Fortschritt bedeutet Arbeitszeitverkürzung – der Ansicht waren schon Marx und Keynes

Bernhard Schütz, 1. Oktober 2015

foto_schuetzImmer mehr ArbeitnehmerInnen entscheiden sich für eine freiwillige Verkürzung der Arbeitszeit. Geht es nach Karl Marx und John Maynard Keynes, so handeln sie damit durchwegs im Sinne des Fortschritts.

Michael Schwendinger weist in seinem letzten Beitrag darauf hin, dass immer mehr Menschen die Freizeitoption in ihren Kollektivverträgen nutzen und sich statt der kollektivvertraglich vereinbarten Gehaltserhöhungen für mehr Freizeit entscheiden. Die Gründe für diese Entscheidung sind vielfältig und reichen von „Ich möchte das Leben genießen“ bis „Ich möchte mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen“ (siehe Profil-Beitrag). Dies deckt sich mit der Beobachtung, dass für die junge Generation zunehmend Freizeit gegenüber beruflichem Status an Bedeutung gewinnt (siehe Hurrelmann über die „Generation Y“).

Dieser Trend zu mehr Freizeit erscheint in unserer heutigen Gesellschaft als etwas Neues. Ein Blick in die Geschichte des ökonomischen Denkens offenbart aber, dass die Idee dahinter schon viel früher mit Karl Marx (1818-1883) und John Maynard Keynes (1883-1946) sehr prominente Anhänger hatte.

Marx und die schöpferischen Möglichkeiten der Freizeit

Für Karl Marx lag das letztendliche Ziel der Geschichte in einer Gesellschaft, in der jeder Mensch sein Wesen ganzheitlich verwirklichen kann. Damit dies gelinge, hielt er es für notwendig, die Arbeitszeit (die „gesellschaftlich notwendige Arbeit“) so weit wie möglich zu reduzieren. Sobald dies geschafft ist, hebt sich der Widerspruch zwischen Arbeit und Selbstverwirklichung auf, da in der restlichen Zeit die Tätigkeiten aus innerem Antrieb und nicht aus materieller Notwendigkeit heraus gewählt werden können (Marx/Engels: „[H]eute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden“).

Keynes: Selbstverwirklichung und Vollbeschäftigung

Ähnlich wie Marx sah auch John Maynard Keynes das Ziel der historischen Entwicklung in einer Gesellschaft, in der der technologische Fortschritt es ermöglicht hat, die Arbeitszeit weitestgehend zu reduzieren und die Menschen sich in der Freizeit ihrer eigentlichen Bestimmung widmen können (siehe hierzu Keynes selbst). Den Übergang zu dieser Gesellschaft stellte er sich allerdings alles andere als leicht vor, da in einer auf Arbeit trainierten Gesellschaft gleichzeitig ein Wertewandel stattfinden müsse, der es ihren Mitglieder ermöglicht, in der Freizeit neuen Lebenssinn zu finden. Arbeit sei für uns unter anderem deshalb so wichtig, weil sie das menschliche Bedürfnis nach täglichen Aufgaben und Routinen befriedigt. Für die Befriedigung dieses Bedürfnisses hielt er allerdings auch eine 15-Stunden-Woche für ausreichend.

Letztlich werde die westliche Gesellschaft nach Keynes aber um zunehmende Verkürzungen der Arbeitszeit nicht herumkommen: Er ging 1943 davon aus (siehe hierzu Walterskirchen), dass es nach einer langen Wachstumsphase schließlich gegen Ende des 20. Jahrhunderts aufgrund der erreichten wirtschaftlichen Entwicklung immer schwieriger werden würde, ausreichend geeignete Investitionsmöglichkeiten zu finden. Daraufhin werde die Sparneigung die Investitionsbereitschaft zunehmend übersteigen und die Arbeitslosigkeit zunehmen. In dieser Phase gebe es für den Staat im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit drei Möglichkeiten: (I) durch Umverteilung von oben nach unten die Sparneigung reduzieren; (II) die staatlichen Investitionen dauerhaft erhöhen (Keynes prognostizierte für diese Phase permanente Budgetdefizite); und eben (III) die priorisierte allmähliche Verkürzung der Arbeitszeit.[1]

Fazit

Als Voraussetzungen für eine drastische Reduktion der Arbeitszeit galt für Marx die Kollektivierung der Produktionsmittel und damit verbunden eine gerechte Verteilung von Einkommen. Das 20. Jahrhundert hat gezeigt, dass schrittweise Reduktionen der Arbeitszeit auch ohne diesen radikalen Systemwechsel möglich sind. Nicht herumkommen wird man dabei allerdings um die Verteilungsdebatte, da sie die Voraussetzung dafür ist, dass freiwillige Arbeitszeitverkürzung von einem Privileg der wenigen zu einer tatsächlichen Option für alle wird. Gleichzeitig scheint in einem von Rekordarbeitslosigkeit geplagten Europa Keynes’ Prognose und seine Schlüsse daraus aktueller denn je und die zunehmende Popularität der Freizeitoption ist möglicherweise schon Teil jenes Wertewandels, den Keynes als Voraussetzung sah. In diesem Lichte scheint Arbeitszeitverkürzung nicht nur möglich, sondern sowohl um ihrer selbst willen, als auch aus reinem Pragmatismus, erstrebenswert und die aktuelle Diskussion darüber höchst zeitgemäß.

[1] Keynes ging von ausgeglichenen Leistungsbilanzen aus. Aus heutiger Sicht müsste man diese Liste noch um die Möglichkeit (IV) permanenter Exportüberschüsse ergänzen. Da allerdings nicht alle Länder gleichzeitig Exportüberschüsse produzieren können, stellt dies keine nachhaltige Strategie dar (siehe Eurokrise).

Dieser Beitrag basiert auf dem Artikel „Fortschritt und Arbeitszeit: Ein Vergleich der Ansichten von Marx, Keynes und der Sozialdemokratie“, erschienen in Momentum Quarterly 3(2), 2014.