Kostenfaktor weiterführende Schulen – eine zusätzliche Barriere für bildungsferne Schichten?

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Regina Gottwald-Knoll, Stefan Schober, 17. März 2017

Die im September 2016 veröffentlichte AK-Studie zum Thema Schulkosten zeigt, dass die schulbedingten Ausgaben von Eltern mit zunehmender Schulstufe der Kinder stark steigen. Auch die soziale Zusammensetzung der SchülerInnen verändert sich beim Übergang in weiterführende Schulen deutlich, was nicht zuletzt auch die Ergebnisse des nationalen Bildungsberichts für Österreich 2015 bestätigen. Die nachfolgende Sonderauswertung der Schulkostenerhebung in Niederösterreich 2016 geht den Fragen nach, wie sich der hohe Ausgabensprung zwischen Pflichtschule und weiterführender Schule erklärt und inwiefern der Kostenfaktor beim Besuch einer weiterführenden Schule eine (zusätzliche) Barriere für unterrepräsentierte SchülerInnengruppen in der Sekundarstufe 2 darstellt.

Kinder, die eine AHS-Oberstufe oder BMHS besuchen, kommen Eltern am teuersten

Die Arbeiterkammer Niederösterreich hat sich bereits zum zweiten Mal mit einer umfassend angelegten Erhebung dem Thema „Schulkosten“ gewidmet. Eltern aus Niederösterreich zeichneten während des gesamten Schuljahres 2015/16 kontinuierlich alle Ausgaben auf, die durch den Schulbesuch ihrer Kinder anfielen. Am Ende der Erhebung und nach Bereinigung einiger StudienabbrecherInnen konnten dadurch die Schulkosten von 671 Schulkindern ausgewertet werden. Bis auf Berufsschulen waren alle Schultypen vertreten. Unter allen untersuchten Schularten erwies sich der Besuch einer Allgemeinbildenden höheren oder Berufsbildenden Schule mit Abstand am teuersten: 1.161 Euro geben Eltern im Schnitt pro Schuljahr für ein Kind an einer BMHS aus, 1.237 Euro sind es sogar an AHS-Oberstufen. Wie auch die nachfolgende Grafik zeigt, ist das um fast die Hälfte mehr als in der NMS oder AHS-Unterstufe. Dort betragen die durchschnittlichen jährlichen Ausgaben rund 825 Euro.

Schulveranstaltungen, Nachhilfe und EDV verursachen die größten Mehrkosten

Schulveranstaltungen, Nachhilfe und EDV sind jene drei Ausgabenkategorien, die in der Sekundarstufe 2 am stärksten ansteigen. Diese drei Kategorien erklären also bereits den Großteil der Kostenunterschiede zu Schulen der Sekundarstufe 1 und sollen nachfolgend im Detail analysiert werden.

1. Mehrtägige Schulveranstaltungen

Während die Ausgaben für mehrtägige Schulveranstaltung in der Sekundarstufe 1 im Durchschnitt über alle SchülerInnen noch bei unter 300 Euro pro Kind liegen, steigen sie in den BMHS auf 352 Euro bzw. in der AHS-Oberstufe auf 515 Euro an. Die Auswertung hat auch gezeigt, dass der Anteil der Kinder, für die die Kosten für mehrtägige Schulveranstaltungen anfallen, in der AHS-Oberstufe (85,7%) deutlich höher ist, als in den BMHS (68,4%). Zu erklären ist die höhere Inanspruchnahme in der AHS-Oberstufe insbesondere durch die häufig durchgeführten Sprachreisen in diesem Schultyp. Die höchsten angegebenen Kosten für diese Ausgabenkategorie lagen in NÖ bei 1.480 Euro pro Kind und Jahr. Zusätzliche Ausgaben für privat organisierte Sprachreisen in den Ferien oder für eventuelle Maturareisen wurden hierbei nicht berücksichtigt.

2. Nachhilfekosten

Die Inanspruchnahme privater Nachhilfe steigt mit der Höhe der Schulstufe kontinuierlich an. Während lt. Angaben der nö. Eltern für 7,6 % der Kinder in Volksschulen und 15,6 % der Kinder in einer NMS/HS oder PTS Ausgaben für Nachhilfe relevant sind geben dies schon 22,2 % der Eltern von Kinder einer AHS-Unterstufe an. In der Sekundarstufe 2 ist die Inanspruchnahme mit 30,4 % (AHS Oberstufe) bzw. 28,0 % (BMHS) am höchsten, was sich auch insgesamt in deutlich höheren Durchschnittskosten niederschlägt: 181 Euro in der AHS-Oberstufe und 129 Euro in einer BMHS. Vergleicht man die durchschnittlichen Ausgaben für Nachhilfe nach dem monatlichen Haushaltseinkommen der Familien, so zeigt sich, dass einkommensschwächere Familien mit 41 Euro deutlich weniger für Nachhilfe ausgeben (können), als Familien mit höherem Haushaltseinkommen, wo es im Schnitt 113 Euro sind. Die soziale Dimension von Nachhilfe wird in diesem Befund mehr als evident.

Berücksichtigt man für die Berechnung der Durchschnittskosten nur jene SchülerInnen, die auch tatsächlich Nachhilfe in Anspruch genommen haben, betragen die tatsächlich angefallenen durchschnittlichen Ausgaben für ein Kind in der AHS-Oberstufe 596 Euro pro Jahr bzw. 456 Euro für ein Kind in einer BMHS. Zusätzliche Ausgaben für den Besuch von Lerncamps in den Ferien sind hier nicht berücksichtigt.

3. Computer/Tablet/EDV

Während die angefallenen Kosten für Anschaffung und Erhaltung von Computer, Tablet oder ähnlichen elektronischen Geräten, die hauptsächlich für den schulischen Gebrauch genutzt werden, über alle Schultypen mit Ausnahme der Volksschule in ungefähr gleichem Ausmaß angegeben wurden (für 30% – 41% der SchülerInnen fielen in einem Schuljahr entsprechende Kosten an), ist die Höhe der Ausgaben in weiterführenden Schulen deutlich stärker ausgeprägt. Vor allem in den berufsbildenden mittleren und höheren Schulen sind die durchschnittlichen Ausgaben pro Kind für elektronische Hilfsmittel teils eklatant und reichen zum Teil bis über 2.000 Euro pro. Im Durchschnitt über alle BMHS-SchülerInnen betragen die Ausgaben für EDV 156 Euro pro Jahr, im Durchschnitt über jene, die auch entsprechende Ausgaben hatten, betragen die Kosten im Schnitt 414 Euro. In der AHS-Oberstufe belaufen sich die durchschnittlichen Ausgaben in dieser Kategorie auf 135 Euro bzw. 333,4 Euro pro SchülerIn und liegen somit etwas geringer als in den BMHS.

Bei der Zusatzfrage nach größeren EDV-Anschaffungen für Schulzwecke in den letzten zwei Jahren vor der Erhebung wurden ebenfalls besonders häufig von Eltern mit Kindern in weiterführenden Schulen entsprechende Kosten angegeben. Hier betragen die Durchschnittskosten stolze 674 Euro in der AHS-Oberstufe bzw. 846 Euro in der BMHS.

Wie in der Grafik ersichtlich ist, tragen neben vor allem Schulveranstaltungen, Nachhilfe und Computer/EDV in den BMHS auch noch die erhöhten Kosten für fachlich benötigte Bekleidung und Schuhe zur Kostensteigerung zwischen Sekundarstufe 1 und 2 bei. In der AHS-Oberstufe sind wiederum Ausgaben für Bücher und Medien etwas höher als in den anderen Schultypen.

Zusammenhang von Schulwahl und sozioökonomische Herkunft

Kinder von Eltern/Haushalten mit niedrigem sozioökonomischem Status (gemessen an Einkommen, Bildung und beruflicher Stellung der Eltern) sind in weiterführenden Schulen deutlich unterrepräsentiert. Das verdeutlicht nicht zuletzt auch der Indikator D3 „Gerechtigkeit im Qualifikationserwerb“ im Nationalen Bildungsbericht 2015.

In einem logistischen Modell wird hier aufgezeigt, wie sehr die Bildung der Eltern ein dominierender Faktor im Zugang zu höheren Schulen ist. So liegt die Wahrscheinlichkeit, eine zur Matura führende Schule zu besuchen, bei nur 10%, wenn es sich um einen männlichen Jugendlichen handelt, dessen Eltern nur über Pflichtschulbildung verfügen und nicht erwerbstätig sind. Bei weiblichen Jugendlichen, deren Eltern eine Hochschule abgeschlossen haben und in einer hohen beruflichen Position tätig sind, liegt die Wahrscheinlichkeit für den Besuch einer weiterführenden Schule hingegen bei 93%.

Auch in der niederösterreichischen Stichprobe für die Schulkostenstudie spiegelt sich dieses Ungleichverhältnis wider: lediglich 14,7% der SchülerInnen mit niedrigem sozioökonomischen Status (n=122) besuchten eine weiterführende Schule, während unter den teilnehmenden Haushalten mit soziökonomisch mittlerem (n=234) und hohem Status (n=315) insgesamt 27% bzw. 24% der Kinder eine AHS-Oberstufe oder eine BMHS besuchten. Umgekehrt sind SchülerInnen aus Haushalten mit niedrigem sozioökonomischem Status in der Neuen Mittelschule deutlich über-, in den AHS-Unterstufen jedoch deutlich unterrepräsentiert.

Sind (zu hohe) Schulkosten Schuld am ungleichen Zugang zu weiterführenden Schulen?

Die Entscheidung von SchülerInnen und Eltern für eine weiterführende Schule nach der Sekundarstufe 1 ist durch vielfältige strukturelle, soziokulturelle und individuelle Faktoren bestimmt. Auch die Ursachen für einen frühen Abbruch der weiterführenden Schule sind verschieden und zudem meist multikausal.

Es ist jedoch nicht von der Hand zu weisen, dass (erwartete) hohe schulbedingte Ausgaben und die damit einhergehende finanzielle Belastung der Eltern die selektive Wirkung im Schulsystem noch verstärken bzw. das Durchhalten über die gesamte Schulzeit erschweren. Insbesondere in Sachen Nachhilfe, Schulveranstaltungen und Computer/EDV können Haushalte mit niedrigem Einkommen nachweislich weniger Geld für die Schulausbildung ihre Kinder investieren. Das benachteiligt diese Kinder gegenüber anderen SchülerInnen.

In der Schulkostenstudie der AK Niederösterreich gaben 4,4 % der Familien an, dass eines oder mehrere ihrer Kinder eine spezielle schulische Ausbildung nicht ergreifen konnte(n), weil diese für die Familie zu teuer war. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich weitaus höher, da jene Eltern, deren Kinder nach der Pflichtschule nicht in eine weiterführende Schule gewechselt sind oder eine Lehre absolvieren, erst gar nicht befragt werden konnten. Umgelegt auf ein plakatives Bild: In jeder nö. Schulklasse sitzt zumindest ein Kind, das aufgrund zu geringer finanzieller Möglichkeiten der Eltern eigentlich einen anderen Schultyp besuchen wollte. Die bildungspolitische Lösung für dieses Problem lässt sich mit drei Forderungen umreißen:

  • Mehr Kostenbewusstsein an den Schulen

Schulleitungen sollen gemeinsam mit den Lehrkräften und Elternvertretungen einen Schulkostenmonitoring-Prozess am Standort durchführen. Dabei sollen alle Ausgaben der Eltern beobachtet und gemeinsam mit den Lehrkräften Wege gefunden werden, die Ausgaben für Schulveranstaltungen, Unterrichts- und Schulmaterialen zu reduzieren. Die Ergebnisse und Ableitungen sind in den Schulpartnergremien zu diskutieren. Die Schulverwaltung ist aufgerufen, die Schulen bei diesem Prozess zu unterstützen. Ebenso müssen die Eltern und Elternvertretungen stärker bei der Auswahl und Gestaltung der Schulveranstaltungen eingebunden werden. Für die Finanzierung von schulbedingt notwendigen Laptops und Tablets in den Schulklassen braucht es ein sozial verträgliches Finanzierungsmodell.

  • Wirksamere SchülerInnenbeihilfen

Eine Entlastung der Eltern durch die Einführung der Schulbeihilfe ab der 9. Schulstufe (derzeit erst ab der 10. Schulstufe möglich) und eine jährliche Indexanpassung sind dringend notwendig. Die Höhe der staatlichen SchülerInnenbeihilfe hat seit der letzten Anpassung 2007 ca. 20 % an Kaufkraft verloren. Die Beihilfen für Schulveranstaltungen müssen ebenfalls angehoben werden. Langfristig sollen die Einkommensgrenzen für die Erlangung einer SchülerInnenbeihilfe sowie die Beihilfehöhe automatisch an die Inflation angepasst werden. Die Schulverwaltung ist aufgerufen, die Information über die Beihilfen zu verstärken. Dazu bedarf es auch bundeseinheitlicher und schulartenübergreifender Regelungen für SchülerInnenbeihilfen und Zuschüsse für Schulveranstaltungen.

  • Gebührenfreie Ganztagsschulen und Einführung eines Chancenindex

Durch eine indexbasierte Mittelverteilung nach sozialen Kriterien (Chancenindex) werden einkommensschwächere Haushalte gezielt unterstützt und entlastet. Darüber hinaus würde eine kostenfreie ganztägige und gemeinsame Schule außerschulische Nachhilfe wesentlich reduzieren, da einerseits ein Mehr an qualitativer Unterstützung seitens der Schule gewährleistet ist und andererseits der Notendruck am Ende der Volksschule ungleich geringer ausfällt.


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