Gezielte Umverteilung stärkt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage

Stefan Ederer, 13. Oktober 2016

WIFO, Konjunktur, Prognose, WirtschaftspolitikDie österreichische Wirtschaft ist in den vergangenen Jahren kaum gewachsen. Insbesondere der private Konsum, der mit Abstand den höchsten Beitrag zur gesamtwirtschaftlichen Nachfrage leistet, ist seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 nur wenig gestiegen. Dies ist Teil einer längerfristigen Entwicklung: Schon in den 15 Jahren vor der Krise war das Konsumwachstum relativ schwach. Wichtige Ursachen dafür sind eine schwache Lohnentwicklung und eine immer ungleicher werdende Verteilung der Einkommen auf die Bevölkerung. Wirtschaftspolitische Maßnahmen zur Stärkung der Konjunktur sollten daher auf eine Erhöhung der Einkommen in den ärmeren Haushalten abzielen.

Sparquote abhängig vom Haushaltseinkommen

Der Anteil des Einkommens, den ein Haushalt für seinen Konsum verwendet, hängt von dessen Höhe ab. Ärmere Haushalte müssen einen größeren Anteil ihres verfügbaren Einkommens für die Deckung der notwendigen Bedürfnisse wie Wohnen, Essen und Bekleidung aufwenden als reichere. Ihre Konsumquote – das Spiegelbild der Sparquote – ist daher hoch. Mit steigendem Einkommen sind die Grundbedürfnisse dann zunehmend gedeckt; die Konsumquote nimmt ab, die Ersparnisbildung zu. Ein Anstieg der Einkommen des untersten Haushaltsdrittels hat damit – bei gleichem Gesamtvolumen – einen deutlich größeren Effekt auf die Konsumausgaben – und somit auch auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage – als einer der oberen Einkommen.

Auswertungen der Daten aus der Konsumerhebung für Österreich zeigen, dass die Konsumquote des untersten Haushaltsdrittels sogar größer als eins ist. Das unterste Haushaltsdrittel konsumiert also mehr als ihm an Einkommen zur Verfügung steht. Für einen einzelnen Haushalt ist das (langfristig) unplausibel, weil er einer gewissen Kreditbeschränkung unterliegt und seine Rücklagen begrenzt sind. Während er also nicht dauerhaft mehr konsumieren kann als er an Einkommen erzielt, ohne an die Grenzen seiner Verschuldung zu stoßen, gilt dies nicht für die Haushalte in ihrer Gesamtheit: Im unteren Einkommensdrittel befinden sich zu jeder Zeit sowohl schuldenaufnehmende als auch schuldenabbauende Haushalte, wobei erstere überwiegen; die Gesamtverschuldung der Haushalte in dieser Gruppe steigt daher kontinuierlich.

Haushalte im obersten Einkommensdrittel weisen hingegen im Durchschnitt eine relativ hohe Sparquote aus. Insgesamt wächst in dieser Einkommensgruppe das Vermögen ständig weiter an.

Gesamtwirtschaftliche Konsumneigung abhängig von Verteilung und Zeithorizont

Will man die konkreten Auswirkungen wirtschaftspolitischer Maßnahmen auf die Konsumausgaben der privaten Haushalte untersuchen, so müssen die unterschiedlichen Konsumneigungen der verschiedenen Einkommensgruppen berücksichtig werden. In dem vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) verwendeten Simulationsmodell wird dem Rechnung getragen, indem für jedes der drei Einkommensterzile eine unterschiedliche Konsumfunktion abgebildet wird. Die langfristigen Konsumneigungen wurden dabei auf Basis der Konsumerhebung für 2010 errechnet.

Nachfrage, Konsumneigung nach Terzilen, Umverteilung

Q: Statistik Austria, Konsumerhebung 2009/2010; WIFO-Macromod; WIFO-Berechnungen.

Nachfragefördernde Wirtschaftspolitik durch Stärkung niedriger Einkommen

Die Wirtschaftspolitik beeinflusst die (sekundäre) Einkommensverteilung mittels Steuern und Abgaben, sozialen Transfers und öffentlichen Sachleistungen in erheblichem Ausmaß. Änderungen dieser wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen können daher eingesetzt werden, um nicht nur die verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte insgesamt zu erhöhen, sondern gezielt jene der unteren Einkommensgruppen. Eine Entlastung der verfügbaren Haushaltseinkommen hat einen merklich positiven Effekt auf die Konsumausgaben, der umso größer ausfällt, je stärker untere Einkommensgruppen davon profitieren.

Die gezielte Erhöhung unterer Einkommen durch die Wirtschaftspolitik stellt sich in der Praxis jedoch schwierig dar. So sind beispielsweise Änderungen im Steuer- und Abgabensystem nur bedingt geeignet, Haushalte in den unteren Einkommensgruppen zu entlasten, da Haushalte in mittleren und oberen Einkommensgruppen ebenfalls wesentlich davon profitieren. Insbesondere eine Senkung des Eingangssteuersatzes erhöht die Einkommen der Haushalte des oberen Terzils deutlich stärker als jene der Haushalte im unteren und mittleren Terzil, wodurch die Ungleichheit steigt. Dies liegt daran, dass die Lohn- und Pensionseinkommen in vielen ärmeren Haushalten unter der Steuerfreibetragsgrenze von jährlich 11.000 Euro liegen und daher etwa 40 Prozent der Haushalte im unteren Einkommensdrittel von einer Senkung des Eingangssteuersatzes gar nicht betroffen wären. Der gesamtwirtschaftliche Effekt einer solchen Maßnahme ist daher vergleichsweise gering.

Hingegen kann eine Erhöhung sozialer Transferleistungen, die auf der Haushaltsebene ansetzen, zielgerichtet die unteren Einkommen stärken. Würde man die Einkommen aller Haushalte, die unter einer bestimmten Grenze (z.B. der Armutsgrenze) liegen, etwa durch eine Erhöhung der Mindestsicherung aufstocken, so kommt diese Maßnahme ausschließlich dem untersten Einkommensdrittel zugute. Der Effekt auf die privaten Konsumausgaben fällt in so einem Szenario vergleichsweise hoch aus. Bei gleicher Belastung des Staatsbudgets haben die Änderungen im Steuer- und Abgabensystem einen halb so großen BIP- und Beschäftigungseffekt (Multiplikator) wie eine Erhöhung der sozialen Transferleistungen auf Haushaltsebene.

Nachfrage, Beschäftigungseffekte, Umverteilung

Quelle: WIFO-Macromod.

Stärkung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage auch durch höhere Löhne und Umverteilung

Ähnliche Effekte hätte eine Anhebung der kollektivvertraglich festgesetzten Mindestlöhne. Eine solche Maßnahme hätte den Vorteil, dass davon unmittelbar die Primäreinkommen betroffen wären, und sie keine Belastungen des Budgets nach sich zieht. Zusätzlich würden von ihr weniger negative (oder sogar positive) Effekte auf das Arbeitskräfteangebot ausgehen, als bei einer Erhöhung der Sozialtransfers.

Umgekehrt bedeutet das auch, dass eine Belastung der oberen Einkommen den geringsten dämpfenden Effekt auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage hat. Eine gezielte Umverteilung von oben nach unten hätte daher in Summe deutlich expansive Effekte auf die österreichische Wirtschaft.