Das gefährliche Ungeheuer heißt Deflation – nicht Inflation

Silvia Angelo, 22.Jänner 2014

20Nun hat auch IWF-Chefin Lagarde ausgesprochen, was kritische ÖkonomInnen schon längere Zeit thematisieren: „Die Welt könnte mehr Arbeitsplätze schaffen, bevor wir uns um die Inflation Sorgen machen müssten“ wird sie in der Welt vom 16.1.2014 zitiert. Und weiter in der FAZ vom selben Tag: „Wenn die Inflation der Geist aus der Flasche ist, dann ist die Deflation das Ungeheuer, das entschieden bekämpft werden muss.“

Deflation gefährdet das System

Deflation ist in einer kapitalistischen Wirtschaft systemgefährdend, weil sie ein Grundprinzip aushebelt: Kapitalisten können ja nur deshalb auch ohne zu arbeiten reich werden, weil sie ihr Kapital wieder einsetzen und damit neue Produktionen anstoßen bzw. Innovationen ermöglichen.  Nicht investierende, risikoscheue und wenig innovative Kapitalisten verarmen (wenn auch langsam), erfolgreiche werden reicher. Oder um es mit Marx zu sagen: „Der Kapitalist ist bei Strafe des Untergangs verurteilt Profite zu machen“. Sobald aber Deflation herrscht, wird es attraktiver ein „fauler Kapitalist zu werden, denn selbst wenn einen der unternehmerische Instinkt dazu treiben würde, die Produktion zu erhöhen, ist es besser dies nicht heute sondern frühestens morgen zu tun – in der Erwartung, dass die Produktionsmittel wieder billiger geworden sind.

Vor einer akuten Deflationsgefahr und ihren Folgen warnt im November auch der deutsche Wirtschaftsweise Bofinger im Standard: „Die Inflationsrate, wenn man das überhaupt noch so nennen kann, liegt in der Eurozone bei 0,7 Prozent und damit in einem Bereich, wo Deflationsgefahren bestehen. Geldpolitisch ist Deflation eine Gefahr, eine Krankheit, die viel schlechter zu behandeln ist als Inflation: Bei der Inflation kann die Notenbank die Zinsen erhöhen, auch auf zehn oder 20 Prozent, wenn es sein muss. Bei einer Deflation, also einer sinkenden Preisrate, lässt sich hingegen bei einem Nahe-null-Zinssatz nichts mehr machen. Deshalb finde ich es richtig, wenn die Europäische Zentralbank reagiert.“

You can‘t push a String

Wenn die Zinsen bei Null liegen bewahrheitet sich im Übrigen die Erkenntniss eines weiteren großen Ökonomen – nämlich von John Maynard Keynes -, der sagte: „You can‘t push a String“ oder frei übersetzt: „An einer Leine kann man (die Konjunktur) nicht anschieben.“

Auch Gustav Horn vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung sieht wie Bofinger, dass die „Gefahr einer Deflation ist momentan größer [ist], als die Gefahr einer massiven Geldentwertung.“ () Und diese wirtschaftspolitische Gefahr ist keineswegs eine geringe: Wie man an Japan sieht, ist eine Deflation ökonomisch wesentlich persistenter als hohe Inflationsraten und hätte massive Konsequenzen gerade für die privaten Schuldner in den derzeit schon benachteiligten Ländern: Sie kommen – im Gegensatz zur Inflation – in immer größere Schwierigkeiten, ihre Schulden erhöhen sich real.

(Eine hervorragende Zusammenfassung zu dieser Problematik bietet Merle Hazard, aber auch Robert Misik bietet Aufklärung)

Die Krux der selektiven Erinnerung

Die Deutschen und die ÖsterreicherInnen haben traditionell ein Problem mit diesem ökonomischen Verständnis, ihr historisches Erinnern ist ja bekanntlich eigenartig verzerrt: So fürchten sich alle vor einer Hyperinflation, obwohl die massive Geldentwertung der 20iger Jahre mittlerweile knappe 100 Jahre vorbei und Resultat eines selbstinitiierten und verlorenen Weltkrieges war. Dabei sollte uns eher die Wirtschaftskrise der 30er Jahre und ihr Beitrag zum Erstarken es Faschismus politisch und ökonomisch zu denken geben.

Auf Basis dieses unbewältigten Teils der eigenen Historie halten die deutschen ÖkonomInnen ganz Europa in Geiselhaft und predigen in der Mehrheit weiter ihre Austeritätspolitik, vulgo Wettbewerbspakte und Lohnzurückhaltung. Das ist im Kern eine deflationäre Politik, die problematische Auswirkungen auf die EU insgesamt haben kann und wird. Immer noch hängen die Deutschen der Idee an, den Süden für einen zügellosen Umgang mit Geld büßen zu lassen und die Unabhängigkeit der Zentralbank unter deutscher restriktiver Kontrolle sicherzustellen – auch wenn uns das letztendlich vielleicht sogar die Währungsunion jedenfalls aber Wohlstand kostet.

Problemländer müssen leiden

Diskretionäre Fiskalpolitik, viel mehr öffentliche Investitionen, gerade in den Krisenländern – das wäre das Gebot der Stunde. Allerdings steht dem der „Bestrafungsgedanke“ gegenüber dem unmäßigen Süden entgegen.

Offenbar scheint es pädagogisch wieder wertvoll, wenn ganze Bevölkerungsgruppen ordentlich „leiden“. Ökonomisch ist das natürlich Unsinn: Ein massives Sparen Griechenlands, Portugals, Spaniens und Italiens hat eigentlich nur negative Effekte auf den Rest Europas. Von einem Staatsbankrott ganz zu schweigen. Ob die Eliten dieser Länder aus den pädagogisch so durchdachten Austeritätsprogrammen für ihre Ökonomien und ihre Politik tatsächlich die richtigen Schlüsse ziehen, bleibt abzuwarten.

Institutionelle Schieflage

Tja und dann ist da noch der größte – deutsche – Mythos, mit dem die gesamte Währungsunion gegründet wurde: Eine Zentralbank soll im Sinne monetaristischer Konzept nur für die Stabilität der Währung, also die Inflation, zuständig sein. Tatsächlich legt aber der Maastrichter Vertrag fest, dass die EZB, sofern Preisstabilität erreicht ist, auch für Wachstum und Beschäftigung zu sorgen hat. Dieses Mandat lässt sich auch so interpretieren, dass die EZB handeln muss, wenn Deflation droht.  Und das tut sie derzeit, u.a. mit ihrer Zinspolitik.

Zu den „unkonventionellen“ geldpolitischen Methoden der Notenbanken zählen auch die Anleihnekäufe, die den Deutschen seit ihrem Beginn ein Dorn im Auge sind. Empirisch ist die Angst vor Inflation nicht zu belegen, haben doch gerade die USA seit Krisenausbruch verstärkt Staatsanleihen gekauft und die Inflation liegt um die 2%.

Demokratiepolitisch gibt es seit dem Maastricht-Vertrag einen „negativen Kompetenzkonflikt“. Die EZB soll für die Realwirtschaft nicht zuständig sein, aber auch sonst fühlt sich niemand für so profane Dinge wie Wachstum oder Arbeitslosigkeit verantwortlich. Diese institutionelle Schieflage hat wesentlich zur Handlungsunfähigkeit in der Krise und darüber hinaus beigetragen – und Merkel füllt diese Lücke mit wechselnden französischen Partnern.  Ein Problem an sich.

Wenn aber nun die konservative Währungsfondschefin schon von zu wenig Wachstum in Europa spricht und der EU ins Gewissen redet, mehr für Beschäftigung und Einkommensverteilung zu tun, dann ist wohl wirklich langsam „Feuer am Dach“. Die Kosten der Bekämpfung von Deflation, ist sie einmal eingetreten, könnten damit weitaus höher liegen als ihre Verhinderung.