Müssen wir auf Reallohnsteigerungen verzichten?

Stefan Schiman, 22.Februar 2016

Stefan_SchimanIn den letzten Jahren war das Wirtschaftswachstum in Österreich niedrig und die Inflation verhältnismäßig hoch. Haben wir an Wettbewerbsfähigkeit verloren und müssen den Gürtel enger schnallen, indem wir auf Reallohnsteigerungen verzichten? Im Gegenteil: Die Wettbewerbsfähigkeit heimischer Betriebe hat sich nicht verschlechtert. Vielmehr würden höhere Realeinkommenszuwächse die private Konsumnachfrage stimulieren und das Wirtschaftswachstum erhöhen, da sich die Produktivität in prozyklischer Weise verbessern und den Außenhandel nicht belasten würde.

Seit 2012 wächst die österreichische Volkswirtschaft um weniger als 1% pro Jahr, gleichzeitig steigen die Preise stärker als in Deutschland und im Euro-Raum. In dieser Kombination sehen manche wirtschaftspolitische Kommentatoren bereits das Resultat einer verschlechterten Wettbewerbsfähigkeit – nach der Logik: Die erhöhte Inflation sei die Folge zu stark gestiegener Produktionskosten, die die Erzeugung im Inland und damit das Wirtschaftswachstum bremsten.

Die Notenbank behauptet in ihrem vierteljährlich erscheinenden Inflationsbericht: „Die stärker als die Gesamtinflationsrate wachsenden Arbeitskosten sind auch ein Grund für die hohen Inflationsraten (…) und erklären somit einen Großteil des Inflationsdifferenzials zu Deutschland.“ Auf dieser argumentativen Grundlage stellen die Arbeitgeber in der Maschinen- und Metallwarenindustrie die Verwendung der heimischen Inflationsrate als Basis der Lohnverhandlungen in Frage und schlugen die geringere euroraumweite Teuerungsrate als Referenz vor – was entsprechende Reallohneinbußen der Arbeitnehmer zur Folge hätte. Müssen wir vorübergehend tatsächlich Realeinkommensverluste akzeptieren, um unseren Wohlstand langfristig zu sichern?

Wettbewerbsposition verschlechterte sich nicht

Die Indikatoren der Leistungsbilanz zeichnen ein freundlicheres Bild vom heimischen Wirtschaftsgeschehen: Im Außenhandel mit Dienstleistungen werden deutliche Überschüsse erzielt. Die Dominanz des Tourismus als Devisenbringer hat zugunsten anderer Dienstleistungen abgenommen; das Spektrum an Dienstleistungen, in dem österreichische Anbieter komparative Vorteile aufweisen, hat sich demnach vergrößert. Auch die Entwicklung im Güteraußenhandel – 2014 wurde erstmals seit 2008 wieder ein Überschuss erzielt – spricht gegen eine verschlechterte Wettbewerbsposition der heimischen Volkswirtschaft. Wie können diese positiven Entwicklungen mit der Wachstumsschwäche und dem Inflationsdruck in Einklang gebracht werden?

Exporte wachsen, Inlandsnachfrage stagniert

Eine Zerlegung des Wirtschaftswachstums in die Verwendungskomponenten zeigt, dass die Inlandsnachfrage in den letzten Jahren kaum zum Wachstum beitrug, während die Exporte seit dem II. Quartal 2013 laufend positive Beiträge liefern. Ferner ergibt eine länderspezifische Analyse der vier größten Absatzmärkte, dass die heimische Güterausfuhr der Konjunkturlage in diesen Ländern entspricht: stark wachsend in die USA, moderat steigend in die MOEL-5 (Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn)und stagnierend nach Italien.

Lediglich die Ausfuhr nach Deutschland, der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt, bleibt unter den Erwartungen zurück. Dafür ist allerdings nicht eine veränderte Wettbewerbsposition Österreichs verantwortlich, sondern die „Produktionsschwäche“ des deutschen Aufschwungs: In Deutschland wurde in den letzten Jahren kaum investiert bzw. wurde die geringe Investitionsgüternachfrage aus Lagerbeständen gespeist. Daher gibt es seit gut drei Jahren keinen Anlass für deutsche Unternehmen, die Sachgüterproduktion auszuweiten. Das trifft die österreichische Exportwirtschaft mit ihrem Schwerpunkt in der Maschinen- und Metallwarenindustrie besonders hart, denn eine Zunahme der Industrieproduktion in Deutschland um 1% ging in den vergangenen 20 Jahren mit einer Steigerung der heimischen Warenexporte um durchschnittlich 3,5% einher.

VerwendungskomponentenBIP

Während sich also die Warenausfuhr in den letzten Jahren – vor allem wegen des „produktionsarmen“ Aufschwungs in Deutschland – nur moderat entwickelte, nahmen die Dienstleistungsexporte kräftig zu. In der Tat handelt es sich um die einzige Verwendungskomponente, die seit 2012 zügig und stabil wuchs (Abb. 1). An dieser Stelle ergibt sich die Verbindung zum erhöhten Preisauftrieb: Das robuste Wachstum der Dienstleistungsexporte geht mit einem kontinuierlichen Anstieg ihrer Preise einher, die Preise der Warenexporte haben seit Mitte 2011 hingegen nicht zugenommen. Der Preisdruck im Außenhandel dürfte also nachfragebestimmt sein und nicht umgekehrt die Nachfrage nach österreichischen Produkten von stärker steigenden Preisen gebremst werden. Diese Vermutung wird durch den real-effektiven Wechselkurs erhärtet: im Durchschnitt der letzten vier Jahre ist er tendenziell weder gestiegen noch gesunken; die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Wirtschaft hat sich in diesem Zeitraum also weder verbessert noch verschlechtert.

Florierende Tourismusnachfrage erhöht die Inflation

Wie verhält es sich aber mit der erhöhten Preisdynamik im Inland? Auch sie ist fast ausschließlich auf Dienstleistungen zurückzuführen. Die HVPI-Entwicklung bei industriellen Gütern entspricht hingegen – passend zur schwachen Preisdynamik im Warenaußenhandel – jener des Euro-Raum-Durchschnitts. Der größte und stabilste Preistreiber ist der Bereich Freizeit, hier vor allem die Gastronomie (Restaurants und Cafés), aber auch Sport und Kultur – also tourismusnahe Dienstleistungen. Gleichzeitig ist der Beschäftigungsanstieg in diesem Segment hoch und die Zahl der Ankünfte und Übernachtungen steigt kontinuierlich. Die überdurchschnittlichen Preissteigerungen lassen demnach auf eine florierende Tourismusnachfrage schließen (mit der der Produktivitätszuwachs nicht Schritt hält).

Wie aber passt das Bild einer blühenden Tourismusbranche zu jenem einer Stagnation der übrigen Volkswirtschaft? Zum einen stammt ein beträchtlicher Teil dieser Nachfrage aus dem Ausland (Tourismusexporte). Zum anderen bewirkt die schwache Einkommenssituation im Inland offenbar nicht so sehr eine geringere Nachfrage nach Tourismusdienstleistungen, sondern schlägt sich eher in einer Reduktion der Qualität der nachgefragten Unterkünfte nieder; die Urlaubsnachfrage verschiebt sich vom mittleren zum unteren Preissegment.

Zusammenfassend kann zum Inflationsdifferential festgehalten werden, dass es zum überwiegenden Teil auf die robuste Dienstleistungsnachfrage zurückzuführen ist; überdurchschnittliche Steigerungen von Produktionskosten können hingegen nicht attestiert werden.

Konjunktur in Deutschland profitiert von höheren Lohnsteigerungen

Ein Vergleich der Lohnentwicklung in Österreich und Deutschland erhärtet dieses Bild. Löhne und Gehälter spielen im volkswirtschaftlichen Kreislauf zwei unterschiedliche Rollen: Zum einen sind sie die größte Kostenkomponente bei der Herstellung von Waren und der Bereitstellung von Dienstleistungen („Kostenaspekt“, rechte Säulen in Abb. 2), zum anderen stellen sie die wichtigste Einkommensquelle der privaten Haushalte dar und damit die Basis der Konsumnachfrage („Wachstumsaspekt“, linke Säulen in Abb. 2). 2012 und 2013 war die Entwicklung in Deutschland und Österreich relativ ähnlich; bemerkenswerte Unterschiede ergeben sich erst ab 2014, als die Arbeitnehmerentgelte in Deutschland stärker stiegen als in Österreich.AufteilungANEntgelte

Der Zuwachs schlägt sich sowohl hinsichtlich der Kosten- als auch der Wachstumsaspekte in günstigen Faktoren nieder: Das Wachstum der Pro-Kopf-Löhne beschleunigte sich, die Inflation blieb niedriger als in Österreich und die Beschäftigung expandierte etwas stärker, sodass der private Konsum in Deutschland profitierte. Entsprechend ihrer prozyklischen Entwicklung verbesserte sich gleichzeitig die gesamtwirtschaftliche Produktivität (das reale BIP nahm stärker zu als die Beschäftigung), sodass der höhere Anstieg der Arbeitskosten nicht die Lohnstückkosten befeuerte. Die Beschleunigung der Arbeitseinkommen stärkte in Deutschland also die Binnenkonjunktur ohne die Exporte zu belasten; die Wachstumsaspekte des beschleunigten Lohnanstiegs dominierten gegenüber den Kostenaspekten.

Einkommen in Österreich durch steigendes Arbeitskräfteangebot unter Druck

Ein Blick auf den Arbeitsmarkt ist schließlich notwendig, um die Divergenz der Arbeitseinkommen in Deutschland und Österreich seit 2014 zu verstehen. Bei der für den Lohndruck maßgeblichen Variable, der Arbeitslosigkeit, zeigt sich in den beiden Ländern ein konträres Bild: Während sie in Österreich 2015 auf den höchsten dokumentierten Jahreswert in der Zweiten Republik kletterte (9,1%), erreichte sie in Deutschland den geringsten dokumentierten Jahreswert seit der Wiedervereinigung (7,1%).

Wie oben beschrieben, wuchs die Beschäftigung in Deutschland nur geringfügig stärker. Daraus folgt, dass die divergenten Tendenzen der Arbeitslosenquoten einer in erster Linie unterschiedlich starken Expansion des Arbeitskräfteangebots geschuldet sind. Anhand der Beveridge-Kurve ist für Österreich zu erkennen, dass das Arbeitskräfteangebot seit Mitte 2013 in einem stärken Maß zugenommen hat, als es durch die (schwache) Wirtschaftslage und die (getrübten) Arbeitsmarktperspektiven erklärbar ist. Eine Ursache hierfür ist demnach die erzwungene (d.h. von der konjunkturellen Lage unabhängige) Arbeitsmarktbeteiligung; etwa da älteren Arbeitnehmern der vorzeitige Pensionsantritt erschwert wurde oder wegen Zuwanderung, die durch die wirtschaftliche Lage in den Herkunftsländern oder nicht-ökonomischen Faktoren, wie z.B. bewaffnete Konflikte und/oder Familiennachzug, motiviert ist.

Wir können es uns nicht leisten, auf Reallohnsteigerungen zu verzichten

Das Fazit ist, dass die Wachstumsschwäche der heimischen Volkswirtschaft seit der Euro-Raum-Krise nicht auf eine geänderte preisliche Wettbewerbsposition zurückzuführen ist, sondern auf die Belastung der Inlandsnachfrage, die aus der erhöhten Inflation und der steigenden Arbeitslosigkeit resultiert. Eine zentrale Rolle spielt dabei die rasche Expansion des Arbeitskräfteangebots, da der damit verbundene Anstieg der Arbeitslosigkeit die Einkommenszuwächse und die Konsumnachfrage belastet; dies unterscheidet die Lage in Österreich grundlegend von jener in Deutschland. Die Antwort auf die im Titel gestellte Frage muss daher lauten: Wir dürfen nicht auf Reallohnsteigerungen verzichten, denn das würde das Wirtschaftswachstum noch weiter schwächen. Höhere Realeinkommenszuwächse würden hingegen die private Konsumnachfrage stimulieren, die Absatzperspektiven der Unternehmen aufhellen und das Wirtschaftswachstum erhöhen, da sich die Produktivität in prozyklischer Weise verbessern und den Außenhandel nicht belasten würde.

Dieser Beitrag beruht auf dem in Kürze erscheinenden WIFO-Monatsbericht „Zur Wachstumsschwäche und erhöhten Inflation in Österreich“ (Schiman, 2016)