Mehr Geld für benachteiligte Schulstandorte

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Ulrike Gollonitsch-Gehmacher, 18.November 2013

Foto_Ugolloni_100x100Die soziale Zusammensetzung der SchülerInnen einer Schule spielt derzeit im österreichischen Schulsystem bei der Mittelzuteilung von Personal- und Sachaufwand keine Rolle. Zum besseren Ausgleich von sozialer Benachteiligung im Schulwesen wäre eine Umstellung der Finanzierung auf eine indexbasierte Mittelverteilung für jeden Schulstandort notwendig.

Die soziale Zusammensetzung der SchülerInnen einer Schule spielt derzeit im österreichischen Schulsystem bei der Mittelzuteilung von Personal- und Sachaufwand keine Rolle. Berücksichtigt werden vor allem die Zahl der SchülerInnen, die Schulgröße und der sonderpädagogische Förderbedarf inklusive der Förderung von SchülerInnen mit nicht-deutscher Erstsprache. Ob SchülerInnen dagegen aus sozial und wirtschaftlich benachteiligten Familien kommen, ist weitgehend irrelevant. Gleichzeitig ist bekannt und wiederholt nachgewiesen, dass das österreichische Schulsystem durch ein hohes Ausmaß an sozialer Ungerechtigkeit und Selektivität gekennzeichnet ist.

Eine indexbasierte Mittelverteilung zum Ausgleich von sozialen Benachteiligungen ist eine Maßnahme zur Auflösung dieser unbefriedigenden Situation. Die Grundidee dabei ist, dass Schulen mit mehr sozial benachteiligten Kindern mehr Ressourcen erhalten sollen, da sie unter schwierigeren Bedingungen arbeiten.

In vielen Ländern bereits Realität

Modelle zum Ausgleich sozialer Benachteiligung durch vermehrte Mittelzuteilung werden bereits unter anderem in mehreren Kantonen in der Schweiz, einigen deutschen Bundesländern, Belgien und seit mehr als 25 Jahren in den Niederlanden mit Erfolg praktiziert. Auch die OECD empfiehlt die Umstellung auf eine indexbasierte Mittelverteilung als eine von fünf Maßnahmen zur Reduktion von sozialen Benachteiligungen (2012). Dazu wird ein sogenannter Sozialindex berechnet, der die soziale Zusammensetzung der SchülerInnen einer Schule angibt. Auf dessen Grundlage werden die Mittel an die Schulen zugewiesen. Zur Erstellung des Sozialindex sind Daten über die soziale Situation der SchülerInnen erforderlich. Dieser Index könnte auf Basis der Bildungsstandarderhebungen berechnet werden, da die benötigten Daten dort erfasst werden.

Die Arbeiterkammer Wien, bildunggrenzenlos und die Armutskonferenz haben am 10.10.2013 MeinungsbildnerInnen und BildungswissenschaftlerInnen zum Informations- und Meinungsaustausch zum Thema eingeladen.

Marc van der Steeg vom niederländischen „Zentralen Planungsbüro“ (CPB) war als Referent eingeladen. Aus österreichischer Sicht kommentierten den Bericht Barbara Herzog-Punzenberger und Michael Bruneforth, beide vom Bundesinstitut für Forschung, Innovation und Entwicklung (bifie).

Van der Steeg: „Gewichtete Schulförderung in den Niederlanden“

Ein Vergleich des holländischen mit dem österreichischen Schulsystem zeigt folgendes: In den NL gibt es pro Klasse 15,9 SchülerInnen, in Ö sind es nur 12,2. Auch das SchülerInnen/LehrerInnen Verhältnis ist in Ö besser. In Holland sind es 15,7 SchülerInnen pro LehrerIn, in Ö hingegen sind es nur 12,2. Die Unterrichtszeit pro Schuljahr beträgt in den NL 940 Std./Jahr, in Ö 811 Stunden. Die erste Bildungswegentscheidung (Hauptschule/Neue Mittelschule oder Gymnasium) findet in den NL allerdings 2 Jahre später als in Ö statt, also mit 12 Jahren.

In der Grund- (4 bis 12 Jahre) und Sekundarstufe (12 bis 18 Jahre) sind zusätzlliche Mittel abhängig von der Schulpopulation und/oder vom Wohnumfeld

Seit 1985 werden folgende Indikatoren für die Mittelverteilung herangezogen: die Ausbildung und das Einkommen der Eltern, der Bezug von Sozialhilfe und ein eventueller Migrationshintergrund (nicht aus den sogenannten „westlichen Ländern“). Auf Grund dieser Berechnungen gehören 6% aller SchülerInnen zu dieser Gruppe bzw. bekommt jede dritte Schule eine gewichtete Unterstützung. Pro „gewichteter/n“ Schüler/in werden 1.687,- Euro ausgegeben. Allein im Jahr 2013/14 werden dafür 225 Mio. Euro zusätzlich investiert.

Es gibt zwar keine strikte wissenschaftliche Evidenz jedoch starke Indizien für die positiven Effekte der indexbasierten Mittelverteilung.

Positive Auswirkungen auf die soziale Durchlässigkeit

Die Vererbung von Bildung ist in den Niederlanden gering. Dies zeigt sich bei den Ergebnissen in den internationalen Studien (Pisa, Pirls). Die Risikogruppen sind sowohl im Lesen als auch im Rechnen im Vergleich zu Österreich geringer ebenso der Abstand von den besten zu den schlechtesten SchülerInnenergebnissen.

Jedoch den begabten SchülerInnen muss ebenso Aufmerksamkeit zuteilwerden – denn die NL befinden sich bei den Leistungstests nicht in den TOP Ten der OECD Länder. Da gibt es auch in den NL noch Handlungsbedarf.

Die Verwendung der zusätzlichen Mittel muss wissenschaftlich evaluiert werden, da es den Schulen freisteht, ob sie das Geld für kleinere Klassen, Förderunterricht, zusätzliche LehrerInnen, längere Unterrichtzeiten oder für Unterricht im Sommer ausgeben möchten.

Zusätzlich zu dieser kompensatorischen Mittelverteilung gibt es noch Ressourcen für SchülerInnen mit Lerndefiziten (analog dem sonderpädagogischen Förderbedarf in Österreich) und für vorschulische Erziehung und für die Sprachförderung. 

Die indexbasierten Mittelvergabe findet man auch u.a. in der Schweiz und in Toronto. Laut Barbara Herzog-Punzenberger (bifie) werden auch hier die Mittel nach festgelegten Indikatoren (Arbeitslosenquote, Ausländerquote, Sesshaftigkeit, Armut, Bildungsprofil etc.) vergeben.

Ein mögliches Modell für Österreich

Für Österreich wurde ein theoretisches Modell zur Mittelverteilung von Univ. Prof. Bacher (Uni Linz) – unter Mitwirkung von Michael Bruneforth (bifie) – entwickelt. Sie plädieren für folgende Kriterien zur Ermittlung zusätzlicher Mittel: Bildungsabschluss der Eltern, berufliche Position der Eltern, Migrationshintergrund und die zu Hause gesprochene Sprache. Bei der Verwendung der zusätzlichen Mittel schlägt er mehr schulautonome Entscheidungen vor.

Die AK Wien sieht in der kompensatorischen Ressourcenverteilung einen sehr wichtigen Schritt, um die besonders starke Bildungsvererbung in Österreich zu durchbrechen und für mehr soziale Gerechtigkeit im Schulsystem.  Im Mai 2014 ist eine größere Veranstaltung zum Thema sozial indizierte Mittelvergabe im Schulwesen geplant.