Jugendarbeitslosigkeit als Folge oder Ursache psychischer Beeinträchtigungen?

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Christina Koblbauer, 22. August 2016

Koblbauer neuJugendliche, die mit psychischen Problemen kämpfen, fallen häufig aus dem Arbeitsmarkt heraus. Umgekehrt nehmen durch Inaktivität und Frustration auch die psychischen Probleme zu – ein Teufelskreis, der bis jetzt wenig Beachtung gefunden hat. Eine aktuelle Studie der Universität Linz hat erstmals die Zusammenhänge für Österreich analysiert.

Bereits zu Beginn der 1930er-Jahre stellten die SozialwissenschafterInnen Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel (1975/1933) fest, dass Arbeitslosigkeit ein inneres Ungleichgewicht erzeugt und somit ein Risiko für das Entstehen psychischer Erkrankungen darstellt. Gleichzeitig sprechen auch zahlreiche empirische Befunde dafür, dass vorhandene Gesundheitsbeeinträchtigungen das Risiko erhöhen, von der Erwerbstätigkeit in die Arbeitslosigkeit abzudriften und in dieser zu verweilen. Da dieses Thema in Österreich in Bezug auf Jugendliche kaum erforscht ist, hat das Sozialministerium die Universität Linz und das Institut für Berufs- und Erwachsenenbildungsforschung beauftragt, sich mit dieser Problematik auseinanderzusetzen und Handlungsoptionen aufzuzeigen (die gesamte Studie ist hier verfügbar).

Psychische Beeinträchtigungen bei Jugendlichen

Im Jahr 2011 sahen sich in etwa 4 % der Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren mit einer chronischen psychischen Beeinträchtigung konfrontiert. Absolut betrachtet sind dies ca. 36.000 Jugendliche in Österreich bzw. 6.100 Jugendliche in Oberösterreich. Die Analyse administrativer Daten aus dem oberösterreichischen Sozialversicherungssystem zeigt zudem, dass in Oberösterreich im Jahr 2012 knapp 5 % der 15- bis 24-Jährigen Medikamente zur Behandlung psychischer Beeinträchtigungen konsumierten.

Ursachen: Familiäres Umfeld, niedrige Bildungsabschlüsse und fehlende Arbeitsmarktintegration

Nicht alle Gruppen von Jugendlichen sind gleichermaßen häufig von psychischen Problemen betroffen. Anhand der Studie wird deutlich, dass familiäre Faktoren – wie der sozioökonomische Status der Familie – bedeutsame Einflussfaktoren für die psychische Verfassung junger Menschen darstellen. So kann bei Jugendlichen, welche in Haushalten mit einem geringen sozioökonomischen Status aufwuchsen, ein deutlich schlechterer psychischer Gesundheitszustand beobachtet werden als bei jenen aus höheren sozialen Schichten.

Aber auch der jeweilige Bildungsabschluss und die Integration in das Erwerbs- oder Ausbildungssystem stehen in engem Zusammenhang mit dem Auftreten psychischer Erkrankungen. NEET-Jugendliche – also Jugendliche, welche sich weder in Erwerbstätigkeit noch in Ausbildung oder einer Trainingsmaßnahme befinden – sehen sich mit einem um ein Vielfaches höheren Erkrankungsrisiko konfrontiert als Jugendliche, welche in das Erwerbs- oder (Aus-)Bildungssystem integriert sind. Massiv beeinträchtigt sind hierbei vor allem junge Menschen, welche ihre Arbeitssuchaktivitäten völlig eingestellt und sich bereits weit vom Arbeitsmarkt entfernt haben. Während nur 2,7 % der Nicht-NEET-Jugendlichen psychisch erkrankt sind, trifft dies auf 8,7 % der Arbeit suchenden und 20,5 % der inaktiven bzw. nicht Arbeit suchenden NEET-Jugendlichen zu.

Auch in der Gruppe der frühen SchulabgängerInnen, welche keine über die Pflichtschule hinausgehende Ausbildung absolviert haben, kann ein deutlich höherer Anteil an Jugendlichen mit psychischen Problemen verzeichnet werden als bei jenen mit höheren Bildungsabschlüssen (16,1 % vs. 2,5 %). Nachfolgende Abbildungen verdeutlichen diese Unterschiede.

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Der Migrationshintergrund, das Geschlecht und das Alter sind dagegen irrelevant für das Auftreten psychischer Erkrankungen.

Teufelskreis: Psychische Erkrankung und fehlende Arbeitsmarktintegration

Hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen psychischer Gesundheit und Arbeitsmarktintegration kann auf Basis der für die Studie herangezogenen Daten keine eindeutige Wirkungsrichtung bestimmt werden. Stattdessen finden sich Hinweise für das Vorliegen eines Teufelskreises mit sich gegenseitig verstärkenden Prozessen.

Für einen Teil der Jugendlichen kann angenommen werden, dass psychische Probleme bereits in der Kindheit erstmalig auftraten. Die gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen in weiterer Folge dazu, dass die Jugendlichen nicht in der Lage sind, einen Schulabschluss zu erreichen, und aufgrund dessen in Arbeitslosigkeit bzw. in einen NEET-Status abdriften.

Darüber hinaus wird deutlich, dass sich mit Eintritt der Arbeitslosigkeit gesundheitliche Beeinträchtigungen nochmals deutlich verstärken.

Leiden die Jugendlichen nun an einer psychischen Erkrankung bei gleichzeitigem Vorliegen eines NEET-Status, so stagniert die Arbeitssuche, wodurch es zu einer Verstetigung des NEET-Status kommt und das Verlassen des NEET-Status nur mehr schwer möglich ist. Befanden sich Jugendliche bei der Erstbefragung der Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung in einer NEET-Situation und litten gleichzeitig an einer psychischen Beeinträchtigung, so konnten mehr als 86 % dieser Jugendlichen diesen Status auch in drei bis vier Folgequartalen nicht verlassen. In der Gruppe jener, welche sich bei der ersten Befragung zwar in einer NEET-Situation befanden, jedoch keine psychischen Erkrankungen aufwiesen, war dies nur bei einem Drittel der Fall.

Optimierung von Unterstützungsangeboten erforderlich

Um die negativen Konsequenzen psychischer Beeinträchtigungen zu begrenzen, ist es dringend erforderlich, kostenlose Psychotherapie-Angebote auszuweiten. Das von der OÖ Gebietskrankenkasse zur Verfügung gestellte kostenfreie Therapieangebot liegt weit hinter dem tatsächlichen Bedarf zurück und führt zu langen Wartezeiten. Werden stattdessen nicht kassenfinanzierte Angebote in Anspruch genommen, so vergütet die Gebietskrankenkasse einen Betrag von 21,80 Euro pro Stunde – bei tatsächlich anfallenden Kosten von 80 bis 120 Euro pro Einheit. Psychotherapien sind somit für Jugendliche aus einkommensschwachen Familien nur schwer leistbar bzw. wird diesen der Zugang zu Therapien gänzlich verwehrt, sodass es zu einer Verstetigung der psychischen Erkrankung kommen kann.

Es ist anzunehmen, dass eine große Gruppe von jungen Erwachsenen – mit teilweise schweren psychischen Beeinträchtigungen – nicht vom AMS erreicht wird, da sie die in den Schulungsmaßnahmen gestellten Anforderungen nicht erfüllen kann. Daher scheint es notwendig, mehr niederschwellige tagesstrukturierende Beschäftigungsangebote mit einem sehr geringen Ausmaß an Anforderungen zur Verfügung zu stellen. Hierdurch kann sichergestellt werden, dass der institutionelle Kontakt zu psychisch kranken Jugendlichen nicht gänzlich verloren geht und eine gewisse Nähe zum Ausbildungs- und Erwerbssystem erhalten bleibt.

Der frühe Schulabgang ist eine wesentliche Ursache eines späteren NEET-Status und steht im engen Zusammenhang mit psychischen Beeinträchtigungen. Um dem Risikofaktor „psychische Beeinträchtigung“ hier entgegenzuwirken, scheint der Ausbau der Schulpsychologie die logische Konsequenz zu sein. Derzeit stehen für 1,1 Millionen SchülerInnen in Österreich lediglich ca. 160 Vollzeitäquivalente zur Verfügung. Um sich den SchülerInnen intensiver widmen und psychische Erkrankungen frühzeitig erkennen zu können, ist eine deutliche Aufstockung der Personalressourcen erforderlich.

Ein weiteres wichtiges Instrument zur Verhinderung früher Schulabbrüche und zur Reduktion negativer Auswirkungen psychischer Beeinträchtigungen ist die mit 1. August 2016 in Kraft getretene Ausbildungspflicht bis 18, durch welche ebenfalls versucht wird, die Jugendlichen im Ausbildungssystem zu halten.

Neben der Behandlung von Erkrankungen und der Reduktion negativer Konsequenzen ist es jedoch ebenso dringend erforderlich, familiäre Risikofaktoren zu minimieren, welche zum Entstehen psychischer Probleme beitragen. Ein interessantes Konzept diesbezüglich stellen die Frühen Hilfen dar, welche sich in Österreich derzeit im Modellversuch befinden. Ziel ist es, bereits vor der Geburt des Kindes mit sozial benachteiligten Familien Kontakt aufzunehmen, um ihnen frühzeitig benötigte Unterstützungsangebote zukommen lassen zu können.

Literatur:

Jahoda, M., Lazarsfeld, P., Zeisel, H. (1975/1933): Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch. Frankfurt am Main: edition Suhrkamp.