Mindestlohn = zufriedenere Beschäftigte

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Toralf Pusch und Miriam Rehm, 26. Juni 2017

Der deutsche Mindestlohn – eingeführt aufgrund der niedrigen und sinkenden Abdeckung durch Kollektivverträge – hat die Arbeitsbedingungen und die Arbeitszufriedenheit von Beschäftigten im Niedriglohnsektor positiv beeinflusst. Nach seiner Einführung stiegen die Stunden- und Bruttolöhne bei gleichzeitig etwas verringerter Arbeitszeit. Beschäftigte, die vom Mindestlohn erfasst sind, sind zwar oft mit gestiegenen Ansprüchen an ihre Arbeit konfrontiert, berichten aber auch von einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie, höherer Wertschätzung durch Vorgesetzte und einem besseren Betriebsklima. Insgesamt hat die Anhebung der Niedrigstlöhne wohl dazu geführt, dass Unternehmen verstärkt auf Arbeitsverdichtung einerseits und auf eine motivierende Personalführung andererseits setzen.

Mindestlohn in Deutschland

Welche Auswirkungen hat ein Mindestlohn? Die Fachdebatte wird von den makroökonomischen Effekten am Arbeitsmarkt dominiert. Hier hat das deutsche Beispiel (wieder einmal) gezeigt, dass eine Mindestlohneinführung die Niedrigstlöhne wirksam eindämmt – ohne relevante Beschäftigungseffekte. Nach Einführung des Mindestlohns von 8,50 Euro pro Stunde 2015 (heute: 8,84 Euro) wuchs die Beschäftigung unverändert, die Arbeitslosigkeit sank weiter. Ebenso stabil blieben Inflation wie Wirtschaftswachstum – bei keiner relevanten makroökonomischen Größe bewahrheiteten sich die panischen Prognosen mancher deutscher ÖkonomInnen, die mit einem Mindestlohn einen wirtschaftlichen Weltuntergang dräuen sahen. Einzig Minijobs (geringfügige Beschäftigungen) verzeichneten einen Rückgang – allerdings, weil ein Gutteil in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse umgewandelt wurde.

Eingeführt wurde ein gesetzlicher Mindestlohn in Deutschland 2015 unter anderem als Reaktion auf die niedrige und weiter abnehmende Abdeckung durch Kollektivverträge. Derzeit arbeitet nur gut die Hälfte der abhängig Beschäftigten in Betrieben mit Tarifbindung, bei Beschäftigten mit niedrigeren Löhnen ist die Erfassung durch Tarifverträge sogar noch geringer. Eine Trendwende bei der oftmals sehr niedrigen Entlohnung am unteren Ende war daher erklärtes Ziel des Mindestlohns. Und diese Trendwende wurde erreicht; in den niedrigen Gehaltsgruppen gab es 2015 die deutlichsten Steigerungen.

Auswirkungen auf die Beschäftigten

Was aber bedeuten höhere Löhne für das Arbeitsumfeld und die Zufriedenheit der einzelnen Menschen? Wie reagieren Firmen darauf, nun eine genauere Zeiterfassung führen und höhere Stundenlöhne zahlen zu müssen? Um diese Fragen zu untersuchen, werteten wir die Ergebnisse aus 13.000 Interviews mit Personen im erwerbsfähigen Alter in Deutschland aus. Konkret verglichen wir Beschäftigte, die 2014 weniger als den Mindestlohn verdienten und 2015 im gleichen Job arbeiteten, mit anderen Beschäftigten, die 2014 bereits über 8,50 Euro pro Stunde entlohnt wurden (und ebenfalls im Job blieben).

Höhere Löhne, kürzere Arbeitszeit

Zunächst zeigte sich, dass der gesetzliche Mindestlohn durchaus funktionierte. Der Stundenlohn der Befragten stieg im Durchschnitt von 6,70 Euro auf 8,20 Euro – also um beachtliche 22 Prozent, ein Vielfaches der Vergleichsgruppe über dem Mindestlohn. Allerdings zeigte sich auch, dass der Stundenlohn im Durchschnitt noch nicht ganz den Mindestlohn erreicht hatte, was nicht an Ausnahmen lag (diese wurden in der Berechnung ausgeklammert).

Zugleich sank die Arbeitszeit bei der Gruppe der Mindestlohn-Beschäftigten um eineinhalb Stunden, während sie in der Vergleichsgruppe etwas anstieg. Insbesondere fiel der Anteil der Beschäftigten mit überlangen Arbeitszeiten von mehr als 45 Stunden deutlich. Auch diese Entwicklung widersprach dem Trend in der Vergleichsgruppe.

Schließlich stieg trotz geringerer durchschnittlicher Arbeitszeit der monatliche Bruttolohn von etwa 840 Euro auf 990 Euro. Der Bruttolohn sagt – mehr als Stundenlöhne – etwas über die Kaufkraft beziehungsweise über die Möglichkeit der Einzelnen, ihre Ausgaben zu finanzieren, aus.

Größere Zufriedenheit trotz steigenden Arbeitspensums

Schon diese Ergebnisse zeichnen für NiedrigstverdienerInnen ein Bild, das mit dem Mindestlohn deutlich freundlicher aussieht. Wie aber sahen die Reaktionen der Unternehmen aus? Bereits vor Einführung des Mindestlohns gaben diese an, eher nicht auf Entlassungen zu setzen, sondern vielmehr darauf, ihre Arbeitskräfte effizienter einzusetzen. Unsere Ergebnisse bestätigen das aus Sicht der ArbeitnehmerInnen.

Für Mindestlohn-Beschäftigte erhöhte sich das Arbeitspensum, zugleich wurde die Arbeit störungsfreier organisiert (wohlgemerkt immer im Vergleich zur Kontrollgruppe, und für Personen im gleichen Job). Das Betriebsklima mit KollegInnen und Vorgesetzten verbesserte sich für sie merklich. Und ihre Zufriedenheit stieg stärker: Nicht nur in Bezug auf Einkommen und Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sondern auch auf ihre Arbeitszufriedenheit insgesamt.

In einem zweiten Schritt untersuchten wir mittels Regressionsanalyse die möglichen Gründe für die höhere Zufriedenheit der Mindestlohn-Beschäftigten im Vergleich zur Kontrollgruppe. Die Daten deuten darauf hin, dass die Einführung des Mindestlohns mit einer Aufwertung der betroffenen Jobs einhergegangen ist (z. B. mehr schwierige Probleme, weniger Aufgabenwechsel, geringerer Zeitdruck). Auch dürfte mehr Wert auf ein positives Arbeitsumfeld und einen Führungsstil gelegt werden, der auf Motivation setzt (z.B. mehr Anerkennung durch Vorgesetzte, besseres Klima mit KollegInnen, seltener unangenehme Arbeitssituationen). Darüber hinaus spielt Lohnzufriedenheit eine, wenn auch bescheidene, Rolle für die höhere Arbeitszufriedenheit – deutlich größere Effekte gehen von der verbesserten Work-Life-Balance aus.

Zufriedener, motivierter, produktiver

Diese Erkenntnisse können als Anhaltspunkte gewertet werden, dass Unternehmen auf die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns einerseits mit Arbeitsverdichtung, andererseits auf eine Verbesserung des Arbeitsklimas reagierten. So war es möglich, dass gering bezahlte Tätigkeiten durch Umorganisation aufgewertet, und Potenziale besser ausgeschöpft wurden. Die Kombination aus besseren Arbeitsbedingungen, aber auch mehr gefordert zu werden, scheinen die Beschäftigten unter dem Strich überwiegend positiv empfunden zu haben.

Eine Bewertung, ob höhere Niedriglöhne positiv oder negativ einzuschätzen sind, muss daher über die gesamtwirtschaftlichen Beschäftigungseffekte hinausblicken. Auf der betrieblichen und individuellen Ebene der Beschäftigten deutet alles darauf hin, dass ein Anstieg der niedrigen Löhne in Deutschland die Jobqualität verbesserte und die Zufriedenheit erhöhte.


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