Erbschaften und Schenkungen – Hauptursachen für Vermögensungleichheit

Sebastian Leitner, 10. März 2015

Leitner_SebastianVermögen sind in Österreich ungleicher verteilt als in allen anderen Ländern der Eurozone. Diese Tatsache ist mittlerweile hinlänglich bekannt. Unklarer ist allerdings, wie stark einzelne Faktoren die Vermögensungleichheit beeinflussen: Werden Vermögen durch erwirtschaftetes Einkommen und Ersparnisse aufgebaut? Oder ist Reichtum hauptsächlich ererbt? Ist die beobachtete Ungleichheit auch Ergebnis der Vermögensunterschiede zwischen jungen (Single-)Haushalten und jenen, die über die Lebensspanne Vermögen aufgebaut haben? Sind höhere Vermögen auch auf bessere Ausbildung zurückzuführen oder eventuell Ergebnis unterschiedlicher Haushaltgrößen? Das wichtigste Ergebnis der Analyse vorweg: Erbschaften und Schenkungen sind der wichtigste Faktor für Vermögensunterschiede – Österreich ist auch hier ein Spitzenreiter in Europa.

Was bestimmt Ungleichheit?

Für eine aufgeklärte Diskussion über Vermögensungleichheit ist weniger von Bedeutung ob die oben gestellten Fragen mit JA beantwortet werden können (denn offensichtlich sind alle Erklärungen mehr oder weniger relevant), sondern welche Begründungen mehr und welche weniger Gewicht haben. Dieser Themenstellung bin ich in meiner aktuellen Studie am Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) aus quantitativ-ökonomischem Blickwinkel nachgegangen, die soeben in der Working Paper Series der AK Wien erschienen ist. Die zentrale Frage ist dabei, in welchem Ausmaß die Vermögensungleichheit in Österreich und anderen Euroländern insbesondere auf die ungleiche Verteilung von Erbschaften und Schenkungen zurückzuführen ist. Alternative Einflussfaktoren auf die Verteilungssituation, die in der Untersuchung berücksichtigt wurden, sind Unterschiede in den Haushaltseinkommen und sozioökonomischen Charakteristika zwischen den Haushalten (Bildungsstand, Haushaltsgröße und -struktur, Durchschnittsalter, Familienstand und Migrationshintergrund der Haushalte).

Zur Erinnerung: Martin Schürz und Pirmin Fessler haben bereits in einer ersten Auswertung der HFCS – Daten für Österreich auf die Bedeutung von Erbschaften und Schenkungen für Vermögensungleichheit hingewiesen und auch am AK-Blog diskutiert. Nur etwa 35% der österreichischen Haushalte haben zum Zeitpunkt der Erhebung bereits eine Erbschaft oder Schenkung erhalten. Erbschaften und Schenkungen sind mit einem Gini-Koeffizienten von 0,89 noch ungleicher verteilt als Brutto- (0,76) und Nettovermögen (0,73).

Erbschaften und Schenkungen Hauptursachen für Ungleichheit

Mittels ökonometrischer Zerlegungsverfahren (shapley value decomposition) wurde nun die relative Bedeutung einzelner Erklärungsfaktoren untersucht. Hochsignifikant dabei: Erbschaften und Schenkungen liefern in Österreich den höchsten Beitrag zur Ungleichheit von Bruttovermögen. Fast 40% der gemessenen Ungleichheit kann darauf zurückgeführt werden.
Vermoegensungleichheitsfaktoren AT

Im Europavergleich bewegen sich nur Deutschland und Zypern in vergleichbaren Größenordnungen:
Vermoegensungleichheitsfaktoren Euro

Einkommensunterschiede nur halb so relevant

Im Gegensatz hierzu ist Vermögensungleichheit nur zu einem relativ geringen Teil aus der Einkommensposition der Haushalte zu erklären. Unterschiede im Haushaltseinkommen tragen in Österreich nur 20% zur Gesamtungleichheit der Bruttovermögen bei – halb so viel wie Erbschaften.

Wie zu erwarten, prägen auch weitere sozioökonomische Unterschiede zwischen den Haushaltsgruppen die Vermögensungleichheit, ihre Einzelbeiträge sind jedoch relativ gering.

Es zeigt sich, dass ein höherer Bildungsstand des Haushalts auch mit einem höheren Vermögen einher geht (unabhängig von Erbschaft, Verdienst, Alter oder anderen Einflussfaktoren). In Österreich ist dieser bereinigte Effekt des durchschnittlichen Bildungsniveaus der Haushalte jedoch relativ gering. Nur etwa 6% der Vermögensungleichheit kann durch Bildungsunterschiede erklärt werden.

Die Analyse zeigt auch, dass Individuen und Haushalte während ihres Erwerbslebens – soweit ein genügend hohes Einkommen vorhanden ist – über den Lebenszyklus Vermögen ansparen, und dieses in der Pension (auch durch Schenkungen) wieder leicht absinkt. In Österreich sind jedoch nur 8% der Vermögensungleichheit durch diese „Lebenszyklushypothese“, wonach das Durchschnittsalter der erwachsenen Haushaltsmitglieder die Vermögensunterschiede bestimmen sollte, zu erklären.

Ein offensichtlicher Grund für unterschiedlich hohe Vermögensbestände zwischen Haushalten ist die Haushaltsgröße und -struktur: Je mehr Erwachsene im Haushalt leben, desto größer sollte die Möglichkeit sein aus vorhandenem Einkommen zu sparen, aber auch der Anreiz vorzusorgen sollte steigen. Die Anzahl der im Haushalt lebenden Kinder kann durch steigende Konsumausgaben und Sparanreize für die Nachkommenschaft theoretisch sowohl einen positiven als auch einen negativen Einfluss auf den Vermögensaufbau haben. Der Gesamteffekt der Haushaltsgröße und -struktur (Erwachsene und Kinder) erklärt in Österreich 13% der gesamten Vermögensungleichheit.

Zwei weitere Variablen wurden zur Erklärung der Vermögensungleichheit herangezogen: das Geburtsland sowie der Familienstand des (männlichen oder weiblichen) Haushaltsvorstandes. Haushalte, deren Vorstände zugewandert sind, haben in Österreich wie in fast allen analysierten Euroländern geringere Bruttovermögen. Die Analyse zeigt zudem, dass in Österreich Haushalte mit verheirateten oder verpartnerten Vorständen höhere Vermögensbestände besitzen als Single-Haushalte (unabhängig von der Haushaltsgröße). Ist der Haushaltsvorstand verwitwet oder geschieden, ist die Vermögenshaltung noch geringer im Vergleich zu Single-Haushalten. Die Variablen Familienstand und Migrationshintergrund tragen in Österreich 10% bzw. 4% zur gemessenen Vermögensungleichheit bei.

Zur Vollständigkeit: In der Forschungsarbeit wurde das ökonometrische Zerlegungsverfahren neben Bruttovermögen auch auf Nettovermögen angewandt. Die Ergebnisse bleiben im Wesentlichen gleich.

Gegen ein Abdriften in die Erbaristokratie oder „Wo woar die Leistung?“

Sollten Sie nun der Meinung sein, dass die Studienergebnisse Argumente für die (Wieder-)Einführung der Erbschaftssteuer oder anderweitiger Vermögenssubstanzsteuern liefern, so haben sie eventuell bereits einige Materialien zum Thema gelesen, oder es sagt eventuell etwas über ihre Herkunft oder ihren Werdegang aus (siehe Interview mit Hartmann zu Deutschland). In der Nebelmaschine der derzeit herrschenden Politik treffen einander „Alles nur eine Neiddebatte“ und „Sama ehrlich, geht’s uns schlecht“, während die Differenzen in den Lebensrealitäten zwischen „oben“ und „unten“ zunehmend größer werden. Die Vernebelten dazwischen haben Angst davor trotz treu gelebter Leistungsmoral Status und Freiheitsräume zu verlieren. Aus Angst wird Wut – „ich habe doch immer geleistet“ – und schon freuen sich die Lehnsherren über den Zulauf fleißiger Vasallen, die sich bei Erbschaftssteuermodellen mit einem Freibetrag von 1 Million Euro bedroht fühlen. Abwehrkonstrukte der Marke „win-win“ und „solidarische Leistungsgesellschaft“ können den Zeitpunkt zu dem wir uns gesellschaftlich breiter damit auseinandersetzen wie wir der wachsenden Ungleichheit entgegensteuern nur verschieben – der Aufklärung muss Veränderung folgen.