Faire Verteilung der Arbeitszeit

Wolfgang Katzian, 19. Oktober 2015

Wolfgang_KatzianZeit ist eine der wichtigsten Ressourcen, die wir Menschen zur Verfügung haben. Neben der Bezahlung sind es daher Fragen der Arbeitszeitgestaltung, die uns im gewerkschaftlichen Alltag am intensivsten beschäftigen. Wir brauchen neue und faire Arbeitszeitmodelle, die den ArbeitnehmerInnen mehr Zeit zum Leben lassen: Zeit für Familienleben, Regeneration, Sport oder Weiterbildung sowie Teilhabe am politischen und kulturellen Leben. Vorbehalte gegenüber Arbeitszeitverkürzung kann man durchaus als „retro“ bezeichnen.

Absurde Situation

Quer über alle Branchen haben sich die Vertreter von Industrie und Wirtschaft ein Patentrezept zurechtgelegt, das lautet: Länger arbeiten, mehr Überstunden machen, später in Pension gehen, noch flexibler werden. Damit den ArbeitnehmerInnen dabei nicht die Motivation verloren geht, wird dazu regelmäßig die Keule des Jobverlustes geschwungen. Und wenn trotz allem die versprochene positive Wirkung auf die Unternehmen und die Wirtschaft ausbleibt, dann muss nicht das Rezept überdacht, sondern die Dosis erhöht werden.

Die Konsequenz dieser Strategie ist, dass wir uns in einer absurden Situation wiederfinden. Immer mehr Menschen arbeiten an ihrem absoluten persönlichen Limit und darüber hinaus. Mit immer weniger Personal soll ein immer größeres Arbeitsvolumen bewältigt werden. Mehr als 270 Millionen Überstunden wurden allein im Vorjahr in Österreich geleistet. Jede fünfte Überstunde bleibt unbezahlt. Diesem Überstundenwildwuchs stehen aktuell fast 320.000 Menschen gegenüber, die gar keine Arbeit haben. Aber wehe dem, der in dieser Situation auf die Idee kommt, etwas an der Verteilung der Arbeitszeit verändern zu wollen. Der wird von Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung sofort ins Retro-Eck gestellt und als Bedrohung für die Wirtschaft bezeichnet.

Gefährdung der Wirtschaft

Dabei ist es retro und eine Gefährdung für die Wirtschaft, wenn man sein Rezept auch dann nicht ändert, wenn es nachweislich keinen Erfolg bringt. Weniger arbeiten und mehr Zeit zum Leben zu haben liegt nicht nur im Interesse der Einzelnen. Auch die Unternehmen profitieren davon, wenn die Beschäftigten nicht ausschließlich am Limit arbeiten, sondern ausgeruht zur Arbeit kommen. Permanenter Leistungsdruck und Stress verhindern Kreativität und zerstören Motivation. Ein solches Arbeitsumfeld schadet auch den Unternehmen massiv und verursacht Folgekosten, die im kurzfristigen Profitdenken nicht mitberücksichtigt werden.

Neue Arbeitszeitmodelle – mehr Zeit zum Leben

Wir brauchen eine neue faire Verteilung der Arbeitszeit und Arbeitszeitmodelle, die den ArbeitnehmerInnen mehr Zeit zum Leben lassen, Zeit für Familienleben, Regeneration, Sport oder Weiterbildung sowie Teilhabe am politischen und kulturellen Leben. Männer wie Frauen brauchen mehr Zeit, wenn sie kleine Kinder zu Hause haben oder eine/n Angehörige/n pflegen, ebenso wollen sie vielleicht gegen Ende des Berufslebens langsam weniger arbeiten. Dazwischen kann es Phasen geben, wo Beruf und Karriere wichtig sind und sie gerne viel arbeiten. Ausmaß und Lage der Arbeitszeit entsprechend der jeweiligen Lebensphase selbst bestimmen zu können, kann enorm viel Druck wegnehmen und ganz wesentlich zur psychischen und physischen Gesundheit beitragen.

Beschäftigungswachstum

Notwendig ist eine Reduktion von Überstunden genauso wie die Verlängerung des Urlaubs und eine generelle Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf 35 Stunden. Auf Sabbaticals und Auszeiten muss ein Rechtsanspruch bestehen. Und wir sagen All-in-Verträgen den Kampf an. Wenn es gelingt, ein Drittel der Überstunden – nämlich jene, die regelmäßig anfallen – in mehr Arbeitsplätze umzuwandeln, wären das über 50.000 Vollzeitarbeitsplätze. Eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf 35 Stunden, also um 10 Prozent, würde ein Beschäftigungswachstum von rund 100.000 neuen Jobs bringen. Die Augen vor solchen Argumenten zu verschließen und nur an den kurzfristigen Profit zu denken ist nicht nur wirtschafts-, sondern auch zukunftsfeindlich – man könnte auch sagen retro.

Dieser Beitrag stammt aus der Oktober-Ausgabe 2015 von „Arbeit & Wirtschaft“. Sie beschäftigt sich ausführlich mit den Themen Be- und Entschleunigung in Arbeitswelt, Bildung und Freizeit.
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