehr geben“ (Kleine Zeitung 26.11.2012).

“But all of this amped-up productivity comes with a growing sense of unease. Too often, people find themselves with little time to concentrate and reflect on their work. Or to be truly present with their friends and family.” Meece, Who’s the Boss, You or Your Gadget? In: The New York Times, 6.2.2011, S. BU1.

„Vor ein paar Jahren ließ der US-Sportartikelhersteller Reebok in Canton, Massachusetts, einen neuen Firmensitz errichten. Die Unternehmenschefs planten große, offene Büroflächen für die Designer zu bauen. Das wäre, so die Überlegung, der Kreativität sicher förderlich. Die Firmenleitung beschloss, ihre Angestellten zu fragen. Das Ergebnis: Am meisten wünschten sich die Designer ein eigenes Zimmer, um in Ruhe arbeiten und sich besser konzentrieren zu können. Mehr nicht.“ Kullmann, Die Kraft der Stillen. In: Der Spiegel, Nr. 34/20.8.2012, S.106.

„Es muss ganz klare Regeln innerhalb eines Betriebes geben was Handykultur, Mailverkehr angeht. Diese Regeln müssen vom Arbeitgeber gesetzt werden, aber auch von den Beschäftigten gelebt werden […] In der Freizeit sollte Funkstille herrschen“. (Deutsche Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, 12.6.2012)