Inclusive Citizenship Education – Politische Bildung in der Migrationsgesellschaft

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Dirk Lange und Malte Kleinschmidt, 1. Juni 2016

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Die enormen gesellschaftlichen Veränderungen stellen die politische Bildung vor große Herausforderungen. Neben der Frage des Umgangs mit dem Thema Flucht und Migration gibt es auch gravierende Veränderungen in anderen Bereichen, wie etwa der Frage der gesellschaftlichen Teilhabe von behinderten Menschen oder des Umgangs mit der immer weiteren Schere, die zwischen Reichen und Armen klafft. Der Ansatz „Inclusive Citizenship Education“ stellt einen Versuch dar, eine Perspektive für Forschung und Praxis der politischen Bildung zu entwickeln, in der diesen Herausforderungen begegnet werden kann.

„Inclusive Citizenship Education“ sieht die gesellschaftlichen Veränderungen nicht als Bedrohung, sondern vielmehr als Chance Demokratie und gesellschaftliche Teilhabe auszuweiten. Um dieses Ziel zu erreichen, ist aber eine analytische Neuausrichtung nötig. „Inclusive Citizenship Education“ kann mit Bildung für inklusive Bürgerschaft übersetzt werden.

Inklusion

Inklusion ist in den letzten Jahren in mehreren Bereichen zu einem zentralen Schlagwort geworden. Am Populärsten ist es wohl in Bezug auf die Frage des gesellschaftlichen Umgangs mit Behinderung. Ebenfalls sehr präsent ist es auch im Bezug auf die Frage des Umgangs mit Armut. In jüngster Zeit wird es aber wohl im Kontext migrationsgesellschaftlicher Fragen am häufigsten verwendet, da angesichts der vielbeschworenen „Flüchtlingskrise“ Fragen von Migration, Flucht, Integration, nationaler Identität, Grenzen usw. im Fokus des öffentlichen Interesses stehen.lange-kleinschmidt

In ihrer kritischen und reflektierten Ausprägung beschreibt Inklusion eine grundlegend veränderte Perspektive als es zuvor der Fall gewesen ist. In Bezug auf migrationsgesellschaftliche Fragen ist in den Mainstream-Diskussionen die Perspektive der vermeintlichen Mehrheitskultur mit ihrer vermeintlichen Leitkultur und ihren „berechtigten“ Ängsten vor sogenannter „Überfremdung“ sehr dominant.. In der herrschenden Vorstellung wird Migration in der Regel als Ausnahme, als Abweichung vom Normalfall angesehen, obgleich die migrationsgesellschaftlichen Tatsachen eine andere Sprache sprechen. Der vermeintliche Normalzustand ist, dass sich eine nationale Gemeinschaft vorgestellt wird, die tendenziell homogen ist und deren gleichförmiger Zustand nun durch die Ankunft von vermeintlich „kulturell Anderen“ gestört wird. Diese Ankommenden müssten nun integriert werden. Integration wurde in diesem Sinne als Anpassung verstanden, als einseitiger Forderungskatalog an Menschen mit Migrationshintergrund. Mit dem (kritischen) Ansatz von Inklusion erscheint ein anderes Problem als das zentrale. In Bezug auf die sogenannte „Flüchtlingskrise“ werden nun nicht mehr die Geflüchteten als das Problem angesehen, sondern der defizitäre gesellschaftliche Umgang mit ihnen. Die Angst vor „Überfremdung“ erscheint nicht mehr als naturgegeben, sondern als Folge gesellschaftlicher Machtverhältnisse. In den Blick genommen werden also vielmehr Phänomene der Herstellung von Nicht-Zugehörigkeit, des Rassismus, der Ausgrenzung und der Marginalisierung. Der Ansatz „Inclusive Citizenship Education“ nimmt diesen Gedanken des kritischen Inklusionsverständnisses auf.

Was bedeutet aber Citizenship im Kontext der Politischen Bildung?

Oft wird „Citizenship Education“ einfach mit politischer Bildung übersetzt. Wir wollen mit diesem Begriff aber auf etwas anderes hinaus. Der Ansatz „Inclusive Citizenship Education“ nimmt zwei Bedeutungsdimensionen des Begriffs Citizenship und setzt diese beiden Dimensionen in ein Spannungsverhältnis. Diesen abstrakten Gedanken versuchen wir im Folgenden zu verdeutlichen. Die zwei Bedeutungsdimensionen sind:

  1. Citizenship wird oft verstanden als Staatsbürgerschaft, also als eine Statuszuschreibung. Damit wird bestimmt, ob eine Person Mitglied eines bestimmten Nationalstaats ist oder nicht. Citizenship als Statuszuschreibung regelt also Zugehörigkeit bzw. Nicht-Zugehörigkeit. Mit dieser Zugehörigkeit sind eine Menge Privilegien verknüpft. Oder anders herum: Mit der Nicht-Zugehörigkeit findet eine Exklusion von gesellschaftlicher Teilhabe statt: Einzelne Rechte sind eingeschränkt, Behörden üben Macht über das eigene Leben bis hin zur Frage des Bleiberechts aus, es findet Diskriminierung im Alltag statt, der Zugang zum Arbeitsmarkt ist erschwert usw. Diese Unterteilung in dazugehörige Menschen mit allen Rechten und nicht-zugehörigen Menschen mit weniger Rechten erscheint im Alltag als normal. Vom Standpunkt des Bildungsansatzes von „erscheint diese Hierarchie aber als (illegitime) Geburtsrechtslotterie. Die Frage danach, wo ein Mensch zufällig geboren ist, ordnet diesem Menschen den Grad an Rechten und Teilhabe zu.Mit Citizenship als Statuszuschreibung ist aber nicht nur gemeint, ob jemand den Pass eines Nationalstaates besitzt. Die Statuszuschreibung regelt die Frage der Zugehörigkeit bzw. Nicht-Zugehörigkeit nicht einfach nach dem Prinzip von Entweder-oder bzw. ja oder nein. Diese Statuszuschreibung bestimmt nicht nur die Frage gesellschaftlicher Teilhabe überhaupt, sondern auch den Grad an gesellschaftlicher Teilhabe. Die Frage danach, ob Menschen mit Behinderung als Menschen mit vollständigen Rechten oder als kranke, unmündige Patient_innen angesehen werden, entscheidet auch darüber, inwiefern sie Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen haben, inwiefern sie im Alltag abgewertet werden, inwiefern sie von gesellschaftlicher Teilhabe oder von politischer Mitbestimmung ausgeschlossen werden. Mit Citizenship als Statuszuschreibung wird auch ein Bild des „normalen Bürgers“ vermittelt. Dieses Bild des Normalen dient dann als Portfolio für die Bestimmung des Nicht-Normalen, Abnormen, Kranken, Fremden, Devianten usw.
  2. Die zweite Bedeutungsdimension von Citizenship ist Praxis von Bürgerschaft. Hier geht es also nicht um die Frage von (Nicht-)Zugehörigkeit, sondern um die Frage von Partizipation, Selbstorganisierung, politische Artikulation usw. Dem (theoretischen) Anspruch der Demokratie nach sind diese Praxen das Herz funktionierender Demokratie. Die Dimension der Praxis der Bürgerschaft ist neben der Analyse von Exklusionsmechanismen der zweite Ausgangspunkt des Ansatzes „Inclusive Citizenship Education“. Mit einem solchen Verständnis erscheint die Frage, wer zu einer nationalen Gemeinschaft zugehörig ist und wer nicht, als eine Frage der Machtverhältnisse, die politische gestaltbar sind. Die Frage der Zugehörigkeit zu einem Nationalstaat – ja der Nationalstaat selbst – ist geschichtlich Gewordenes und nicht Natur- oder Gottgegebenes. In der Zeit der französischen Revolution wurde Olympe de Gouges geköpft, weil sie dafür kämpfte, dass die Menschenrechte ebenso für Frauen gelten sollten. Frauen wurden bis vor gar nicht so langer Zeit als nicht oder nur halb zugehörig begriffen. Es war ein langer Prozess voller Kämpfe und Auseinandersetzungen, der zu einer (zumindest formellen) Gleichberechtigung geführt haben. Diese Praxen der Bürgerschaft von unten haben die Machtverhältnisse verschoben und das Verständnis von Citizenship als Statuszuschreibung grundlegend verändert. Die Frage von Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit ist abhängig von den Praxen von Bürgerschaft von unten.

Bildungsstrategien für bürgerschaftliche Teilhabe und Mitsprache von unten

Der Ansatz „Inclusive Citizenship Education“ will dementsprechend genau die bürgerschaftlichen Praxen von unten untersuchen. Der dritte Ausgangspunkt des Ansatzes „Inclusive Citizenship Education“ ist Bildung (Education). Um Bildungsstrategien zu konzipieren, die zu einer Verwirklichung von Inklusion beitragen sollen, müssen genau diese bürgerschaftlichen Praxen von unten beobachtet und gestärkt werden. Das bedeutet konkret, die und die gesellschaftlichen Machtstrukturen zu untersuchen. Wie und mit welchem (Selbst-)Verständnis von gesellschaftspolitischen Feldern agieren Menschen in ihrem Alltag? Und welche Perspektive haben Menschen, die von Exklusion betroffen sind oder sich dagegen wehren darauf? Welche Exklusionsmechanismen bzw. inkludierenden Praxen lassen sich in Institutionen wie Schulen vorfinden? Welche gesellschaftlichen Machtstrukturen schaffen welche Exklusionsmechanismen?

Zusammengefasst geht es also beim Ansatz „Inclusive Citizenship Education“ darum, Bildungsprozesse aus der Perspektive von durch Exklusion betroffenen Gruppen zu gestalten. Und das mit dem Ziel, Prozesse zu befördern, die die Machtverhältnisse zugunsten von mehr Teilhabe und Mitbestimmung verschieben. Für die Konzeption von Bildungsprozessen in der gegenwärtigen Migrationsgesellschaft kann die Forschungsperspektive „Inclusive Citizenship Education“ wichtige neue Impulse geben, Perspektiven verschieben und nicht zuletzt macht sie es möglich, Fragen von der Ausgrenzung einzelner Gruppen in ihrer Verschränkung mit anderen von Ausschluss betroffenen Gruppen in den Blick zu nehmen.