Frauenbeschäftigung – Zu langsame Fortschritte

Renate Anderl, 13. August 2015

Renate_Anderl„Gläserne Decke“, Einkommensnachteile und Teilzeitbeschäftigung: Dies sind Schlagworte, die viele kennen und die leider bis heute absolut nichts an Aktualität verloren haben. Besonders häufig fallen sie in Verbindung mit Frauenbeschäftigung. Denn Frauen sind in der Arbeitswelt nach wie vor benachteiligt: Obwohl sie in den vergangenen Jahrzehnten im Bildungsbereich massiv aufgeholt haben und heute allgemein qualifizierter sind als Männer, suchen Frauen Chancengleichheit am Arbeitsmarkt meist vergebens.

Mit weniger als zehn Prozent sind sie die absolute Ausnahmeerscheinung in den Führungsebenen österreichischer Unternehmen, und nur die wenigsten schaffen es, die gläserne Decke zum Top-Management zu durchbrechen. Sie verdienen fast um ein Viertel weniger als ihre männlichen Kollegen.

Nützt auch der Wirtschaft nicht

In fast keinem EU-Land ist die Lohnschere für Geschlechter so groß, laut aktuellem Gender Pay Gap belegt Österreich im internationalen Vergleich den beschämenden vorletzten Platz. Auch die Teilzeitbeschäftigung von Frauen steigt ständig. 70,6 Prozent der Frauen arbeiten in Teilzeit, aber nur 6,5 Prozent der Männer. Diese Zahlen verdeutlichen, dass trotz zahlreicher Verbesserungen in den vergangenen Jahren die Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern nur langsame Fortschritte macht. Und das nützt niemandem: den Frauen nicht, den Familien nicht und auch der Wirtschaft nicht.

Erfolgreicher mit Frauen

Die Diskriminierung am Arbeitsmarkt trägt dazu bei, dass Frauen eine völlig andere Einkommens- und Karriereentwicklung als Männer haben. Die Benachteiligungen verhindern aber auch eine optimale Nutzung der getätigten Bildungsinvestitionen und Potenziale als Beitrag für Wachstum und wirtschaftliche Stabilität. Wir brauchen daher ganz dringend ein Umdenken der Gesellschaft, denn Frauen leisten täglich tolle Arbeit und sind dabei sehr erfolgreich. Zahlreiche Studien bestätigen, dass Unternehmen mit Frauen in der Chefetage sich wirtschaftlich wesentlich besser entwickeln als Firmen, in denen ausschließlich Männer das Sagen haben.

Chancengleichheit am Arbeitsmarkt

Obwohl viele Studien genau das Gegenteil beweisen, werden viele nicht müde, immer wieder zu betonen: Frauen arbeiten freiwillig in Teilzeit. Frauen wünschen sich eine Vollzeitbeschäftigung und wollen Karriere machen. Wegen fehlender Kinderbetreuung, Mangel an familienfreundlichen Arbeitsmodellen und traditioneller Rollenverteilung in den Familien können sie diesen Wunsch aber nicht verwirklichen.
Solange Chancengleichheit am Arbeitsmarkt keine Selbstverständlichkeit ist, müssen Frauen nicht nur härter für den Erfolg kämpfen, sondern auch häufig private Lebensbereiche einer potenziellen Karriere unterordnen. Es ist die Aufgabe der Politik, Wünsche möglich zu machen und Rahmenbedingungen zu schaffen, um die Lebensqualität der Menschen und die Einkommens- und Karriereentwicklung von Frauen zu verbessern.

Mehr Einkommensgerechtigkeit

In Österreich ist zum Beispiel noch immer keine flächendeckende Versorgung mit Kinderbildungsplätzen gegeben. Das wäre eine Möglichkeit, um Frauen ein angemessenes Einkommen und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu ermöglichen. Denn nach wie vor wird Vollzeitbeschäftigung in gut dotierten Positionen vorausgesetzt.
Qualifizierte Teilzeit und geteilte Führungsmodelle werden von Unternehmen sehr selten praktiziert. Gerade weil auch mehr Frauen als Männer in Niedriglohnbranchen arbeiten, ist ein kollektivvertraglicher Mindestlohn von 1.500 Euro bei Vollzeitarbeit ein notwendiger Schritt, um zu mehr Einkommensgerechtigkeit zu gelangen.

Dieser Beitrag ist auch in Arbeit&Wirtschaft 6/2015 erschienen. Die Ausgabe beschäftigt sich mit unterschiedlichen Fragen rund um Ungleichheit.
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