Ist Arbeit zu teuer?

Bettina Csoka, 17. April 2014

Bettina Csoka_web_kleinDer in Wirtschaftskreisen vorherrschende isolierte Blick auf die Höhe der Arbeitskosten führt zu kurzsichtigen Lohnsenkungsfantasien. Nicht die Höhe der Löhne sondern das Ausmaß der Löhne an der geschaffenen realen Wertschöpfung  ist für internationale Vergleiche relevant (= Lohnstückosten). Und nicht die gesamte Wirtschaft mit jeder einzelnen Pore muss sich international messen, sondern insbesondere die Produktion. Aktuelle internationale Werte zur „preislichen“ Wettbewerbsfähigkeit können da Klarheit bieten.

Krokodilstränen der Wirtschaft

Von Wirtschaftsseite werden gern die Höhe und der Anstieg der Löhne und Gehälter als Indiz für schwindende Wettbewerbsfähigkeit beklagt. Dabei fällt der Blick isoliert auf die Arbeitskosten (Löhne und Gehälter inklusive Sozialabgaben). Ausgeblendet bleibt stets, dass die lohnabhängig Beschäftigten für den erhaltenen Lohn ja auch – darüberhinausgehende – Werte schaffen (siehe Mythos Wettbewerbsfähigkeit).

Zur Untermauerung einer einseitigen Argumentation kommt die aktuell veröffentlichte EU-Arbeitskostenstatistik manchen gerade recht. Dabei wird sogar versucht, den Beschäftigten einzureden, sie wären die Leidtragenden: „Vor allem durch die hohen Lohnnebenkosten bleibt den Mitarbeitern netto immer weniger im Geldbörsel“ und „trotz beachtlicher Lohnerhöhungen durch KVs bzw. Betriebe fressen Inflation, Steuern und die kalte Progression fast alles weg“, vergießt die Wirtschaftskammer als Interessenvertreterin der österreichischen Betriebe Krokodilstränen.

Arbeitskosten – welche und in welcher Währung?

Die Ergebnisse der alle vier Jahre erneuerten Eurostat-Arbeitskostenstatistik sind nicht unbedingt für bare Münze zu nehmen, denn sie beruhen auf der Basiserhebung des Jahres 2008 und werden mit vierteljährlich verfügbaren Daten fortgeschrieben. Mit der nächsten grundlegenden Erhebung für das Jahr 2012 (Veröffentlichung Herbst 2014) sind daher rückwirkende Datenkorrekturen zu erwarten. Im Vergleich der letzten beiden Erhebungen 2004 und 2008 mussten etwa für Deutschland die gewerblichen Arbeitskosten jährlich durchschnittlich um 0,8% revidiert werden.

Was sind nun die aktuellen Ergebnisse: Österreich liegt nach Bulgarien und Schweden bei der Höhe des prozentuellen Arbeitskostenzuwachses (2008 bis 2013) an EU-weit dritter Stelle  – in Euro gerechnet.  Auf Nationalwährungsbasis gerechnet wird Österreich neben Bulgarien noch von Rumänien und Polen überholt, Schweden weist einen geringeren Anstieg aus. Das bedeutet also, dass Wechselkursänderungen eine Rolle spielen. Andere Statistiken analysieren die Entwicklungen nicht für die gesamte Wirtschaft, sondern für den – für internationale Vergleichszwecke relevanteren – Produktionsbereich: demnach weisen laut dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW-Trends 4/2013) für den 5-Jahres-Zeitraum 2007 bis 2012 sechs Länder höhere Zuwächse als Österreich auf: Lettland, Polen, Slowenien, Litauen, Slowakei und die UK. Das österreichische Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO wiederum zählt für den gleichen Zeitraum neun EU-Länder, die gleich hohe (drei Länder) oder höhere (sechs) Zuwächse als Österreich hatten.

Nur eine Seite der Medaille

Dass der Blick auf die Arbeitskosten alleine gar nichts über die preisliche, lohnbezogene Wettbewerbsfähigkeit aussagt, ist allgemein bekannt. Denn, je nachdem, ob sich die Produktivität gleich stark, höher oder geringer entwickelt, bleibt eine Produktions- bzw. Wertschöpfungseinheit im internationalen Vergleich „preislich“ gleich bzw. wird sie günstiger oder teurer. Messen lässt sich dies mit den Lohn-Stückkosten. Das sind die pro Kopf (oder Stunde) bezahlten Löhne im Verhältnis zu den pro Kopf (oder Stunde) neu geschaffenen Werten – vereinfacht gesagt ist das der Lohnanteil je Wertschöpfungseinheit.

Bei den Lohn-Stückkosten im Produktionsbereich auf Basis eines gemeinsamen Wechselkurses – dem eigentlichen Maß der preislichen, „lohnbezogenen“ Wettbewerbsfähigkeit – rangiert Deutschland an 9. Stelle im internationalen Vergleich und überschreitet das Lohn-Stückkosten-Niveau Österreichs (Platz 11) sogar um neun Prozent. Hintergrund dafür ist, dass Deutschlands industrielles Produktivitätsniveau nur wenig höher als das österreichische ist (nämlich um rund 5 Prozent), hingegen die Arbeitskosten in der deutschen Produktion jene Österreichs um 15 Prozent überschreiten.

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 Wettbewerb über alles

Generell gilt: wenn die Arbeitskosten stärker zunehmen als die Produktivität, steigen die Lohnstückosten (also die je Wertschöpfungseinheit an die ArbeitnehmerInnen ausgezahlten Löhne plus aller Sozialabgaben). Dass es so was wie Lohnstückkosten gibt, hat sich inzwischen auch schon in Wirtschaftskreisen herumgesprochen. Diese Kennzahl wird aber nur verwendet, wenn es in das Argumentationsschema passt, um Horrorszenarien an die Wand zu malen. Schließlich droht ja ganz Österreich mit jeder einzelnen wirtschaftlichen Pore im internationalem Konkurrenzkampf unterzugehen, weil die preisliche Wettbewerbsfähigkeit durch die Lohnentwicklung zu stark belastet worden sei, wie die Industriellenvereinigung mittels der gesamtwirtschaftlichen Lohnstückkosten auf Nationalwährungsbasis „untermauert“. Demnach haben sich die Lohnstückkosten 2002-2013 in Österreich mit plus 20 %  etwa im Gleichklang mit dem Euroraum-Schnitt entwickelt. Das Wachstum in den USA war darüber liegend, jenes in Deutschland und in Griechenland darunter.

USA – Euroraum: Vergleichbares vergleichen!

Für internationale Vergleiche ist diese Statistik aus mehreren Gründen aber ungeeignet: Soll ein Vergleich preislicher, „lohnbezogener“ Wettbewerbsfähigkeit angestellt werden, dann ist eine Darstellung in den jeweiligen nationalen Währungen problematisch, da dabei die Lohnstückkostenentwicklung auch auf Wechselkursänderungen zurückzuführen ist. Im obigen Beispiel ist das insbesondere im Vergleich zu den USA relevant. Das Bild ändert sich völlig, wenn also in einheitlicher, in „gemeinsamer“ Währung (um)gerechnet wird. Demnach wird aus dem Lohnstückkosten-Zuwachs in den USA ein Rückgang, was mit der Euro-Aufwertung (Dollar-Abwertung) zu tun hat. „Kostete“ ein Euro Anfang 2002 noch 0,9 US-Dollar, waren es Mitte 2008 schon 1,5 Dollar, gefolgt von Auf-und-Ab´s seit der Krise; Ende 2013  betrug der Wechselkurs  1,38 (Quelle: ÖNB). Das führt dazu, dass der Lohnanteil an den US-amerikanischen Erzeugnissen – trotz im Vergleich zur gesamtwirtschaftlichen Produktivität höher gestiegener Lohnkosten – in diesen zwei Jahrzehnten aus Sicht des Euroraums „günstiger“ geworden.

Das WIFO stellt daher fest, dass für „internationale Vergleiche die Lohnstückkosten in einer gemeinsamen Währung ausgedrückt werden, weil Wechselkursverschiebungen die Kostenposition eines Landes ebenso verändern können wie die Lohnstückkostenentwicklung.“ Ähnlich argumentiert das wirtschaftsnahe IW Köln in seinem jährlichen Lohnstückkosten- und Produktivitätsvergleich: „Für internationale Vergleiche müssen die Lohnstückkosten in einer gemeinsamen Währung ausgedrückt werden. Das IW Köln wählt hierfür den Euro“ (Anm.: wie auch das WIFO).

Lohnstückkosten in der Produktion

Warum sind für internationale Vergleiche die Entwicklungen innerhalb der Produktion besonders aussagekräftig? Es sind jene Branchen, deren Güter internationale Absatzfähigkeit suchen – im Gegensatz etwa zu FriseurInnen-Dienstleistungen, die mit Ausnahme von Grenzregionen keinem internationalen Wettbewerb unterliegen. Deswegen legt das WIFO in seinem jährlichen Lohnstückkostenbericht den Hauptfokus auf die Entwicklung in der Warenherstellung. Auch das IW Köln untersucht in seinem jährlichen Bericht das Verarbeitende Gewerbe, „denn im Mittelpunkt der außenwirtschaftlichen Verflechtungen steht der Warenhandel, der 85 Prozent der deutschen Exporte ausmacht und sich in den Industrieländern zu fast 90 Prozent aus Gütern des Verarbeitenden Gewerbes zusammensetzt. Zwar sind über Vorleistungen in einem zunehmenden Maß vor allem unternehmensnahe Dienstleister an der Herstellung von Industriegütern beteiligt. Insgesamt bleibt aber das Verarbeitende Gewerbe eine wichtige Drehscheibe der deutschen Wirtschaft. Zudem stammen rund drei Viertel des Arbeitsvolumens, das zur Erstellung von Industriewaren eingesetzt wird, aus dem Verarbeitenden Gewerbe selbst.“ Wie haben sich nun die industriellen Lohnstückkosten entwickelt? Deutschlands industrielle Lohnstückkosten sind von 2007 bis 2012 laut IW Köln im Schnitt etwas schneller als in Österreich gestiegen (Ö: +1,6 %, D: +1,9 % pro Jahr) – beide Länder wurden aber von den USA (+2,2%) „überholt“.

„Lohnneben“-Kosten = soziale Sicherheit

Laut Eurostat sind 2013 im EU-Durchschnitt rund ein Viertel der gesamten Arbeitskosten in der Gesamtwirtschaft sogenannte Lohnnebenkosten (EU 28: 23,7%; Euroraum 18 Länder: 25,9%). Deutschland hat im EU-Vergleich überdurchschnittlich hohe Arbeitskosten (siehe oben); der davon auf die Lohnnebenkosten entfallende Anteil entspricht etwas mehr als einem Fünftel (rd. 22%) und liegt somit unterhalb des internationalen Durchschnittsniveaus. In Österreich überschreitet der prozentuelle Lohnnebenkostenanteil (26,7 %) an den gesamten Arbeitskosten den Wert im Euroraum nur leicht. Dass diese Anteile etwa in Dänemark (12,4%) und Großbritannien (15%) deutlich niedriger sind, liegt an der unterschiedlichen Finanzierungsstruktur sozialer Sicherheit.  Während die „Sozialschutz“-Einnahmen in Österreich zu knapp zwei Drittel aus Sozialbeiträgen (64%) und zu rund einem Drittel aus Steuern (34%) stammen, kommen in Dänemark drei Viertel aus Steuern (74%) und nur knapp ein Viertel aus Sozialbeiträgen (23,5 %). In Großbritannien ist das Verhältnis etwa Halbe Halbe (Zahlen für das Jahr 2011, Eurostat-Datenbank, Jänner 2014). Ist die Steuerfinanzierung höher, dann können die lohn(summen)bezogenen Sozialabgaben auch geringer ausfallen. Wenn sich die österreichische Wirtschaft Sorgen um das Ausmaß der Lohn- und Sozialabgaben macht, dann soll sie sich für eine Steuersystemänderung einsetzen, die die Schieflage begradigt: Vermögens- und Gewinnsteuern auf internationales Niveau anheben, und Steuern auf Arbeit senken.

Mit den Lohnnebenkosten wird zu einem großen Teil Österreichs soziales Netz finanziert. Die Sozialversicherungsbeiträge helfen, die wichtigsten Risiken des Lebens abzusichern: Krankheit, Arbeitslosigkeit, Alter und Unfall. Es geht dabei um die Finanzierung des Gesundheitssystems, der Pensionen, des Arbeitslosengeldes, der Unfallversicherung, etc. Der Rest der sogenannten „Lohnnebenkosten“ ist der Lohn während des Urlaubs, der Feiertage und der Krankenstände, Weihnachts- und Urlaubsgeld und Abfertigungen – Geld also, das direkt an Arbeitnehmer/-innen bezahlt wird! Weniger Lohnnebenkosten bedeuten also weniger Einkommen (weniger Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld, Abfertigung), weniger bezahlte Freizeit (weniger Urlaub, weniger Feiertage, Arztbesuche und Behördengänge nicht mehr in der Dienstzeit…) und weniger soziale Sicherheit (Selbstbehalte beim Arztbesuch, weniger Krankengeld, weniger Pension – mehr unsichere „Eigenvorsorge“), schlechtere Unfallversorgung, weniger Arbeitslosengeld).

Wovon hängt die Wettbewerbsfähigkeit ab?

Um in internationalen wirtschaftlichen Produktions- und Handelsbeziehungen bestehen zu können, sind für hochentwickelte Industrieländer Arbeitskosten nicht entscheidend (Tichy: Bestimmungsgründe der Wettbewerbsfähigkeit). Auch ein verengter Blick auf „wettbewerbsfähige“ Lohnstückkosten“ erklärt Preissteigerungen oder Exportentwicklungen nur inadäquat (Feigl/Zuckerstätter: Wettbewerbs(des)orientierung). Laut WIFO-Chef Aiginger sind „sozialer Ausgleich und ökologische Ziele, wenn sie auf Innovationen und höchster Qualifikation der Arbeitskräfte beruhen, keine Belastung, sondern Wachstumsfaktoren, die die Wettbewerbsfähigkeit der EU stärken können.“ In diesem Sinne sei den Interessensvertretungen der Wirtschaft empfohlen, den engstirnigen arbeitskostenzentrierten Blick abzulegen. Und: Geht’s den Menschen und der Umwelt gut, dann geht´s der Wirtschaft gut.