Mit John Maynard Keynes aus der Krise

Markus Marterbauer, 12. September 2013

marterbauerPlatzen der Spekulationsblase auf den Vermögensmärkten, zahllose Bankeninsolvenzen, Nachfrageeinbruch, Massenarbeitslosigkeit: Die Wirtschaftskrise nahm ihren Ausgang in den USA, breitete sich allerdings mit Windeseile auf Europa aus und führte zu einer Depression, die die Arbeitslosenraten in manchen Ländern auf über 30% der Erwerbspersonen trieb. Die als Therapie gedachten Maßnahmen der Wirtschaftspolitik in den Krisenländern, darunter vor allem die Senkung der Löhne und die Kürzung von Staatsausgaben, beschleunigten die Abwärtsspirale. Mit dem eklatanten Versagen der herrschenden Wirtschaftspolitik mehrten sich auch die Zweifel bezüglich ihrer theoretischen Basis. Dieses Vakuum nutze eine Gruppe junger ÖkonomInnen, die mit einer neuen Erklärung makroökonomischer Zusammenhänge  eine neue Ära der ökonomischen Theorie und der Wirtschaftspolitik einleitete.

Was als Beschreibung der Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2007 – mit einem zugegeben recht optimistischen Schluss – gelten könnte, bildet die historische Darstellung der 1929 einsetzenden Weltwirtschaftskrise und der Geburt der Keynesschen Theorie in den 1920er und 1930er Jahren. Ihr ist der Band „John Maynard Keynes“ der UTB-Serie „Die größten Ökonomen“ gewidmet, für den mit Jürgen Kromphardt, dem Vorsitzenden der Keynes-Gesellschaft, der denkbar profundeste Autor gewonnen werden konnte. Kromphardt bettet die Diskussion der wichtigsten Elemente der ökonomischen Publikationen von Keynes gekonnt in die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Entstehungszeit, die persönlichen Lebensumstände und die wirtschaftspolitischen Aktivitäten des Protagonisten ein.

Keynes Kampf für seine wirtschaftspolitischen Überzeugungen

John Maynard Keynes trat schon zu Beginn der Weltwirtschaftskrise im Rahmen des Macmillan Committee on Finance and Industry und des Committee on International Economic Policy, in zahllosen Zeitungsartikel, Leserbriefen, Radiosendungen und Briefen an wirtschaftspolitische Entscheidungsträger, etwa an den Gouverneur der Bank of England Montagu Norman oder den Präsidenten der USA Franklin D. Roosevelt, für einen Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik Großbritanniens und der internationalen Gemeinschaft ein. Er forderte öffentlich finanzierte Investitionsausgaben, Maßnahmen zur Importsubstitution, öffentliche Beschäftigungsprogramme, Zinssenkungen, Stimulierung der Konsumnachfrage und eine Koordination der internationalen Währungs- und Wirtschaftspolitik.

Parallel zur Ausarbeitung teils tagesaktueller und immer problemorientierter wirtschaftspolitischer Vorschläge brach John Maynard Keynes gemeinsam mit einer Gruppe um Richard Kahn, James Mead, Joan und Austin Robinson und Piero Sraffa, genannt The Circus, aus den engen Fesseln des orthodoxen neoklassischen Theoriegebäudes aus und entwickelte rasch Elemente einer neuen Theorie zur Erklärung der empirisch zu beobachtenden Zusammenhänge.

Die Anfänge der Entwicklung einer heterodoxen ökonomischen Theorie durch Keynes erfolgte zunächst im Rahmen des Quereinstiegs in die Ökonomie (Keynes hatte in Cambridge Mathematik, Philosophie und Geschichte studiert) und des Staatsdienstes im Indian Office über die Herausgeberschaft des Economic Journal und das Sekretariat der Royal Economic Society. Der streitbare Politökonom Keynes trat 1919 mit seiner pointierte Abrechnung The Economic Consequences of the Peace zum ersten Mal prominent in Erscheinung. Darin kritisierte er die falschen und zu deren eigenem Nachteil wirkenden wirtschaftlichen Vorstellungen der Siegermächte, die im Rahmen der Versailler Friedensverhandlungen in den Reparationsforderungen an Deutschland zum Ausdruck kamen. 1925 erregte Keynes enorme öffentliche Aufmerksamkeit als er in The Economic Consequences of Mr. Churchill die Rückkehr Großbritanniens in den Goldstandard wegen ihrer deflationären Wirkungen entschieden ablehnte.

Opus Magnum: General Theory

Die aktive Beteiligung in der heftigen Auseinandersetzung um die richtige Wirtschaftspolitik in der Weltwirtschaftskrise bildete die Basis für das Hauptwerk von John Maynard Keynes, The General Theory of Employment, Interest and Money (1936). In diesem Buch wird die neoklassische Orthodoxie zwar als relevant für den Spezialfall einer Vollbeschäftigungswirtschaft angesehen, aber nicht als brauchbar für die aktuellen Probleme einer in großem Stil unterausgelasteten Wirtschaft. Keynes zeigte, warum das Saysche Gesetz (die Bestimmung des Outputs durch die Verfügbarkeit der Produktionsfaktoren), die Quantitätstheorie (die Bestimmung des nominellen BIP und des Preisniveaus durch die Geldmenge) und die neoklassische Arbeitsmarkttheorie (die Bestimmung des Beschäftigungsniveaus durch den Reallohn) nicht zur Beschreibung der wirtschaftlichen Zusammenhänge geeignet sind.

Er führte demgegenüber das Prinzip der effektiven Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen als entscheidende Determinante von Produktion und Beschäftigung ein. Die Gesamtnachfrage wird von der Prägung der Konsumnachfrage durch das verfügbare Einkommen und die Konsumneigung, sowie der Investitionsnachfrage durch Absatzerwartungen der Unternehmen und Kreditzinssatz bestimmt. Die Erwartungen spielen in einer Welt der Unsicherheit die bestimmende Rolle für die Konjunktur. Entscheidend sind nicht nur die Erwartungen der produzierenden Unternehmen und der KonsumentInnen, sondern besonders auch jene der AnlegerInnen auf den Finanzmärkten. Bei ihnen geht es um die Erwartungen über die Erwartungen anderer Akteure, also den für spekulative Vermögensmärkte charakteristischen Herdentrieb. John Maynard Keynes warnte schon in den 1930er Jahren eindringlich vor einem zu großen Finanzmarkt, der die realwirtschaftliche Entwicklung zu einem Spielball der Spekulation verkümmern lässt.

Insgesamt resultiert aus diesen Theorieelementen die zentrale Keynessche Erkenntnis, dass eine Marktwirtschaft leicht in ein Unterbeschäftigungsgleichgewicht gelangen kann, aus der die Marktkräfte selbst nicht wieder herausführen können, sondern nur ein entschiedener Impuls der Budget- und Geldpolitik.

Vorschläge für die Wirtschaftspolitik der Kriegs- und der Nachkriegszeit

Keynes Hauptwerk löste eine intensive Debatte in der Fachwelt und der Wirtschaftspolitik aus, an der Keynes selbst sich aufgrund zunehmender gesundheitlicher Probleme nur sehr eingeschränkt beteiligen konnte. Seine Herzkrankheit hinderte Keynes allerdings nicht daran, sich mit den mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges entstehenden, völlig neuen ökonomischen Problemen auseinanderzusetzen.

Dabei vollzog Keynes einen Rollenwechsel vom heftigen Kritiker von Wirtschaftspolitik und -theorie zu einem gefragten Vordenker und Gestalter in vielen Kommissionen und Verhandlungen. Er setzte sich mit neuen Fragen auseinander, wie zB der Finanzierung der kriegswichtigen Importe Großbritanniens durch die USA, der Erarbeitung der Proposals for an International Clearing Union, die die Grundlage für die Verhandlungen über die Schaffung einer Weltwährungsordnung in Bretton Woods bildeten, dem Long term Problem of Full Employment, in der er sich mit der langen Frist und der Wirkung drohender Nachfrageschwäche auf die Beschäftigung auseinandersetzte, oder den Zahlungsbilanzproblemen Großbritanniens nach dem Krieg. In Bezug auf die letzte Frage lehnte es Keynes vehement ab, das Leistungsbilanzdefizit Großbritanniens durch eine einseitige Restriktionspolitik verbunden mit hoher Arbeitslosigkeit zu lösen, auch weil er befürchtete, eine solche Politik könnte zu einem Zusammenbruch des demokratischen Regierungssystems führen.

Parallelen zwischen damals und heute

Die enormen wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen Europas in der gegenwärtigen Finanzkrise haben zu einer neuerlichen Aufmerksamkeit für Keynes Werk in Theorie und Politik geführt. Dies zu Recht, denn zwischen der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre und der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2007 gibt es zahllose Parallelen. Auch wenn das Diktum gilt, man könne nicht zwei Mal in den gleichen Fluss steigen, sind heute wie in den 1930er Jahren

zu konstatieren.

Dieser Blogeintrag basiert auf einer Rezension des neuen Buches von Jürgen Kromphardt „Die größten Ökonomen: John Maynard Keynes“ in Heft 3/2013 von Wirtschaft und Gesellschaft.