HFCS 2014: Starke Konzentration und erhebliche Unterschätzung des Reichtums in Österreich

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Markus Marterbauer, 21. Juni 2016

Marterbauer, Konjunktur, Experte, WirtschaftspolitikEin Prozent der Haushalte besitzt ein Viertel des gesamten Vermögens in Österreich. Der Anteil der obersten 5% der Haushalte, die über ein Nettovermögen von mehr als 800.000 Euro verfügen, liegt bei deutlich mehr als 40%, das ist etwa gleich hoch wie jener der unteren neun Zehntel der Haushalte. Besonders hoch ist das Vermögen im Durchschnitt bei UnternehmerInnen (Mittelwert 1,3 Mio. Euro) und Bauern/Bäuerinnen (0,9 Mio. Euro). BeamtInnen, Angestellte und PensionistInnen fallen demgegenüber weit zurück, darunter liegen noch ArbeiterInnen und Arbeitslose. Das sind die jüngsten Ergebnisse des neuen Household Finance and Consumption Survey (HFCS) 2014 der Oesterreichischen Nationalbank.

Vermögensforschung rückt ins Zentrum der Wirtschaftswissenschaft

Die erste Runde des Household Finance and Consumption Survey 2010 des Europäischen Zentralbankensystems wurde im Jahr 2012 veröffentlicht. Für Österreich lagen damit erstmals belastbare Daten über Höhe, Zusammensetzung und Verteilung des Vermögens der privaten Haushalte vor. Die Vermögensforschung, bis dahin kaum von Relevanz, rückte ins Zentrum der Wirtschaftsforschung und der HFCS bildete in Österreich für viele, vor allem jüngere Sozial- und WirtschaftswissenschafterInnen in der OeNB genauso wie am Institut für die Gesamtanalyse der Wirtschaft der JKU, am INEQ-Forschungsinstitut an der WU, am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche, an den Soziologie- und Politikwissenschaftsinstituten der Universitäten Wien und Linz sowie der Wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung der AK Wien die Basis für zahlreiche wissenschaftliche Studien.

Diese reichten von den Determinanten der Höhe der Erbschaften, der Erfassung der Spitze der Vermögensverteilung, die Determinanten der Vermögensungleichheit, über sozioökonomische Charakteristika der Millionärshaushalte, soziologische Analysen unterschiedlicher Vermögenstypen, Genderunterschiede im Vermögensbesitz, die Bedeutung von Kapitaleinkommen bis zu den Verteilungseffekten von Wohneigentum und Miete. Die meisten dieser wissenschaftlichen Studien sind in der Working Paper Reihe der Wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung der AK Wien „Materialien zu Wirtschaft und Gesellschaft“ elektronisch verfügbar.

Auch international steht die Vermögensforschung heute im Zentrum der Wirtschaftswissenschaften. Das hat ganz viel mit Thomas Pikettys bahnbrechendem Werk Capital in the 21st Century zu tun. Die Kombination aus umfangreichem Datenmaterial zu Bedeutung und Entwicklung von Vermögen und Erbschaften, profunder Analyse der Zusammenhänge zwischen der Verteilung von Vermögen und gesellschaftlicher Entwicklung und freimütiger Vorschläge für die Wirtschaftspolitik machen das Buch zur einflussreichsten ökonomischen Veröffentlichung des Jahrzehnts. Heute beschäftigen sich die besten jüngeren ÖkonomInnen der Welt, von Facundo Alvaredo bis Gabriel Zucman mit Fragen von Struktur und Dynamik des Haushaltsvermögens.

In Österreich wird mit den jüngst vorgestellten Ergebnissen des HFCS 2014 ein weiterer Meilenstein der Vermögensforschung gesetzt. Die kleine OeNB-ForscherInnengruppe wird im Europäischen Zentralbankensystem heute als methodisch und qualitativ führend geschätzt. Kaum eine Notenbank im Eurosystem schenkt dem Design und der Durchführung der Befragung, sowie der statistischen Aufbereitung der Daten so großes Augenmerk. Die OeNB-VermögensforscherInnen haben sich deshalb international enorme Reputation erworben, was sich leider noch nicht in der gebührenden Anerkennung in der eigenen Institution spiegelt.

Wichtigste Ergebnisse des HFCS 2014

  • Obwohl besonders die vermögenderen Haushalte glauben, mit ihrem Besitz eher in der Mitte der Verteilung angesiedelt zu sein, ist das Vermögen stark konzentriert: Die oberen 5% der Haushalte besitzen etwa gleich viel wie die unteren 90%.
  • Die untere Hälfte der Haushalte nennt keinen nennenswerten Besitz ihr Eigen: sie wohnen zur Miete; Kfz, Giro- und Sparkonten sind die wichtigsten Besitztümer.
  • Das heißt allerdings nicht, dass es sich hierbei um arme Haushalte handeln würde. In Österreich muss man dank eines gut ausgebauten Sozial- und vor allem Pensionssystems sowie einer guten Versorgung mit sozialem Wohnbau kein Vermögen bilden, um hohe Lebensqualität und Sicherheit zu haben.
  • Nur ein Viertel der Haushalte weist ein Finanzvermögen von mehr als 40.000 Euro auf und liegt damit über dem Mittelwert.
  • UnternehmerInnen und Bauern/Bäuerinnen weisen einen deutlich höheren Mittelwert des Nettovermögens auf als BeamtInnen, PensionistInnen, Angestellte, ArbeiterInnen und Arbeitslose.

Durchschnittliches Nettovermögen nach Berufsstand der Referenzperson

Quelle: HFCS 2014

Quelle: HFCS Austria 2014, OeNB

Fehlende Erfassung der ganz Reichen

Angesichts der hohen Qualität der Untersuchung der OeNB verwundert es umso mehr, dass dem für Fragen der Verteilung ebenso wie für jene der Finanzmarktstabilität besonders wichtigen oberen Rand der Vermögensverteilung neuerlich kein eigener Schwerpunkt gewidmet wurde. Dies war schon der wichtigste Kritikpunkt der Forschungsgemeinschaft gegenüber dem HFCS 2010 gewesen. Die OeNB war allerdings neuerlich nicht dazu bereit, die profunden Argumente und Vorschläge der Wissenschaft aufzugreifen.

Die reichen Haushalte nehmen an der Befragung entweder gar nicht teil oder verweigern konkrete Antworten. Die Tabelle 6 auf Seite 57 im Band zu den methodischen Grundlagen des HFCS 2014 bietet dafür eindrückliche Beispiele. So geben 4,5% der befragten Haushalte an, über Aktien zu verfügen, jedoch machen 51,9% von ihnen keine Angaben über den Wert des Aktienpakets, auf Nachfrage sind dann 28,9% bereit, wenigstens ein numerisches Intervall für den Wert anzugeben; Ähnliches gilt für das Einkommen aus Finanzanlagen.

Diese Umstände führen dazu, dass der HFCS weit davon entfernt ist, die Finanzvermögensmillionäre, die in den Vermögensberichten internationaler Banken und Versicherungen regelmäßig erfasst werden oder die Haushalte, die in der Trend-Liste der 100 reichsten ÖsterreicherInnen dargestellt werden, auch nur annähernd einzubeziehen. Selbst die 3.200 Privatstiftungen, die laut OeNB über ein Stiftungsvermögen von 55 Mrd. Euro, laut Einschätzung des Stifterverbandes von 70 Mrd. Euro verfügen, kommen im HFCS nicht vor. Zwar ist im HFCS ein Besitzer einer Privatstiftung erfasst, dieser gibt allerdings keine Auskunft über dieses Vermögen.

Diese fehlende Erfassung des oberen Randes der Vermögensverteilung stellt ein erhebliches Manko des HFCS dar und schränkt seine Aussagekraft stark ein: Für den HFCS 2010 hat eine Forschergruppe der Johannes Kepler Universität Linz festgestellt, dass aufgrund dieser Untererfassung im Survey etwa 250 Milliarden Euro und damit etwa ein Fünftel des gesamten Nettovermögens der Haushalte fehlen. Internationale wissenschaftliche Untersuchungen versuchen diese Untererfassung des oberen Randes durch den Einsatz von Pareto-Schätzverfahren zu korrigieren.

Die schon erwähnte Studie der Universität Linz kommt zum Ergebnis, dass der Anteil des obersten Prozent der Haushalte am Nettovermögen nicht wie im HFS 2010 angegeben 22,9% beträgt (HFCS 2014 25,4%), sondern 37%. Der bekannteste Vermögensforscher der Europäischen Zentralbank Philip Vermeulen kam 2014 je nach Spezifikation für Österreich auf einen Anteil zwischen 30% und 41%, in einem neueren Working Paper von 2016 schätzt er den Anteil auf 31% bis 34%.

Viele Notenbanken des Eurosystems, darunter jene Deutschlands, Frankreichs, Belgiens, Spaniens, Griechenlands, Zyperns, Luxemburgs und Portugals haben im Rahmen des HFCS einen wissenschaftlichen Schwerpunkt in der Erfassung des oberen Randes der Vermögensverteilung gesetzt. Dies geschieht mittels Oversampling: In Zusammenarbeit mit anderen Datenlieferanten, wie den statistischen Ämtern und den Finanzämtern werden Haushalte, die in reicheren Wohngegenden leben, über besonders hohe Einkommen erzielen oder ein anderes Merkmal aufweisen, das den Besitz hoher Vermögen vermuten lässt, in verstärktem Ausmaß in die Stichprobe des HFCS einbezogen. Diese Methoden verbessern die Datenqualität der Erhebung beträchtlich.

Die OeNB gehört heute zur Minderheit jener Notenbanken, die kein Oversampling durchführen. Damit erfasst die Erhebung einen erheblichen Teil des Nettovermögens der Haushalte nicht, dies trifft in besonderem Ausmaß auf Finanzvermögen zu. Einige Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Untererfassung des Vermögens und damit auch der Vermögenseinkommen im HFCS 2014 sogar noch stärker ausgeprägt ist  als das schon im HFCS 2010 der Fall war.

Fazit

Die Verteilung der Vermögen bildet heute eines der wichtigsten Themen für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften ebenso wie für die Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik. Diesen Herausforderungen kann seriös nur auf Basis verlässlicher Fakten begegnet werden. Deshalb sind Vermögensdaten des Europäischen Zentralbankensystems von höchster Bedeutung. Aus dem HFCS 2010, dem HFCS 2014 und den vielen wissenschaftlichen Untersuchungen, die auf diesen wertvollen Datenquellen basieren, ergibt sich die Forderung nach zumindest einem Minimum an erwartbarer Transparenz. Diese umfasst

  • einen jährlichen Reichtumsbericht nach deutschem Vorbild an den Nationalrat
  • und eine Erfassung der Topvermögen wenigstens in der nächsten HFCS-Erhebung der OeNB.